12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #4 | Anne Elliot

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Im April habe ich mich nach langer Zeit wieder an einen Roman von Jane Austen herangewagt. Vor Jahren las ich ‘Emma’ und ‘Stolz und Vorurteil’ – und so sehr mich die Verfilmungen berührten, so wenig vermochten das die Originale aus Tinte und Papier. Ihr posthum erschienener Roman ‘Die Liebe der Anne Elliot / Überredungskunst’, der Klassiker für den April, war das letzte Werk, das Jane Austen vollendete – und ist das Werk, das meine Liebe zu dieser Autorin endlich entfachen konnte.

AnneElliot_03

J A N E    A U S T E N    –    D I E    L I E B E    D E R    A N N E    E L L I O T
o d e r
Ü b e r r e d u n g s k u n s t

“Mein Herz gehört Ihnen noch mehr als damals vor achteinhalb Jahren, als Sie es fast gebrochen haben. Sagen Sie nicht, dass der Mann eher vergisst als die Frau, dass seine Liebe eher erstirbt. Ich habe niemanden geliebt als Sie allein.

Jane Austen | Anne Elliot | S. 273

Ich hätte es kaum für möglich gehalten, doch so ist es: nach all den Jahren, in denen ich Jane Austens Art zu Erzählen als recht langweilig empfunden habe, entbrannte ich dann endlich in heißer Liebe zu der Geschichte von Anne Elliot. Wie höchst ergötzlich! Allein die Tatsache, dass ich selbst nach Beenden der Lektüre mein soziales Umfeld mit dieser ganz besonders eleganten Art zu sprechen beglücke, spricht für Jane Austen. Auch wenn  deshalb mittlerweile doch recht ausgiebig mit den Augen gerollt wird, ich find’s ganz und gar erheiternd. Doch lasst mich euch erzählen, worum es in dieser Geschichte geht.

I n h a l t

Anne Elliot ist die Titelheldin dieses Romans. Zu Beginn der Geschichte ist sie bereits 27  Jahre alt und noch immer unverheiratet. Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, dass sich Anne Elliot mit 19 Jahren in den damals mittellosen Frederick Wentworth verliebte – und seinen Antrag schweren Herzens ablehnte. Lady Russell, eine gute Freundin der Familie Elliot, überredete Anne damals zu diesem drastischen Schritt. Gepaart mit Annes Verpflichtungsgefühl ihrer Familie und dem jungen Mr. Wentworth gegenüber, nahm das Schicksal auf diesem Weg seinen Lauf.
Acht Jahre später kehrt Captain Frederick Wentworth als reicher Mann zurück, und die große Frage ist nun, ob das einstige Liebespaar wieder zueinander finden kann – oder ob acht Jahre eine zu große Zeitspanne für ein liebendes und gebrochenes Herz ist.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Dieses Werk von Jane Austen wird als besonders biographisch gefärbt angesehen, denn Austen legt ihrer Anne Elliot viele kluge Worte in den Mund, und äußert sich in ihrer Erzählstimme äußerst kritisch gegenüber der gesellschaftlichen Stellung der Frau des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Hier und da entdeckt man wunderbar ironische Äußerungen wie beispielsweise die Beschreibung von Annes verstorbener Mutter:

“Lady Elliot war eine treffliche, verständige, liebenswürdige Frau gewesen, der man in ihrem Leben nichts weiter nachzusehen brauchte als eben die jugendliche Verblendung, die sie zur Lady Elliot gemacht hatte.”

Die unverheiratete Anne ist, genau wie die Autorin des Romans, nicht besonders unglücklich über diesen Umstand, sie kommt den Umständen entsprechend gut damit zurecht. Besonders Annes Verpflichtungsgefühl ihrer Familie gegenüber vermag ein wenig den Herzschmerz zu lindern, den sie aufgrund der Überredung vor acht Jahren empfindet. Anne Elliot ist eine herzensgute, gebildete und sanftmütige Protagonistin, die ich sehr ins Herz geschlossen habe und die ich am liebsten den selbstsüchtigen Fängen ihrer Familie entrissen hätte. Denn Annes Vater, Sir Walter Elliot, ist ein eitler Geck, der nur etwas auf Äußerlichkeiten und seinen sozialen Stand hält, und die Schwestern Elisabeth und Mary stehen ihm in ihrer Eitelkeit um nichts nach. Anne erfährt in ihrer Familie kaum Beachtung, nur die gute Freundin Lady Russell sieht Anne Elliots großes Herz und ihr wahres Potential – obwohl auch sie ihre Vorurteile hat, die Anne beinah ins Unglück stürzen.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Wie auch in ihren anderen Werken behandelt Jane Austen mit Vorliebe die Themen Familie, Liebe und Aspekte der Ständegesellschaft, in der auch sie selbst lebte, und das macht den großen Reiz ihrer Erzählungen aus. Ihrer Beobachtungsgabe ist es geschuldet, dass jede Figur in Austens Roman eine eigene Persönlichkeit hat, die sich von den anderen in Sprache und Gebaren unterscheidet. Auf diese Weise treffen in “Anne Elliot” viele Individuen aufeinander, die der Geschichte ihre Richtung weisen und diesen einzigartigen Charme verleihen. Genau wie die Landschaftsbeschreibungen, die Jane Austen in ihre Handlung gekonnt einzuflechten weiß, tragen sie zu dem großen Ganzen des Romans bei. Was ich früher als langweilig empfand, da ja nicht wirklich viel passierte, entpuppte sich nun Jahre später als Geniestreich: denn genau dort liegt verborgen, was in den Protagonisten vorgeht. Zwischen den Zeilen verbirgt sich wahrlich eine ganze Welt, und so ist es kein Wunder, dass ihre Werke allesamt zu den englischsprachigen Klassikern des 18. Jahrhunderts zählen.

