12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #5 | Ungeduld des Herzens

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Der Mai liegt nun schon seit einer Weile hinter uns, liebe Freunde, und dieser Blog lag in tiefem Dornröschenschlaf. Dennoch möchte ich euch den beeindruckenden Klassiker, der mich durch den Mai begleitet hat, nicht vorenthalten! Als kleines Geburtstagsgeschenk für mich legte ich mir wohlweislich den Klassiker “Ungeduld des Herzens” von Stefan Zweig aus dem Jahr 1939 in meinen Geburtsmonat Mai, da ich Stefan Zweig mittlerweile zu meinen liebsten Schriftstellern zähle. In dem einzigen beendeten Roman unter unzähligen Erzählungen, Novellen und Biographien aus Stefan Zweigs Feder dringt er wieder tief in die menschliche Seele, blickt unerschrocken hinunter in die Abgründe, die sich dort offenbaren.

S  T  E  F  A  N        Z  W  E  I  G       –      U  N  G  E  D  U  L  D       D  E  S       H  E  R  Z  E  N  S

“Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.

Stefan Zweig | Ungeduld des Herzens | S. 17

Ich kann es nicht leugnen: mein Herz schlägt für die Psychogramme, die Stefan Zweig in seinen Werken entwirft. Mein erstes Werk von ihm war “Schachnovelle”, das trotz mich trotz der geringen Seitenanzahl (oder vielleicht genau deswegen) mächtig beeindruckte. Diese Novelle gehörte zu der ersten Klassiker-Runde, die ich 2018 startete, und im darauffolgenden Jahr landete prompt sein biographisch-erzählerische Sammelwerk “Sternstunden der Menschheit” auf der Liste der 12 Klassiker für 2019. Ich habe die Hoffnung, dass es sich zu einer Art Ritual entwickelt und ich mich so Jahr für Jahr durch den riesigen Fundus an Zweigs Werken stöbern kann.

I n h a l t

Das diesjährige Zweig-Werk ist mit seinen 514 Seiten im Vergleich zu den bisherigen Werken, die ich vom Autor gelesen habe, besonders lang – aber dabei keinesfalls langatmig. Im Fokus des Romans liegen Mitleid und Ungeduld- und auf allen Ebenen gelingt es dem Autor, diese menschlichen Regungen einem roten Faden gleich durch die Handlung zu ziehen, die Protagonisten in einem geschickt gewobenen Netz zu fangen und ihrem Untergang zuzuführen.

Anton Hofmiller ist ein hochdekorierter General, als er einem Bekannten seine eigene, lange geheim gehaltene Geschichte zu erzählen beginnt. Er hat es satt, als ein Kriegsheld betrachtet zu werden – besonders wegen den Umständen, die ihn Hals über Kopf in den Krieg haben ziehen lassen. Denn das Leben des jungen Offiziers Anton Hofmiller ändert sich in einer schicksalhaften Wendung, als er der Einladung des ungarischen Magnaten von Kekesfalva folgt und bei einem geselligen Abendessen dessen gelähmte Tochter Edith kennenlernt. Die junge Frau ist zynisch geworden in ihrem ungeduldigen Hoffen und Sehnen auf Genesung, erblüht jedoch unter der Aufmerksamkeit des jungen Mannes, der nun immer öfter bei der Familie vorbeischaut. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als sich Edith in Hofmiller verliebt und dieser ihre Avancen erwidert – allerdings nur aus Mitleid dem armen Geschöpf gegenüber.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Stefan Zweigs Werke gehörten zu denen, die unter dem Regime der Nationalsozialisten im Jahr 1933 bei der großen Bücherverbrennung in Flammen aufgingen. Er gehörte zu den Autoren, die aus ihrer Heimat flohen, die entwurzelt wurden und dieses Trauma in ihrem literarischen Schaffen zu verarbeiten suchten. “Ungeduld des Herzens” entstand im Exil, wurde nur drei Jahre vor Stefan Zweigs selbst gewähltem Tod veröffentlicht und spiegelt das Sehnen des Autors nach der verlorenen Heimat wider, die er wegen des aufkommenden Nationalsozialismus hinter sich lassen musste. Der junge Anton Hofmiller ist dabei gänzlich ein Produkt der Gesellschaft und der Zeit, in der er lebt, denn als Offizier hat er dem Staat gegenüber Gehorsam entgegenzubringen, muss sich dem Ehrenkodex des Militärs fügen und ist nicht in der Lage, die volle Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Als Mensch versagt Hofmiller, wird aber als Kriegsheld gefeiert und geehrt – was demselben übel aufstößt. Er selbst nämlich ist niemals in der Lage, seine einstige Schuld zu vergessen, solange ihn sein Gewissen daran erinnert.
Das tragische Ende, das Glück in greifbarer Nähe zu sehen, das aber doch unerreichbar bleibt, ist typisch für die Werke von Stefan Zweig. Es ist meisterhaft, mit welch feinen Nuancen Zweig die verschiedenen Arten von Mitleid in seinen Roman einbaut, wie er die Figuren sowohl durch deren Makel als auch durch deren Herzensgüte zum Leben erweckt.

