12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #7 | Die Klangprobe

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Der Juli liegt schon lange hinter uns, und doch möchte ich euch an meinen Gedanken zu dem Klassiker, den ich in dem Sommermonat gelesen habe, teilhaben lassen: “Die Klangprobe”, der im Jahr 1990 veröffentlichte Roman von Siegfried Lenz, ist ein Meisterwerk über die Vergänglichkeit im Allgemeinen – und im Besonderen.

S I E G F R I E D    L E N Z   –    D I E    K L A N G P R O B E

“Mir war, als ob ich dir noch einmal zuhörte, noch einmal die Steine aus deiner Hand nahm, um selbst der unglaublichen Architektur inne zu werden, die aus dem kosmischen Schmelzofen hervorging. Die Pyramiden der Kristalle, die Kuben des Eisens, all die verschmolzenen Profile und Granate und die wiederkehrenden Strukturen und Grundfiguren, die im Erkalten für immer bewahrt wurden – ich betrachtete sie mit deinem Blick, und ich musste daran denken, was dir einst vorschwebte und wovon du träumtest, als du mich immer wieder in deine Welt hineinzogst.”

Siegfried Lenz | Die Klangprobe | S. 325

Als ich mit “Die Klangprobe” begann, wusste ich nichts über den Inhalt. Den Klappentext hatte ich bewusst nicht gelesen, ich wollte mich überraschen lassen. Was langsam begann und einige Leser als langatmige Geschichte empfinden, ist in Wahrheit ein komplexes Bild über den Menschen, über die Vergänglichkeit seiner selbst und dessen, was um ihn herum existiert. Eine Geschichte über Steine, und das, was in ihnen verborgen liegt.

I n h a l t

Jan Bode hatte eigentlich Lehrer werden wollen, sein Vater allerdings wollte, dass er seinen Steinmetzbetrieb übernimmt. Doch momentan sind Pädagogen nicht gefragt, weshalb Jan nun mit seiner Pädagogenausbildung in der Tasche als Kaufhausdetektiv arbeitet. Als er eine Kundin dabei beobachtet, wie sie ein Stangenbrot unter ihrer Jacke verschwinden lässt, bricht er mit seinen Prinzipien: er lässt sie gehen. Er verliebt sich in diese Kundin, in Lone, die junge Frau, die für sich und ihren kleinen, verwaisten Neffen Fritz sorgt. Sie finden sogar in dem alten Schulgebäude Unterkunft, in dem Jan mit seinen Eltern und zwei Geschwistern lebt. Der kleine Fritz ist es schließlich, der mit seiner Leidenschaft für das Handwerk des Steinmetzes das Herz des alten Bode erweicht.

Aus der Perspektive von Jan erfährt man, wie sich das Leben der gesamten Familie Bode verändert, als Lone und Fritz in deren Leben treten. Man sieht die Welt aus den Augen des gescheiterten Pädagogen, sieht, wie jeder in der Familie mit seinem ganz eigenen Schicksal zu kämpfen hat, und wie ein jeder mit seinem Los umgeht.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Siegfried Lenz ist einer dieser Autoren, die damals im Bücherregal meiner Eltern besonders viel Platz einnahmen. Ein ganzer Regalboden gefüllt mit Lenz-Werken! Seine Schreibweise fasziniert mich jedes Mal aufs Neue – denn selbst wenn die Geschichte an sich so durchdrungen ist von einer unterschwelligen Traurigkeit wie hier in der Klangprobe, so ist das Ganze doch in leisen Tönen verfasst. Lenz pocht nicht darauf, dass du jetzt weinen sollst, er dreht den Dolch nicht in der Wunde herum. Er schreibt, und man glaubt ihm. Man fühlt, was er schreibt. Das Herz weiß Bescheid, bevor der Kopf hinterhergaloppiert.

Wisst ihr, was ich besonders liebe? Wenn der Titel des Buches Programm ist. Die Klangprobe. Da tut sich bereits das Kopfkino auf, erweckt die Fantasie zum Leben. Die Klangprobe ist hier nämlich zweierlei gedacht. Zum einen bezeichnet sie einen Prozess während der Bearbeitung eines Steinblockes, bei der der Stein, der bearbeitet werden soll, angeschlagen wird. Der dabei entstehende Klang zeigt, was in dem Stein steckt – offenbart demnach seine Güte. Auf hervorragende Art und Weise lässt sich die Klangprobe natürlich auch auf das Leben der Menschen anwenden: Wie geht jeder Mensch individuell mit Schicksalsschlägen um? Was steckt in ihm? Ist er von besonderer Güte oder zerbricht er, sobald das Leben ihn anschlägt? Wie ich finde, ist Siegfried Lenz dabei eine berührende Herangehensweise an dieses faszinierende Thema gelungen, indem er sie auf Protagonisten anwendet, die so sind wie du und ich. Ganz normale Leute, die dann und wann mit dem Leben hadern. Wo sich im Ernstfall zeigt, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – oder wie in diesem Falle, aus welchem Stein sie gemeißelt sind.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Lenz hat mit seinen Werken schon oft auf seine ganz eigene Art und Weise seine Protagonisten durchleuchtet und damit Geschichten geschrieben, die unter die Haut gehen. Die Klangprobe ist da keine Ausnahme. Ich finde, gerade Werke über das menschliche Wesen, über Schicksal und darüber, wie jedes Individuum mit Steinen umgeht, die ihm vom Leben in den Weg gelegt werden, sind etwas ganz und gar zeitloses. Dieses Thema ist allgegenwärtig und jedes Mal ist es aufs Neue faszinierend, den Protagonisten auf ihrem Weg zu folgen. Und sich vielleicht dann und wann zu fragen: Wie würde es mir an seiner Stelle ergehen? Würde ich den selben Weg wählen, den sie gegangen ist? Was würde ich anders machen? Und, vor allem: Wie fällt meine ganz persönliche Klangprobe aus?

Meiner Meinung nach sollte jeder einmal etwas von Siegfried Lenz gelesen haben. Die Klangprobe gehört offenbar zu seinen weniger bekannten Werken – und ist dabei nicht weniger wichtig oder bedeutend wie beispielsweise Die Deutschstunde. Ein Werk, das sich leise anschleicht, und dann lange in den Gedanken verharrt. Mein Rat: Greift unbedingt zur Klangprobe!


Rating: 4.5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    J u l i  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Siegfried Lenz
Titel:         Die Klangprobe
Verlag:      Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
Jahr der Veröffentlichung:  1990 (diese Ausgabe: 2000)
Seiten:       477
Genre:     [Klassiker | Roman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

11 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #7 | Die Klangprobe

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