12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #6 | Zärtlich ist die Nacht

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Für den Monat Juli hatte ich mir “Zärtlich ist die Nacht” von F. Scott Fitzgerald bereitgelegt. Sein neun Jahre vor der Veröffentlichung dieses Romans zurückliegendes Werk “Der Große Gatsby” gehört schon seit Langem zu meinen Lieblingsbüchern, deshalb war ich auf den so autobiographisch gefärbten Roman besonders gespannt. Ob mich auch dieser Klassiker von sich überzeugen konnte, lest ihr im folgenden Beitrag!

F.    S C O T T    F I T Z G E R A L D    –    Z Ä R T L I C H    I S T    D I E    N A C H T

“Später, in der Erinnerung, erschienen alle Stunden des Tages ihr glücklich – es war einer dieser ereignislosen Tage, die im Hier und Jetzt nur als Bindeglied zwischen künftigen und vergangenen Freuden erscheinen, aber im Nachhinein das Glück selbst sind.

F. Scott Fitzgerald | Zärtlich ist die Nacht | S. 94

Kaum einer beschreibt das Leid der Menschen so innig, so nah an der Realität wie F. Scott Fitzgerald. Unzählige Male hat mich The Great Gatsby gefesselt und atemlos die Seiten umblättern lassen, bangend, wie es für die Protagonisten ausgehen würde – und jedes Mal aufs Neue auf ein Happy End hoffend. Ganz so mitreißend war ‘Zärtlich ist die Nacht’ aus dem Jahr 1934 nicht, aber trotzdem war ich wieder einmal beeindruckt von Fitzgeralds Art zu schreiben. Denn hier überzeugen die leisen, eindringlichen Töne, die sich wie ein roter Faden durch das 500-Seiten-schwere Buch ziehen, hier schockiert die Nähe zum wahren Leben der Fitzgeralds, die unerbittlich durch die Druckerschwärze hindurchstrahlt.

I n h a l t

Es ist ein besonders heißer Sommer an der Côte d’Azur im Jahre 1925, der das Leben des Psychiaters Richard Diver auf den Kopf stellen soll. Gemeinsam mit seiner Frau Nicole verbringt er die Sommersaison an weißen Sandstränden, umringt von einer Schar illustrer Bekannter. Als sich die 17-jährige Schauspielerin Rosemary Hoyt zu dieser Runde um die Divers gesellt und sich in Richard Diver verliebt, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Denn obwohl Richards Frau Nicole eine wahre Schönheit ist, überschattet ihre Vergangenheit die ach so glückliche Ehe. Durch Rosemarys Auftritt drohen diese düsteren Schatten nun, ein großes Unheil über die Divers zu bringen. Denn Nicole ist psychisch krank, und Richards Pflichtgefühl, für seine Frau zu sorgen, kollidiert auf tragische Weise mit den zarten Trieben einer neuen Liebe.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Ich glaube, ich habe es schon einmal gesagt: Ich bin ein großer Fan von Anmerkungen am Ende eines Klassikers! In diesem Fall ließen mich die zusätzlichen Hintergrundinformationen so manches Mal fasziniert inne halten. Mag einem die Handlung des Werkes an sich schon manches Mal beklemmend und tragisch vorkommen, die wahre Tragik liegt wohl in der autobiographischen Gestalt von “Zärtlich ist die Nacht”. In seiner Geschichte um Richard Diver, der versucht, seine geliebte Frau aus den Klauen ihrer psychischen Krankheit zu befreien, und sich dabei selbst zu verlieren droht, ließt man oft genug die Lebensgeschichte des Autors und seiner Frau Zelda Fitzgerald heraus. Kein Wunder, entstand dieser Roman doch in einer Zeit, die von heftigen Auseinandersetzungen des Ehepaars, von Zeldas schwerer Krankheit und Scotts Alkoholkonsum geprägt war.

Daran gewöhnt, dass in der Presse die krassesten Nichtigkeiten eines ganzen Kontinents zur Komödie oder Tragödie hochstilisiert wurden, hatte sie nie gelernt, das Wichtige selbst zu erkennen, und war deshalb überzeugt, das Leben in Frankreich sei öde und schal.

– S. 28

In “Zärtlich ist die Nacht” kritisiert Fitzgerald auf ein Neues die gehobene amerikanische Gesellschaftsschicht, die nichts weiter tut als in den Tag hineinzuleben, Geld zu verprassen und auf den Menschen als Individuum keinen Wert zu legen. Anders als in The Great Gatsby verabschiedet sich Fitzgerald hier allerdings vom schillernden und trügerischen Glanz der Zwanzigerjahre – und sieht sich genau an, was dieser Umstand mit dem Menschen macht.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Mit seinem Roman fängt Fitzgerald das Lebensgefühl seiner Zeit ein, nicht zuletzt dadurch, dass er darin seines und Zeldas Leben literarisch verarbeitet. Was mich aber am meisten bewegt hat, war der Aspekt der psychischen Erkrankungen, die die Basis der Geschichte bilden. Darin ist “Zärtlich ist die Nacht” ohne Frage aktueller denn je, und Fitzgerald gelingt es, diesem Thema in seinem Roman eine tragende Rolle zuzuordnen, ohne mahnend mit dem Finger darauf zu zeigen. Der Anhang meiner Ausgabe von “Zärtlich ist die Nacht” bringt es schöner auf den Punkt, als ich es ausdrücken kann:

Dabei ist ‘Tender is The Night’ nicht mehr und nicht weniger als der – aus heutiger Sicht – durchaus gelungene Versuch, das Leben eines geliebten, unverzichtbaren, aber schwer kranken Menschen zu retten – mit den Mitteln der Literatur. So wie der Roman am Ende auf dem Papier steht, ist er bei aller Bitterkeit und romantischen Ironie ein trotziges Aufbegehren gegen Wahnsinn und Tod, ein letztlich geglückter Versuch, die herrlichen Jahre der Jugend am Leben zu halten: Der Gesang des Orpheus, der die geliebte Frau aus dem Abgrund der Krankheit zurückholen will.

– S. 491

Selbst jetzt, nachdem die Lektüre von “Zärtlich ist die Nacht” schon zwei Monate zurückliegt, habe ich noch immer das Gefühl, als ob mich ein Teil dieses Buches für immer begleiten wird. Es ist eine starke Geschichte, die als Romanze daherkommt, und einen mit einer ganz anderen Liebesgeschichte abholt, als man erwartet hatte. Ich freue mich schon jetzt darauf, noch mehr von Fitzgerald zu lesen – ob nun von Scott oder seiner literarisch mindestens genauso begabten Frau Zelda.

Rating: 4 out of 5.


A n g a b e n    z u m    J u n i  -  K l a s s i k e r :

Autor:       F. Scott Fitzgerald
Titel:         Zärtlich ist die Nacht [OT: Tender is The Night]
Verlag:      Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
Jahr der Veröffentlichung:  1934 (diese Ausgabe: 2011)
Seiten:       527
Genre:     [Klassiker | Autobiographisch geprägter Roman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

11 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #6 | Zärtlich ist die Nacht

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