12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #11 | Die Räuber

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Mit Friedrich Schillers “Die Räuber” aus dem Jahre 1781 ist die Beitragsreihe Klassiker für 2020 zum Ende gekommen! (Den Dezember-Klassiker musste ich leider abbrechen.) Das Drama, das bei vielen wahrscheinlich Erinnerungen an ihre Schulzeit hervorrufen wird, hat schon sehr lange in meinem Regal ausharren müssen. Im November 2020 habe ich es dann als offiziell letzten Klassiker des Jahres 2020 gelesen – und war ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht.

F R I E D R I C H    S C H I L L E R    –    D I E    R Ä U B E R

Franz: “Da müsst ich ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ich’s nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszulösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre (…)!”

Friedrich Schiller | Die Räuber | S. 18

I n h a l t

Im Mittelpunkt des Dramas stehen zwei Brüder, die einander nicht unähnlicher sein könnten: der gutaussehende Karl von Moor, ein gebildeter und leidenschaftlicher junger Mann, vom Vater und der Dienerschaft des Hauses vergöttert, und Franz von Moor – der jüngere und eifersüchtige, machthungrige von beiden. Deshalb schmiedet Franz einen finsteren Plan: er fängt einen Brief seines Bruders ab, fälscht ihn, und bringt seinen leicht zu manipulierenden Vater, den Grafen von Moor, dazu, dem älteren der beiden das Erbrecht zu entziehen. Franz geht für seinen Plan über Leichen, will sich Karls Verlobte unter den Nagel reißen und alleiniger Herr über das Moor’sche Schloss werden.

Derweil gründet der durch die Intrigen seines jüngeren Bruders verstoßene und enterbte Karl eine Räuberbande, deren Hauptmann er wird. Seinen einzigen Lebenssinn sieht er nun darin, à la Robin Hood Menschen zu berauben und das Geld an Bedürftige zu verteilen – allerdings wird auch hier ab einem gewissen Punkt wild gemordet, vergewaltigt und eine komplette Stadt niedergebrannt. Beide Erzählstränge finden zueinander, als sich Karl seiner Verlobten Amalia erinnert und die Räuber das Moor’sche Schloss belagern. Dort kommt es zum Show-Down, und wer am Ende noch steht… sind im Grunde einzig und allein die Leser:innen dieses Dramas.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Mit dem Drama “Die Räuber” ist Friedrich Schiller 1781 der Durchbruch gelungen. Es hat zwar eine Weile gedauert, ehe das Stück vollendet war, doch als es dann in Mannheim, auf der renommiertesten Schaubühne Deutschlands, uraufgeführt wurde, wurde er gerade vom jungen Publikum für dieses Stück umjubelt. In der Zeit danach entstanden wohl einige Räuberbanden, ein Zeugnis für die große Begeisterung derjeniger, die mit Schillers Werk in Berührung gekommen waren.

Ganz im Sinne des Sturm und Drang geht es auch in “Die Räuber” um das Streben nach Freiheit – gerade deshalb, weil es mit unlauteren Mitteln vonstatten geht. Der Held ist ein Antiheld, ein Räuber, und doch sieht man in ihm tugendhaftere Züge als in seinem Bruder und Gegenspieler. Als Leser:in erkennt man deutlich die Gründe, die aus ihm einen Räuberhauptmann machten, man sieht sein ungestümes Wesen, das doch trotz allem voller Liebe zu seinem Vater und seiner Verlobten ist, und ist kaum imstande, ihn für seine leidenschaftliche Art zu verurteilen. Sowohl Handlung als auch Sprache dieses Schauspiels sind roh, brutal, und lassen sich nicht in gesellschaftliche Schranken weisen – genau wie der Held des Dramas.

