12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #10 | Kaltblütig

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Wir nähern uns mit großen Schritten den finalen Büchern der Klassiker-Lesereihe des Jahres 2020! Heute geht es um den Klassiker, den ich 2020 wohlweislich in den Gruselmonat Oktober gelegt habe: “Kaltblütig” von Truman Capote, ein “wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen”, wie der Untertitel des 1965 erstmals erschienenen Werkes so treffend beschreibt.

T R U M A N    C A P O T E    –    K A L T B L Ü T I G

“Ich hatte nicht vor, ihm irgendwas anzutun. Ich fand, dass er ein sehr netter und gebildeter Mann war. Ein stiller Mann. Das glaubte ich bis zu dem Moment, wo ich ihm die Kehle durchschnitt.”

Truman Capote | Kaltblütig | S. 251

Dieses Buch stand – wie einige andere auch – schon eine Weile auf meinem Bücherregal. Geschuldet war das mal wieder dem ziemlich reißerisch gestalteten und mit Blut bespritztem Cover meiner Ausgabe. Aber was soll ich sagen? Ende 2019 erfuhr ich im Rahmen meiner Recherchen für meine Klassikerliste 2020, dass es sich bei Truman Capotes “Kaltblütig” um einen Klassiker handelte – und spätestens, als ich den hinderlichen Schutzumschlag abnahm und die ersten Seiten las, eröffnete sich mir ein Kriminalroman der Extraklasse: Der ursprünglichste, weil allererste, True Crime-Roman.

I n h a l t 

In den frühen Morgenstunden eines kalten Novembertages des Jahres 1959 wird eine gesamte vierköpfige Familie ermordet auf ihrem Anwesen in Westkansas aufgefunden. Knapp 40 Dollar haben die Mörder der Familie Clutter durch ihre grausame Tat erbeutet – ein Schock für die Gemeinde Holcomb, wo sich die blutigen Morde ereigneten. Wer metzelte eine gesamte Familie ab, für einen läppischen Betrag von 40 Dollar? Handelte es sich um einen Rachefeldzug? Was war das Motiv hinter der Tat?

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Wer nur Autor und Titel des Buches liest, ohne jegliche Hintergrundinformation zu kennen, könnte vielleicht denken: Ah, ein Krimi, der sogar recht spannend klingt – was mag wohl das Motiv dieser sicher fiktionalen Verbrecher gewesen sein? – der irrt. Oh, wie derjenige irrt. Denn Truman Capote hat mit “Kaltblütig” einen Tatsachenbericht zu einem realen Mordfall geschaffen, der sich allerdings genauso spannend liest wie ein Krimi aus der Feder von Agatha Christie. Zusammengesetzt aus Zeitungs- und Polizeiberichten, Interviews mit den involvierten Ermittlern, Freunden und Bekannten der ermordeten Familie Clutter sowie den verurteilten Mördern, deckt Truman Capote auf unvergleichliche Art und Weise die Hintergründe des berüchtigten Mordfalles aus dem Jahre 1959 auf.

Das Spannende daran ist, dass Truman Capote mit “Kaltblütig” tatsächlich etwas damals noch völlig Unbekanntes kreiert hat: einen gut konstruierten Krimi, den man mit angehaltenem Atem liest. Und das, obwohl relativ früh klar ist, wer die Täter sind. Faszinierend ist, wie Capote ebenfalls erkannt hat, was die Täter dazu trieb, eine gesamte Familie auszulöschen. Durch seine Korrespondenz mit allen Beteiligten an dem Fall, den stundenlangen Gesprächen mit den Mördern der Familie Clutter, sorgten dafür, dass den Leser:innen nicht nur das Grauen vor Augen geführt wird, dass so ein Mord auslöst. Es beleuchtet die Hintergründe, die wahnwitzigen Zufälle und Fügungen, die erst zu dieser Tat geführt haben.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

“Kaltblütig” war der Startschuss für ein neues Genre: New Journalism, beziehungsweise Neuer Journalismus. Damit verschoben sich die sonst so bekannten Grenzen zwischen dem objektiven und sachlichen Journalismus, der sich strikt auf Tatsachen bezieht und diese in neutralem Ton wiedergibt und der mit den unterschiedlichsten Stilmitteln daherkommenden Literatur. Dadurch entstehen Geschichten, die aufgrund der wahren Begebenheiten, die ihnen zugrunde liegen, auf eine neue Ebene gehoben werden. Das Erzählte rückt mit einem Male näher heran an das eigene Leben außerhalb der bedruckten Seiten. Und im Fall von “Kaltblütig” wird das Grauen fassbarer, menschlicher, noch tragischer als es ohnehin schon ist.

Meiner Meinung nach gehört “Kaltblütig” von Truman Capote nicht umsonst in die Liga des Klassiker-Kanons. Ehrlich und menschlich erzählt er von den Hintergründen des Mordes an der Familie Clutter, und verzichtet dabei ganz auf den mahnenden Zeigefinger. Für alle Krimifans, für alle, die fasziniert sind von True Crime-Berichten: euch sei dieses Buch, dieser allererste True-Crime-Bericht, nachdrücklich ans Herz gelegt. Mich verfolgt es noch heute…


Rating: 5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    O k t o b e r  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Truman Capote
Titel:         Kaltblütig. Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen
[OT: In Cold Blood]
Verlag:      Weltbild Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1965 (diese Ausgabe: 2005)
Seiten:       352
Genre:     [Klassiker | Bericht | New Journalism | True Crime]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

11 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #10 | Kaltblütig

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