12 Klassiker im Jahr · 2020 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2020 | #1 | Deutschland – Ein Wintermärchen

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt in die 3. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2020, bei einigen handelt es sich dieses Jahr um deutschsprachige Übersetzungen. Diese Bücher, die sich schon seit geraumer Zeit auf meinem Bücherregal befinden, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen/politischen/sozialen Kontext.

Starten wir also in das neue Jahr – mit einem Klassiker, den vielleicht so mancher von euch in der Schule analysieren musste: “Deutschland. Ein Wintermärchen” von Heinrich Heine. Ich gehöre leider nicht zu jenen welchen, ich habe mir dieses kleine Reclam-Büchlein erst an der Uni zugelegt, nachdem eine Kommilitonin ein hochinteressantes Referat darüber gehalten hat.

Heine_Klassiker_01

H E I N R I C H    H E I N E    –    D E U T S C H L A N D .    E I N    W I N T E R M Ä R C H E N

“Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Büchern.

Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben!”

Heinrich Heine | Deutschland. Ein Wintermärchen | S. 12

“Deutschland. Ein Wintermärchen” hat mich auf seinen ersten Seiten in wahre Begeisterung versetzt, danach hieß es: nachschlagen, nachschlagen, nachschlagen. Denn diese politisch-satirische Versdichtung, die Heinrich Heine im Jahr 1844 veröffentlichen ließ, ist gespickt mit mehr oder weniger versteckten Andeutungen zum gesellschaftlich-politischen Geschehen seiner Zeit – und da kann das Recherchieren schon mal zum abendfüllenden Programm werden. Doch worum geht es überhaupt in Heines Gedicht?

I n h a l t

Das Versepos begleitet das lyrische Ich auf einer Besuchsreise durch Deutschland. Ausgangspunkt dafür war übrigens eine tatsächliche Reise durch ausgewählte Städte Deutschlands nach seinem ‘freiwilligen Exil’, die Heine zu diesem Gedicht inspirierte. Das lyrische Ich ist zu Beginn seines Aufbruchs beschwingt, ja geradezu frech und ungeniert parodiert er seine temporäre Rückkehr in die deutsche Kleinstaaterei, lässt dabei kein gutes Haar am Preußentum oder an dem stets beschönten Bild von deutschem Reich samt herrschendem Kaiser. Das lyrische Ich zieht durch Aachen und Köln, verweilt einen Moment am Rhein, mit dem er Zwiesprache hält, ehe er aufbricht nach Hagen und geradewegs durch den Teutoburger Wald, nach Paderborn und Minden, Hannover und Harburg, ehe er heimkehrt zu seiner Mutter, wohnhaft in Hamburg.

Noch zu Beginn seiner Reise ist er putzmunter, beschwingt und voll jugendhaftem Spott lesen sich die Verse. Doch je tiefer er vordringt in dieses Deutschland, dem er einst den Rücken gekehrt hatte, desto verzweifelter klingen seine parodierenden Sprüche, desto lauter hört man eine gewisse Dissonanz der Reime. Hoffnungslosigkeit hört man heraus, und Trauer – um ein Land, das er im Innersten tief liebt, weil es seine Heimat ist, das ihm aber, so wie es sich entwickelt, keine Wahl lässt, als ins verfeindete Paris zu entfliehen. Womöglich ist es auch die Zerrissenheit Heines, die sich darin spiegelt: die Heimat, die er liebt und das, was nun davon übrig ist. Zensur, wohin man blickt. Verfolgung, Exilierung. Nicht die Freiheit, nach der sich Heinrich Heine sehnt.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Streng zensiert und bis zur Unkenntlichkeit zurechtgeschnitten wurde Heines satirisches Versepos, ehe es veröffentlicht wurde. In Paris hingegen konnte man das Werk in seiner Vollständigkeit lesen, hier machte niemand Jagd auf den Dichter und Literaten. Heine, der mir noch aus Schulzeiten mit seinem Gedicht von der “Loreley” bekannt war, mit seiner wortgewaltigen Sprache, den Bildern, die er mit seinen Versen erschuf, polarisierte mit diesem neuen Gedicht “Deutschland: Ein Wintermärchen”. Es liest sich tatsächlich wie eine Abrechnung, wie ein Rachefeldzug, der mit munteren Spötteleien beginnt und mit bitterer Verachtung endet. Trotz allem bleibt dem lyrischen Ich darin der Lebensmut erhalten, mit hoffnungsvollem Blick sieht er einer Zukunft entgegen, in dem die Freiheit und die Demokratie siegen wird. Auch Heine blickt in eine solche Zukunft, er, der sich zur Restaurationszeit in Deutschland beengt fühlte, seiner Möglichkeiten beraubt, und deshalb nach Frankreich auswanderte. Als er 13 Jahre nach seiner Emigration nach Paris auf einen Heimatbesuch nach Deutschland zurückkehrt und daraufhin dieses Gedicht veröffentlicht, wird er als Vaterlandsverräter und ‘Freund der Franzosen’ bezeichnet. Heine selbst schreibt dazu:

Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr wie ihr. 
 Heine im Vorwort zu ‘Deutschland, Ein Wintermärchen’

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Mit seinem Gedicht rührt Heinrich Heine damals wie heute an den Nerv seiner Zeit. Man spürt seine Verzweiflung, die Zerrissenheit, die Hoffnung auf ein Deutschland seiner Träume. Freiheit, Demokratie, keine Zensur mehr, kein Exil aus der eigenen Heimat. Damals trug “Deutschland: Ein Wintermärchen” großes Konfliktpotenzial in sich, heute ermöglicht es einen Blick in die Vergangenheit aus der Perspektive eines Exilanten: und macht das Versepos damit zu einem Werk von unschätzbarem Wert – politisch, gesellschaftlich und literarisch.

