Historische Roman · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Ruta Sepetys – Salz für die See

Wann hat dich das letzte Mal ein Buch nicht nur berührt, sondern genau dort getroffen, wo deine Seele sitzt? Dich schockiert und deine Augen geöffnet? Dafür gesorgt, dass du bis spätabends geschichtliche Hintergründe recherchierst und dir fast die Augen aus dem Kopf weinst? Für mich ist “Salz für die See” von Ruta Sepetys so ein Buch – und mein persönliches Lese-Highlight in diesem Jahr.

“Sind Sie verheiratet, Heinz?”, fragte ich.
“Ich habe fünfundfünfzig Jahre mit der Liebe meines Lebens verbracht. Ich habe sie im letzten Juni verloren.” Er zeigte auf den Jungen. “Immer, wenn man glaubt, der Krieg hätte einem alles genommen, was man liebt, begegnet man jemandem, der einem zeigt, dass man doch noch etwas zu geben hat.”

Ruta Sepetys | Salz für die See| S. 333


Der historische Roman von Ruta Sepetys schlägt ein Kapitel der Geschichte auf, das heutzutage meiner Meinung nach zu wenigen Menschen bekannt ist. Es sind die letzten Tage des zweiten Weltkrieges, tausende Ostpreußen fliehen vor der Roten Armee aus ihrer Heimat. Lassen alles hinter sich zurück, was ihnen lieb und teuer war. Ihr Zuhause, ihre Familie, Freunde und das Leben, das sie bisher geführt hatten. Ihr Ziel: einen Platz auf einem der Schiffe zu ergattern, die sie über die Ostsee in die Freiheit transportieren sollten. Aus 5 verschiedenen Perspektiven erfährt man das Grauen des Krieges und die Hoffnung auf Frieden.

Eine bunt gemischte Truppe sind sie, die sich auf ihrer Flucht vor den russischen Soldaten einen Weg durch Schnee und Eis und Verluste bahnen: Joana, eine Krankenschwester mit litauischen Wurzeln, Emilia, eine 15-jährige Polin, ein deutscher Deserteur namens Florian. Begleitet werden sie unter anderem von einem Schuster, der einen verwaisten Jungen unter seine Fittiche genommen hat. Abwechselnd lauscht man ihren Gedanken, folgt dem Geschehen aus der Perspektiven eines jeden Protagonisten und erhält dadurch ein komplexes Bild der tragischen Gesamtsituation. Der Treck schlägt sich durch eisige Kälte, muss das zugefrorene Haff überqueren und immer wieder Deckung suchen vor feindlichen Fliegern. Beladen mit dem wenigen, das sie bei sich haben, tragen sie sowohl Schuld und Trauer in jeder Faser ihres Körpers, aber auch die Hoffnung im Herzen, mit einem der Transportschiffe den Klauen des Todes zu entfliehen. Die Wilhelm Gustloff ist ihr goldenes Ticket in die Freiheit. Doch das Schicksal hat andere Pläne.

Behutsam und unverschnörkelt gibt Ruta Sepetys mithilfe ihrer Protagonisten einen Einblick in einen Teil der Geschichte, in dem unbegreifliches Grauen an der Tagesordnung stand und von dem man heutzutage kaum noch etwas erfährt. Sicher, die Titanic ist jedem ein Begriff – aber wie steht es mit der Wilhelm Gustloff? Mir wurde abwechselnd heiß und kalt beim Lesen, je weiter die Geschichte fortschritt. Es gibt dem Ganzen nochmal eine andere Note, wenn man weiß, dass das, was man gerade atemlos auf harmlosen Buchseiten verfolgt, das Schicksal tausender Menschen war. Ich musste immerzu an die Geschichte meiner eigenen Vorfahren denken, die ähnliches mitmachen mussten, und mein Herz wurde schwerer und schwerer. Mit viel Feingefühl hat Ruta Sepetys Protagonisten erschaffen, die der Geschichte eine Seele geben – und der Vergangenheit ein wenig von der Sprachlosigkeit nehmen, die mit den Schrecken des Krieges einhergehen.

“Salz für die See” ist ein unglaublich gutes und wichtiges Buch. Ruta Sepetys gibt denen eine Stimme, die schon lange nicht mehr sind und kämpft damit gegen das Vergessen. Es sind eben nicht nur Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem Geschichtsbuch, die man distanziert von einem privilegierten Standpunkt aus betrachtet. Ruta Sepetys nimmt einen an der Hand, und springt hinein in diese Schwarz-Weiß-Fotografie. Und dann kommt die Erkenntnis: das, was da passiert ist, ist echten Menschen aus Fleisch und Blut zugestoßen. Menschen wie dir und mir, Menschen mit Träumen und einem pochenden Herzen voller Wünsche und Hoffnungen und Ziele. Jedes Buch, dass diesen Schleier von den Augen reißen kann, ist Gold wert. Eine hunderprozentige Leseempfehlung – aber sorgt vorher für ausreichend Taschentücher!


Rating: 5 out of 5.



Angaben zum Buch:

Autor:    Ruta Sepetys
Titel:      Salz für die See [OT: Salt To The Sea]
Verlag:   Königskinder-Verlag
Jahr: 2016
Seiten: 406
[Genre:  Historischer Roman]



2 thoughts on “Rezension | Ruta Sepetys – Salz für die See

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