12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #2 | Schnee auf dem Kilimandscharo

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Mit seinen lediglich 37 Seiten ist die Kurzgeschichte “Schnee auf dem Kilimandscharo” von Ernest Hemingway tatsächlich der kürzeste unter den 12 Klassikern dieses Jahres. Der Klassiker für den Februar brachte mir nicht das erhoffte Winterfeeling, für das ich das Werk extra in die Wintermonate gelegt hatte, ganz im Gegenteil: die Geschichte spielt in Afrika, einem Land, das Hemingway sein Leben lang faszinierte. Und, sagen wir es so: es ist eine Geschichte, in die man sich auf den zweiten Blick verliebt.

Hemingway_01

E R N E S T    H E M I N G W A Y    –    S C H N E E    A U F    D E M    K I L I M A N D S C H A R O

“Du Miststück”, sagte er. “Du Miststück zu meinem Glück. Das ist Poesie. Ich bin voller Poesie. Fäule und Poesie. Verfaulte Poesie.”
“Hör auf, Harry, was musst du jetzt so ein Teufel werden?”
“Ich will nichts hinterlassen”, sagte der Mann. “Ich lasse nicht gern etwas zurück.”

Ernest Hemingway | Schnee auf dem Kilimandscharo | S. 16


Im Jahr 1936 wurde diese kurze Tragödie veröffentlicht, und wird zum großen, literarischen Klassiker-Kanon gezählt. Eine Tatsache, die mich beim ersten Lesen zum Nachdenken angeregt hat – denn auf den ersten Blick  wirkt Hemingways Geschichte fast schon nüchtern, gleichmütig und abgebrüht, sogar modern in ihrer Erzählweise. Doch der zweite Blick, der hat es in sich. Zunächst jedoch die allerwichtigste Frage: Worum geht es in “Schnee auf dem Kilimandscharo” überhaupt – und welche Rolle spielt denn nun der von uns so vermisste Schnee in diesem afrikanischen Setting?

I n h a l t

Die Kurzgeschichte beginnt, und der Leser lauscht dem Gespräch eines Ehepaares. Harry und Helen befinden sich auf Safari in Afrika, eine Reise, die dank Helens Finanzen möglich ist. Doch es ist nicht so, wie beide es sich vorgestellt hatten. Denn Harrys Bein hat ein Gangrän entwickelt, und die weit vorangeschrittene infektiöse Entzündung sorgt nun dafür, dass Harry auf der Pritsche liegt und auf seinen eigenen Tod wartet. Noch dazu hatten sie eine Autopanne, und das Rettungsflugzeug lässt auf sich warten. Alles in allem keine sonderlich prickelnde Situation. Die Wartezeit ist gefüllt mit Streitgesprächen, mit Reflexion von Vergangenem und Reue, nicht mehr aus seinem Leben gemacht zu haben.

In einiger Ferne liegt der Kilimandscharo, ein von Schnee und Eis bedeckter Berg in Afrika. Einer seiner Gipfel wird als heilig angesehen, und nicht weit von dieser Stelle liegen, so erzählt uns das Vorwort, die Überreste eines erfrorenen Leoparden. Ob er auf der Suche nach einem heiligen Ort war? Niemand kann es sagen. Auch für Harry ist der hell leuchtende Gipfel des Kilimandscharo während seiner bettlägerigen Zeit ein Ort, zu dem er sehnsüchtig hinüber sieht – und er ist die Metapher für die Tore zum Himmel, dort, wo Harry seine eigene Erlösung zu finden hofft.

