12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #9 | Sturmhöhe

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Im September begann pünktlich zu Beginn der Grusel-Zeit meine literarische Reise durch die Schauerliteratur, die sich in meinem Regal befindet. Passend dazu hatte ich mir für den September den Klassiker “Sturmhöhe” von Emily Brontë ausgesucht – ein herrlich düsteres Buch aus dem Jahr 1847, in dem Doppelungen, Wiederholungen und menschliche Abgründe im Mittelpunkt stehen.

E M I L Y    B R O N T Ë    –    S T U R M H Ö H E

“Ich weiß, dass Geister auf Erden umgegangen sind. Sei nun du immer um mich – nimm jede Gestalt an – treibe mich zum Wahnsinn – nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann. O Gott, ich kann nicht leben ohne mein Leben. Ich kann nicht leben ohne meine Seele.”

Emily Brontë | Sturmhöhe | S. 156f.

Wie oft habe ich von anderen Lesern gehört, dass sie Sturmhöhe nicht ertragen konnten, dass ihnen besonders der Stammbaum, der mit verwirrend gleichklingenden Namen in drei verschiedenen Generationen aufwartet, das Lesevergnügen vermiest hat und dass dieses Buch generell zu sehr auf die Stimmung schlug. Kein Wunder also, dass ich mit ordentlich Bammel an meinen Septemberklassiker zur Hand nahm – nur, um dann festzustellen: oh mein Gott. Ich liebe es! Es ist düster, Charaktere und Setting sind faszinierend ohne Ende und es hat die verdrehtesten Familienverhältnisse aller Zeiten – ein Gothic Novel (aka. Schauerroman) genau nach meinem Geschmack. Aber worum geht es in Emily Brontës einzigem Roman denn eigentlich?

I n h a l t

Willkommen auf dem windgepeitschten Gutshof Wuthering Heights! Hier, umgeben von Mooren, in denen man sich leicht verirren und wo man schon mal den ein oder anderen Geist erspähen kann, lebt der alte Mr. Earnshaw mit seinen zwei leiblichen Kindern Hindley und Catherine und dem Adoptivsohn Heathcliff. Als ihr Vater stirbt, übernimmt der große Bruder Hindley den Gutshof, und in seiner Missgunst dem Findelkind Heathcliff gegenüber, den der Vater immer ein bisschen mehr zu lieben schien, wird Heathcliff zum Sklaven und Stallburschen degradiert. Keine leichte Zeit für den armen Heathcliff! Aber immerhin bleibt ihm noch die innige Freundschaft und Liebe zu seiner Catherine… bis die sich dazu entschließt, aufgrund der Standesunterschiede zwischen ihr und Heathcliff einen anderen zu heiraten – Edward Linton von Thrushcross Grange. Heathcliff verschwindet gekränkt vom Gutshof, nur um Jahre später als wohlhabender Mann zurückzukommen, tödliche Rache im Sinn…

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Etwas, das beim Lesen dieses Romans von großem Vorteil ist, ist eine Verbildlichung des Stammbaums der beiden großen Gutshöfe Wuthering Heights und Thrushcross Grange, die wie eine harte Gegenüberstellung von Kultiviertheit in hellen, weitläufigen Hallen und der Rohheit des sturmumtosten Hofes wirken.

Catherine, Linton, Heathcliff: Diese drei Namen doppeln sich im Laufe der Geschichte und treiben das Verwirrspiel zwischen den zwei großen Häusern beinahe ad absurdum. Allerdings empfinde ich gerade diese Namenswiederholung in den verschiedenen aufeinanderfolgenden Generationen als ziemlich faszinierend, weil all dies noch zusätzlich die Tragik des Geschehens und die Tragweite der Entscheidungen einzelner Charaktere unterstreicht – und gleichzeitig Hoffnung schürt für die Generation, mit der Sturmhöhe abschließt.