 ‘Anne Elliot’ wird als Austens reifstes Werk angesehen, ist es doch auch der letzte Roman, den Austen vor ihrem Tod beendete. Mit großem Einfühlungsvermögen und Humor beschreibt Jane Austen das Familienleben in den gehobeneren Schichten, die Herzensangelegenheiten, die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Es ist eine wunderbare Geschichte für eine Teestunde im Grünen, in der das Herz einer ungemein liebenswerten Protagonistin zufliegt. 



Angaben zum April-Klassiker:
Autor:
       Jane Austen
Titel:         Die Liebe der Anne Elliot
oder Überredungskunst [OT: Persuasion]
Verlag:      Diogenes Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1808 (diese Ausgabe: 1996)
Seiten:       306
Genre:     [Klassiker | Roman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

21 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #4 | Anne Elliot

  1. Oh, wie herzig! Ich find’s süß, dass das Buch dich dazu gebracht hat, ein wenig eleganter zu sprechen. 😀
    Ich weiß, dass viele Leute Überredung für Langweilig halten, aber es war immer eines meiner liebsten Austen Bücher. 🙂

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    1. Da sind wir dann schon zu zweit! 😀
      Ich find’s echt famos! Den kleinen Finger hab ich beim Tee trinken eh schon abgespreizt, also passt nun auch die elegante Sprache dazu. :’D

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  2. Nun meine Liebe, deine neu entfachte Leidenschaft zu Jane und im speziellen zu Anne Elliot ist ebenfalls höchst ergötzlich! ❤️ Nun drück ich natürlich die Daumen, dass es genauso bei Northanger Abbey sein wird. Und bei Verstand und Gefühl (❤️) und schlussendlich dann auch bei einem erneuten Treffen mit Mr. Darcy (Gute Güte, diesen Mann MUSS man lieben, wirklich 😄)

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    1. Ich hätte wirklich nie gedacht, dass ich das mal sagen würde: aber ich freue mich auf einen wahren Jane-Austen-Lesemarathon in diesem Sommer! :D<3 Und dann gebe ich dem literarischen Mr. Darcy nochmal eine Chance… 😉

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  3. Mir geht es wie Dir: Bislang bin ich noch nicht so richtig mit der (literarischen) Jane Austen warm geworden. Allerdings habe ich mich bislang auch nur an Stolz und Vorurteil und. Emma gewagt – vielleicht bringt mich Die Liebe der Anne Elliot ja auch zum umdenken! 😀 Klingt auf jeden Fall gut, was du schreibst. Übrigens mag ich deine Klassiker-Reihe total! ❤

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    1. Hallo du! ❤
      Mensch, das freut mich riesig! Die monatlichen Klassiker sind ja schon irgendwie wie literarische Überraschungseier, und wenn dann Werke dabei sind, die mich wunderbar unterhalten, dann bin ich natürlich ganz aus dem Häuschen. 😀
      Genau wie du hatte ich bis jetzt auch nur 'Stolz und Vorurteil' und 'Emma' gelesen, vielleicht ist das ja tatsächlich ein eher holpriger Start in die Welt der Jane Austen? Versuch dich unbedingt an Anne Elliot, sie ist durch und durch liebenswert. Und ihre Geschichte ist es auch. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida ❤

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  4. Wenn ich Sturmhöhe bis September noch nicht gelesen habe, lese ich es gerne mit dir zusammen! Möchte mich dieses Jahr endlich nochmal dranwagen. 🙂

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    1. Wie schön, zu zweit (oder mehr) liest es sich besser! 🙂 Schließ’ dich also gerne an! Bin sowieso gespannt, ob ich den Familienstammbaum in der Sturmhöhe auf Anhieb durchblicke 😀

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