Die Kurzgeschichte mag einem nur einen kleinen Einblick geben in ein Zeitfenster von einem Tag, in dem sich Harrys Gesundheitszustand rapide verschlechtert und seine Gedanken immer öfter zu dem wandern, was er noch alles hätte tun wollen, worüber er hätte schreiben wollen, es sich aber nicht zugetraut hat. Die Sprache ist knapp, die Dialoge fühlen sich an, als würde man tatsächlich dem Streitgespräch eines Paares zuhören, die sich gerade in einer enorm schwierigen Situation befinden. Und doch ist es genau diese sachliche und doch tiefergehende Darstellung dieser Situation, die die Kurzgeschichte so besonders macht. Es ist eine einzigartige Momentaufnahme, ein Schnappschuss, und je länger man diese Fotografie aus Worten betrachtet, desto mehr erkennt man vom großen Ganzen, das hinter diesem geschilderten Moment liegt.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Ernest Hemingways Faszination für Afrika war so groß, dass er selbst an mehreren Safaris teilnahm, die jeweils einige Monate dauerten. Diese Gegend inspirierte ihn zu einigen seiner Geschichten, unter anderem auch zu “Schnee auf dem Kilimandscharo”. Viele seiner Eindrücke hat er in die Kurzgeschichte einfließen lassen und spielt dabei mit Metaphern und Symbolen, deren tiefere Bedeutung dem Leser zeitweise Rätsel aufgeben.
Die Geschichte wurde 1936 veröffentlicht, was bedeutet: hinter Hemingway lag der erste Weltkrieg mit 40 Millionen Toten, sowie der anschließende Ausbruch der Virusgrippe 1918, die weltweit 50 Millionen Tote forderte. Kriegstraumata, Hunger, Kälte und die dramatische Reduktion der Bevölkerung – all das sind Dinge, die Hemingway kennenlernte und die ihn, wie auch andere Schriftsteller (z.B. den amerikanischen Autor F. Scott Fitzgerald) in seinen Werken beeinflusste. Auch in “Schnee auf dem Kilimandscharo” reflektiert Harry über seine Zeit als Soldat, lässt Erlebnisse Revue passieren.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Ich gebe zu: als ich Hemingways Kurzgeschichte das erste Mal beendet hatte, war ich zwiegespalten. Ich hatte nicht damit gerechnet, eine doch recht moderne Geschichte vorzufinden, die auch noch im Sinne der heutigen Erzählungen eine so moderne Schreibweise aufweist. Worin liegt hier also das Klassikerpotenzial, wenn nicht in einer abgehobenen, verschnörkelten Sprache? Allerdings ist genau das, diese verwendete Erzählweise, was Hemingways Geschichte zum Klassiker macht.
Gerade für das Veröffentlichungsjahr 1936 war Hemingways Schreibstil ein Aufbruch in eine neue literarische Zeit. Durch seinen journalistisch angehauchten Erzählstil und die neue Methode des stream of consciousness (zu dt. Bewusstseinsstrom) kennzeichnete er sich selbst als der Lost Generation zugehörig. Diese verlorene Generation von Soldaten, die einen Krieg überstanden haben, der es nötig macht, nach neuen Werten und Traditionen zu suchen, alles hinter sich zu lassen, was in dieser furchtbaren Zeit geschah. Das spiegelt sich in jeder Reflexion des Protagonisten wider, und ist ein mustergültiges Beispiel für die Zeit, in der Hemingway lebte und schrieb.

“Schnee auf dem Kilimandscharo” ist sicher nicht die letzte Erzählung, die ich von Ernest Hemingway gelesen habe, denn auch seine anderen Kurzgeschichten sind auf ihre ganz eigene Weise bewegend. Lässt man sich auf seinen journalistischen Erzählstil ein, und zieht in Betracht, unter welchen Umständen die Geschichten entstanden, dann wird man  automatisch Teil dieses beeindruckenden Zeitzeugnisses. Und allein das ist schon unglaublich!



Angaben zum Februar-Klassiker:
Autor:
       Ernest Hemingway
Titel:         Schnee auf dem Kilimandscharo
Verlag:      Rowohlt Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1936 (diese Ausgabe: 2016)
Seiten:       37
Genre:     [Klassiker | Essay | Tragödie | Kurzgeschichte]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

7 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #2 | Schnee auf dem Kilimandscharo

  1. Ich hab “Schnee auf dem Kilimandscharo” sehr gemocht. Hemingway lotet ja immer die grenzen aus, geht ganz ran an den Abgrund, der hier in Form vom Tod sehr präsent ist. Tolles Projekt, das Klassikerprojekt.

    Liked by 1 person

    1. Vielen lieben Dank!
      “Schnee auf dem Kilimandscharo” ist wirklich was ganz Besonderes. Gerade diese Nähe zum Tod hat mich enorm fasziniert – nicht jeder Autor bekommt es hin, den Aspekt des Sterbens so scheinbar abgeklärt und gleichzeitig doch so tiefgründig darzustellen. Fand ich richtig klasse!

      Liebste Grüße,
      Ida

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  2. Liebe Ida,
    wie du dieses Buch beschreibst, machst du jedenfalls mir sofort Lust, es zu lesen! Ich habe eher weniger Klassiker in meinem Schrank stehen, deswegen finde ich dieses Projekt sehr cool! Vielleicht schaffe ich es irgendwann, mehr davon zu verschlingen.

    Liebe Grüße,
    Linda 🙂

    Liked by 1 person

    1. Liebe Linda,
      das freut mich riesig! 🙂 Ich glaube, gerade wenn man eher selten dazu kommt, Klassiker zu lesen, ist “Schnee auf dem Kilimandscharo” bestens geeignet – schon allein deshalb, weil es neben dieser Erzählung einige weitere Kurzgeschichten aus Hemingways Feder enthält. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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