Auszug aus: York Notes Wuthering Heights AS&A2 Revision book

Die Sturmhöhe ist wahnsinnig clever konstruiert. Und dann noch auf eine Weise, die den viktorianischen Lesern neu war und daher nicht besonders viel Anklang fand. Sicher, zu Beginn muss man in die Geschichte hineinfinden, da dem Leser zunächst ein Blick in zukünftige Ereignisse auf Wuthering Heights gestattet wird, ehe zu den Geschehnissen zurückgekehrt wird, mit denen die Geschichte ursprünglich ihren Lauf nahm. Diese leicht verzwickte Lage ist richtig, richtig gut gelöst: indem Emily Brontë auf verschiedene Erzählinstanzen zurückgreift.

Am Anfang folgen wir noch den Tagebuchaufzeichnungen eines jungen Herrn, der Thrushcross Grange gepachtet hat. Dieser stattet dem Besitzer von Thruscross Grange, unserem Antihelden Heathcliff, einen Besuch auf Wuthering Heights ab. Durch ihn erhalten wir eine Art Vorschau auf die dritte Generation, die am Schluss des Romans noch einmal aufgegriffen wird und mit der sich der Kreis der Erzählung schließt. Der gute Mann ist wahnsinnig neugierig, was da auf Wuthering Heights vor sich geht und wie alles mit dem von ihm gepachteten Gutshaus Thrushcross Grange zusammenhängt – und befragt seine Haushälterin, Nelly Dean, die selbst lange Zeit beiden Haushalten gedient hat. Diese Art, Geschichten zu erzählen, hielt ich schon bei Mary Shelleys “Frankenstein” für einen Geniestreich.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Nicht nur diese innovative Art, eine Geschichte zu erzählen, sorgte dafür, dass Emily Brontës Werk verdientermaßen in den Kanon der Klassiker aufgenommen wurde. Die Sturmhöhe gewährt uns einen Einblick in die gesellschaftliche Ordnung des späten 19. Jahrhunderts. Zum einen sind es natürlich die thematisierten Standesunterschiede, die das Schicksal der Charaktere besiegelt, aber andererseits ist es das Erbrecht, mit dem Brontë Heathcliffs Rachepläne so eindrucksvoll literarisch umsetzen konnte. Das zu ihrer Zeit geltende Recht, dass das Erbe immer an einen männlichen Erben weitergegeben werden musste, bedeutete für viele Frauen den Ruin und absolute Abhängigkeit von ihrem über sie bestimmenden Vater, Ehemann oder Bruder.

Spannend ist außerdem der psychologische Aspekt der Charakterzeichnung in der Sturmhöhe: Mit ihren allesamt moralisch grauen Charakteren zeigt Brontë, dass niemand nur gut oder böse ist, sondern dass es ein Zusammenspiel aus Veranlagung, eigenem Antrieb und den Außeneinwirkungen ist, die einen Charakter formen – in jeglicher Hinsicht ein zeitloser und für ihre Zeit sehr moderne Anschauung des menschlichen Wesens.

Sturmhöhe ist ein faszinierender Roman darüber, was einen Menschen formt, prägt und zu dem macht, was er ist. Keiner der Charaktere ist gänzlich gut oder gänzlich böse, mit keinem von ihnen kann man sich vollständig identifizieren. Emily Brontë war mit ihrem einzigen Roman ihrer Zeit weit voraus, und das liest man aus jeder Zeile dieser überaus düsteren Geschichte heraus. Ein Muss für jeden, der offen ist für Charaktere, die nicht nur am Rand des Menschlichen Abgrundes stehen, sondern sich Anlauf nehmend Kopfüber in diese Abgründe hineinwerfen.


Rating: 5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    S e p t e m b e r  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Emily Brontë
Titel:         Sturmhöhe [OT: Wuthering Heights]
Verlag:      Diogenes Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1847 (diese Ausgabe: 1999)
Seiten:       319
Genre:     [Klassiker | Gothic Novel / Schauerroman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

11 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #9 | Sturmhöhe

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