Ich könnte nicht einmal genau sagen, weshalb mich das Drama letztendlich nicht umgehauen hat – vielleicht war ich auch gerade im November letzten Jahres einfach nicht in der Stimmung für ein derart blutiges Massaker, für derart bösartige Menschenzüge, für Intrigen und Verrat. Gerade der Schluss des Schauspiels war in meinen Augen (als moderner Leser) so unnötig – aber allein in Anbetracht dessen, dass es sich um ein Werk des Sturm und Drang handelt, gibt es für das Drama wiederum kein besseres Ende als das, das in gedruckter Form vor mir liegt.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Natürlich ist allein die Tatsache, dass “Die Räuber” Schillers wichtigstes und für sein weiteres Wirken als Dramatiker ausschlaggebendstes Werk ist, ein Grund, um das Drama in die weite Riege der Klassiker einzuordnen. Wie die meisten Klassiker, die zurecht diesem Kanon zugeordnet werden, ist auch Friedrich Schillers Drama ein Bildnis des seinerzeit vorherrschenden Zeitgeistes, ein Blick auf das, was in den Herzen der Menschen vorging.

Mein persönlicher Favorit ist “Die Räuber” von Friedrich Schiller zwar nicht, aber ich kann durchaus sehen, weshalb so viele Leser:innen das Drama in ihr Herz geschlossen haben. Eine Geschichte voller Intrigen, ein leidenschaftlicher Antiheld und eine gute Portion blutige Gewalt – und die immerwährende Gegenüberstellung von Gut gegen Böse.


Rating: 3 out of 5.


A n g a b e n    z u m    N o v e m b e r  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Friedrich Schiller
Titel:         Die Räuber. Ein Schauspiel
Verlag:      Reclam Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1781 (diese Ausgabe: 2013)
Seiten:       176
Genre:     [Klassiker | Drama]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

17 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #11 | Die Räuber

  1. Hallo Ida,
    ich sehe gerade, du hast ‘Grashalme’ abgebrochen. Darf ich fragen, warum? Eine Abbruch-Rezi habe ich jetzt nicht gefunden dazu. Walt Whitman steht auch auf meiner ewigen Leseliste und jetzt war ich gerade etwas erschrocken.
    Liebe Grüße
    Jürgen

    Liked by 1 person

    1. Hallo Jürgen,

      ‘Grashalme’ stand jetzt schon so lange auf meiner Leseliste, aber als dann im Dezember die Zeit kam, den Klassiker tatsächlich zu lesen, hat mir ehrlich gesagt ein bisschen die Muße dafür gefehlt. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum ich gerade bei Walt Whitman einfach nicht dabei bleiben konnte. Einige seiner Gedichte aus dem Band habe ich gelesen, hier und da quergelesen – aber letztendlich fehlte mir wohl schlicht und ergreifend die Geduld und die Ruhe, die diese Gedichtsammlung verdient hätte. Und da ich meiner Meinung nach von dem Buch noch nicht einmal annähernd genug gelesen habe, um dazu eine Abbruchrezension zu schreiben und der Grund dafür lediglich in meiner eigenen Ungeduld liegt, gibt’s dazu bisher auch keine entsprechende Rezension.
      Ich hoffe, dass ‘Grashalme’ weiterhin auf deiner Leseliste stehen darf – und dass du vielleicht noch vor mir dazu kommst, dich dem Gedichtband zu widmen. Ein paar der Gedichte, die ich gelesen habe, sind nämlich wirklich wunderschön!

      Liebe Grüße,
      Ida

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      1. Hallo Ida,
        das hatte ich insgeheim gehofft – also dass es einfach die Umstände und nicht das Buch waren, die zum Abbruch geführt haben. Dann bin ich jetzt beruhigt und JA, definitiv bleiben die ‘Grashalme’ auf meiner Leseplanung. Vielleicht pack ich es jetzt endlich und schiebe es nicht weiter endlos auf.
        Liebe Grüße
        Jürgen
        P.S. Hast du ‘Offene See’ von Benjamin Myers gelesen? Ich denke, es könnte dir gefallen. (Ganz unabhängig von den Grashalmen, ging mir nur gerade durch den Kopf. 🙂

        Liked by 1 person

      2. Hallo Jürgen,
        Ich drück dir die Daumen, dass es recht bald mit den Grashalmen klappt! Und für mich selber natürlich auch… 🙂

        “Offene See” ist wieder ein Titel, der nach kurzer Recherche auf meine Wunschliste wandert – es klingt tatsächlich nach der Art Geschichte, die wie für mich gemacht ist. Danke für den Lesetipp!

        Liebe Grüße,
        Ida

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