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Rezension | Die Unsterblichen

Zugegeben, es ist schon eine ganze Weile her, seit dieses unfassbar tolle Buch bei mir zuhause ankam. Aber wisst ihr, manches braucht seine Zeit, und ich gehöre zu der Sorte von Leser, bei denen die Stimmung eben passen muss, die Atmosphäre. “Die Unsterblichen” von Chloe Benjamin habe ich als eines der ersten Bücher dieses Jahres gelesen – und es gehört schon jetzt zu meinen absoluten Jahreshighlights 2020.

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C H L O E    B E N J A M I N    –    D I E    U N S T E R B L I C H E N
–  Rezensionsexemplar*  –

Die Hände der rishika sind kühl und flink.
Varyas Atem geht flach. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen Fremden berührt hat. Normalerweise trägt sie eine unsichtbare Membran, die sie wie ein Regenmantel vor Fremden schützt. In der Schule sind die Pulte ganz klebrig von den vielen Fingerabdrücken, und auf dem Pausenhof wimmelt es nur so von Vorschülern, und wenn sie nach Hause kommt, wäscht sie sich die Hände, bis sie ganz wund sind.
“Können Sie das wirklich?”, fragt sie. “Können Sie mir sagen, wann ich sterbe?”

Chloe Benjamin | Die Unsterblichen | S. 26

 

Es ist ein unerträglich heißer Sommer im Jahr 1969, als die vier Geschwister Varya, Daniel, Klara und Simon eine stadtbekannte Wahrsagerin aufsuchen. Langeweile treibt sie dorthin, aber noch etwas anderes: Neugierde. Denn die Frau in der Hester Street hat eine Gabe. Sie kann einem verraten, an welchem Tag man sterben wird.

Von diesem schicksalshaften Tag an folgt man jedem einzelnen der Geschwister auf ihrem Weg durchs Leben, erlebt Niederlagen und Erfolge gleichermaßen, und immer stellt sich die Frage: hat die Frau in der Hester Street die Wahrheit gesagt? Was, wenn ihre Vorhersage stimmt? Was bedeutet das für die Geschwister, was für die Welt, in der sie leben? Wie ein roter Faden zieht sich das Todesdatum der zwei Schwestern und zwei Brüder durch das Buch, schwebt wie ein unsichtbares Damoklesschwert über allem, was sie tun. Es ist unheilvolles Wissen und Befreiungsschlag in einem. Alle Entscheidungen, alle Richtungen, die sie einschlagen, geschehen im Schatten dieses Wissens.

Liebe Leute, dieses Buch ist so unglaublich gut gemacht, ich finde kaum adäquate Worte dafür. Von dem Zeitpunkt an, an dem die Kinder den Tag ihres Todes erfahren, bis zur allerletzten Seite ist das Buch in seiner Gesamtheit perfekt durchdacht. In vier große Teile gesplittet, die sich jedem der Geschwister individuell widmen, lernt man vier verschiedene Individuen kennen, die zunächst in starkem Kontrast zueinander stehen. Schnell wird aber klar, die Bande der Familie, die führen sie immer wieder zusammen, sorgen dafür, dass sie sich nie ganz aus den Augen verlieren.

Das erste Kapitel, das sich dem jüngsten Familienmitglied, Simon, widmet, war wie eine Schocktherapie für mich. Man wird in eine Welt hineingeworfen, in der es derb zugeht und ungezügelt, bunt und leuchtend – und vom einen Augenblick zum nächsten blickt man plötzlich in Abgründe, die einem den Magen umdrehen. Es war, blöd ausgedrückt, als würde man eine Katze gegen den Strich streicheln. Ich wusste nicht, was ich davon halten soll, war teils fasziniert, teils abgestoßen von so viel Rauheit. Doch je mehr ich las, je mehr ich erfuhr und in die Geschichte eintauchte, desto mehr verstand ich. Die Autorin sorgt nicht nur dafür, dass man Simon kennenlernt, sie schubst einen hinter ihm her, fordert einen auf: Sieh genau hin. Wag es nicht, wegzuschauen. Und so hat jedes der Kapitel seine ganz eigene Stimmung, man hat das Gefühl, als wüsste man nicht nur, wer dieser Mensch ist, um den es geht, sondern als fühlte man ganz genau, was in seinem Innersten tobt, was ihn antreibt oder zurückhält, ganz einfach: nicht wer er ist, sondern wer er ist.