Auch wenn Heinrich Heines “Deutschland: Ein Wintermärchen” eine Lektüre ist, bei der eine gute Portion Nachschlagen und Recherchieren vonnöten ist, um die überall eingestreuten Anspielungen zu verstehen, ließt sich das Gedicht flott und unterhaltsam – und gerade das Stöbern in der Geschichte dieses 70 Seiten fassenden Werkes hat es für mich zu einem besonders spannenden und faszinierenden Leseerlebnis gemacht. 



Angaben zum Januar-Klassiker:
Autor:
       Heinrich Heine
Titel:         Deutschland. Ein Wintermärchen
Verlag:      Reclam Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  1844 (diese Ausgabe: 2001)
Seiten:       96
Genre:     [Klassiker | satirisches Versepos]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 0 :

Januar:            Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Februar:          Ernest Hemingway – Schnee auf dem Kilimandscharo (1961)
März:               Johann Wolfgang von Goethe – Faust (1808)
April:               Jane Austen – Anne Elliot (1818)
Mai:                 Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens (1939)
Juni:                 F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht (1934)
Juli:                  Siegfried Lenz – Die Klangprobe (1990)
August:           Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (1894)
September:    Emily Brontë – Sturmhöhe (1847)
Oktober:         Truman Capote – Kaltblütig (1965)
November:     Friedrich Schiller – Die Räuber (1781)
Dezember:      Walt Whitman –  Grashalme (1855) (abgebrochen)

21 thoughts on “12 Klassiker für 2020 | #1 | Deutschland – Ein Wintermärchen

  1. Liebe Ida,

    ich habe „Deutschland. Ein Wintermärchen“ damals im Rahmen einer Facharbeit in Geschichte zum Thema „Kyffhäuser-Mythos und Vormärz“ analysiert und war auch von Heines Scharfsinn und Hellsichtigkeit begeistert. Seitdem möchte ich immer mal mehr lesen – auch nachdem die Figur in dem Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ so sympathisch-schelmisch daherkam. Leider ist es bisher noch nicht dazu gekommen. Schön, dass dich das Wintermärchen genauso begeistern konnte!

    Ich habe jetzt übrigens auf deine Empfehlung hin die Trilogie von Katherine Arden auf meine Wunschliste geschrieben. Die Geschichte hört sich toll an (und die Cover sind wirklich ein Hingucker).

    Viele Grüße
    Jana

    Liked by 1 person

    1. Hallo liebe Jana!

      genau das hat mich auch so gefesselt: dieser Scharfsinn hinter den flotten Versen. Ich finde es so spannend, was man in Facharbeiten alles aus den Werken herauskitzeln kann! Da ergibt sich automatisch eine neue Perspektive auf den Autor, auf seine Art zu schreiben, wenn man ein bisschen hinter die Kulissen schaut. Habe mir jetzt “Fräulein Nettes kurzer Sommer” vorgemerkt, vielen Dank für den Tipp! 🙂

      Hach, das freut mich riesig! Diese Reihe gehört zu den Büchern, die man am liebsten jedem unter die Nase halten möchte, damit auch ja niemand ohne diese großartige Geschichte leben muss. 😀 Und die Cover sind natürlich ein riesiger Pluspunkt, das steht fest. 😉

      Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
      Ida

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  2. Ich freu mich schon auf den Beitrag zum Februar Buch! Hemingway ist einer meiner liebsten Autoren 🙂 tolle Reihe, viel Spaß beim Lesen!

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  3. Ein Fräulein stand am Meere
    und seufzte lang und band
    es rührte sie so sehre
    der Sonnenuntergang.
    Mein Fräulein! Sein sie munter!
    Das ist ein altes Stück.
    Hier vorne geht sie unter
    und kehrt von hint’ zurück!
    Heine, mein absoluter Liebling! Da freue ich mich über die Maßen. Und Hemmingway – nun, Ernest habe ich auf meiner Seite in ein etwas längeres Stück zu pressen gewagt (Ernest oder der Tod, der Tod)
    Ich bin gespannt, wie’s weitergeht und freu mich, so eine interessante und mich ansprechende Seite entdeckt zu haben!

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    1. Vielen lieben Dank für deine lobenden Worte! Gerade sitze ich an der Rezension zu Hemingways “Schnee auf dem Kilimandscharo” – es bleibt hoffentlich spannend 😉

      Das Gedicht von Heine ist echt genial – vielen Dank fürs Teilen! Man erkennt ihn und seine humoristische Ader definitiv wieder. 😀

      Liebste Grüße!
      Ida

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  4. Ohne gleich lästig werden zu wollen: ich warte jetzt gespannt auf das für Februar versprochene Leopardenskelett hoch oben im Schnee. Habe mich doch selbst getraut (Ernest oder der Tod, der Tod) auf meiner Seite über Onkel H. ohne Scheu vor seiner schweren Großwildbüchse herzufallen.

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    1. Ich höre das Scharren mit den Füßen bis hierher! 😀 Dauert nicht mehr lang, dann gibt’s ein paar Worte zu dem armen, kalten Leoparden. Und zu Mister H., natürlich!

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