Zum ersten Mal begann ich zu verstehen, dass das Schlimmste auf dieser Welt nicht durch das Böse und Brutale, sondern fast immer nur durch Schwäche verschuldet wird. - S. 277

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Was Stefan Zweig besonders gut konnte, war, den Menschen in seiner Gesamtheit widerzuspiegeln, in all seiner Zerrissenheit. Auch in “Ungeduld des Herzens” deckt er schonungslos auf, welche Persönlichkeitszüge in dem einen oder anderen schlummern und katastrophale Auswirkungen haben können. Seine Beobachtungsgabe und sein Gespür für die menschliche Psyche sind wahnsinnig faszinierend. Wie ein Schneeball, der winzig beginnt, langsam Fahrt aufnimmt und zuletzt zur todbringenden Lawine wird, entfaltet sich in diesem Roman, welche Macht eine einzige Entscheidung hat, die auf der gefährlichen Art von Mitleid basiert: dem Mitleid, “das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist”. Und damit, so finde ich, bleibt diese Geschichte zeitlos und ihre Thematik aktueller denn je.

Ob jemand schon mal etwas von Stefan Zweig gelesen hat oder nicht – ungeachtet dessen kann ich diesen Klassiker jedem ans Herz legen, der sich die Zeit nehmen möchte, langsam und aufmerksam zu lesen, auf die ganzen kleinen Zwischentöne zu lauschen und der Tragik beizuwohnen, die man in ‘Ungeduld des Herzens’ als Leser am eigenen Leib mitzuerleben scheint. Eine großartige Geschichte von einem großartigen Autor.

Rating: 4.5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    M a i  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Stefan Zweig
Titel:         Ungeduld des Herzens
Verlag:      Diogenes Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1939 (diese Ausgabe: 2013)
Seiten:       514
Genre:     [Klassiker | Roman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

15 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #5 | Ungeduld des Herzens

  1. Meine liebste Ida! ♥
    Was du beschreibst, klingt unglaublich zart und sanft und dabei doch so einschneidend in seiner Gesamtheit. Jetzt möchte ich mir Stefan Zweig auf jeden Fall auch näher anschauen. Schön, dass er für dich bereits seit zwei Jahren zu den Lieblingen zählt. 🙂

    Liked by 1 person

    1. Meine liebste Gabriela! ❤
      Da sagst du was! Ich bin so froh, dass ich vor zwei Jahren über seine Schachnovelle gestolpert bin und dann an ihm hängen geblieben bin. 🙂 Mein Stefan-Zweig-Regal füllt sich dadurch immer mehr… 😀 Dir würde seine Art zu Erzählen bestimmt auch gefallen, ganz besonders in den Novellen und Erzählungen! ❤

      Liked by 1 person

  2. Liebe Ida, ich lese deine Klassikerreihe so, so gerne! Von Stefan Zweig habe ich vor bestimmt 10 Jahren das einzige Mal was gelesen – passenderweise auch die “Schachnovelle”, die mich auch total fasziniert und begeistert hat! Von diesem Werk habe ich bislang noch nichts gehört, aber ich werde es mir definitiv merken. Ich wollte schon viel zu lange nochmal etwas von ihm lesen und jetzt habe ich ja die perfekte Inspiration dafür. 🙂

    Liked by 1 person

    1. Ach liebe Johanna, das freut mich gerade so sehr, das zu lesen! ❤ Die Klassikerreihe ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, und auch wenn sie viel Zeit in Anspruch nimmt, ist sie es einfach immer wert. 🙂
      Wie wunderbar, dass Stefan Zweig jetzt ein bisschen in deinen Lese-Fokus gerückt wurde! Ich mag es ja, wie er schreibt – seine Geschichten gingen mir bis jetzt immer sehr unter die Haut. Da wünsche ich dir ganz viel Freude beim Lesen, wenn es soweit ist. ❤

      Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.