“Das Leben besteht nicht nur darin, dem Tod die Stirn zu bieten”, sagt Raj. Seine Stimme kommt aus den Lautsprechern zu beiden Seiten des Monitors. “Man muss sich auch selbst überwinden, auf der Verwandlung insistieren. Solange man sich verwandelt, meine Freunde, stirbt man nicht.” – S. 182

Abgesehen davon, dass ich die Thematik ungemein faszinierend finde, empfinde ich die Umsetzung als mehr als gelungen. Unwillkürlich fragte ich mich während des Lesens wieder und wieder: was würde ich tun, wenn ich wüsste, wann ich sterbe? Würde ich genauso leben wie ich es jetzt tue? Was würde ich ändern? Und je weiter die Geschichte voran schritt, desto klarer wurde mir: Wenn man weiß, wann man stirbt, kann man es sicherlich für sich zum Guten wenden, man kann sein Leben dann genauso leben, wie man es sich wünscht. Aber warum braucht man dafür das genaue Datum? Dass jeder von uns ein fest eingebautes Verfallsdatum hat, steht schon fest, bevor man überhaupt geboren wurde. Warum reicht das nicht, um das Leben zu führen, das für uns am erfüllendsten wäre?

“Manche Magier sagen, die Magie erschüttert die Weltsicht. Ich dagegen glaube, dass Magie die Welt zusammenhält. Sie ist dunkle Materie, sie ist der Klebstoff der Realität, der Kitt, der die Lücken füllt zwischen allem, was wir wissen.” – S. 221

“Die Unsterblichen” von Chloe Benjamin ist ein wahrhaft magisches Buch, das aufweckt, das wachrüttelt und zeigt, dass jeder von uns sein Leben in der Hand hat – ganz egal, welches Datum es sein mag, an dem wir sterben. Einfühlsam und mit viel Liebe zum Detail erschafft sie Protagonisten, die man nicht nur begleitet, sondern auch zu verstehen lernt. Eine ausdrückliche Leseempfehlung von meiner Seite!



Autor:    Chloe Benjamin
Titel:      Die Unsterblichen
Verlag:   btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Jahr:      2018
Seiten:    477
[Genre:  Roman]



Weitere Stimmen zu “Die Unsterblichen”:

Buchperlenblog
Ricy’s Reading Corner



*An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an den btb-Verlag in der Verlagsgruppe Random House und das Bloggerportal für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar! 

7 thoughts on “Rezension | Die Unsterblichen

  1. Liebste Ida!♥
    Dieses Buch hat auch zu meinen Highlights gezählt, es ist so mitreißend und tragisch und lustig und … einfach überwältigend. Um deine Frage am Schluss aufzugreifen: Vielleicht braucht man mitunter diesen einen Arschtritt, um endlich aus dem Trott zu geraten, um etwas zu verändern. Meistens kommt das erst dann, wenn man das eigene Verfallsdatum, wie du so schön gesagt hast, eben wirklich hieb- und stichfest vor Augen hat. Und dann ist es manchmal schon zu spät.

    Liked by 2 people

    1. Wahre Worte, liebste Gabriela! ❤ Dieses Buch ist echt ein funkelnder Stern am Bücherhimmel – ich hätte nicht gedacht, dass es mich so berührt.
      Und, mal ehrlich, so einen kleinen Arschtritt dann und wann kann man durchaus auch mal brauchen… :'D Und dann kann man nur hoffen, dass es nicht wirklich schon zu spät ist :-O

      Liked by 2 people

  2. Liebe Ida,
    das Buch hört sich wirklich spannend an. Während ich deine Rezension gelesen habe, musste ich die ganze Zeit über daran denken, wie ich damit umgehen würde, wenn ich wüsste, wann ich sterbe (vorausgesetzt natürlich man glaubt der Wahrsagerin und ihrer Vorhersage). Das Buch werde ich mir auf jeden Fall näher ansehen.

    Liebe Grüße
    Anna

    Liked by 1 person

    1. Liebe Anna,

      Nicht wahr? Die ganze Thematik hat mich auch recht nachdenklich gestimmt und eine ganze Reihe von Denkanstößen bewirkt 😀 Ein wirklich, wirklich schönes Buch, das ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte.

      Liebste Grüße,
      Ida ❤

      Liked by 1 person

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