Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Die Prophezeiung der Hawkweed

Der Oktober ist endlich da, und mit ihm unheimliche Nebelschwaden und gemütliche Abende, die man mit gruseligen Geschichten verbringt. In ihnen liest man von Hexen, Monstern, von Mord und Totschlag, oder man kramt sämtliche Filme, Serien und Bücher hervor, die irgendetwas mit Zauberei, Geistern, unheimlichen Schlössern und mysteriösem Spuk zu tun haben. Die Zeit vor Halloween ist für mich immer etwas ganz besonderes, und deshalb stelle ich euch in den nächsten Oktoberwochen ein paar Bücher vor, die ich schon längst hätte rezensieren sollen und die sich hervorragend für ein paar schaurig-schöne Lesestunden eignen. Lasset das wohlige Gruseln beginnen… 

Hawkweed_01

I R E N A    B R I G N U L L    –    D I E    P R O P H E Z E I U N G    D E R    H A W K W E E D

Die Gerippe jener Hexenschwestern verwitterten längst unter dornigen Hecken und Ranken, die Schädel lagen mit Sand gefüllt am Meeresgrund, die Asche war verstreut in alle Winde… doch die Worte überdauerten die Zeit. Von Generation zu Generation wurde die Hawkweed-Prophezeiung weitergegeben, bis sie auch Raven und Charlock zu Ohren kam, die damals noch als kleine Mädchen zu Füßen ihrer Mutter spielten.
Eine ihre Töchter würde dereinst Hexenkönigin sein.

Irena Brignull | Die Prophezeiung der Hawkweed | S. 10

 

Bereit für eine magische Geschichte, in der von einem Fluch vertauschte Kinder und ein geheimer Hexenzirkel eine Rolle spielen? Dann ist “Die Prophezeiung der Hawkweed” von Irena Brignull vielleicht etwas für euch. Denn hinter diesem traumhaft schönen Cover mit silbern schimmernder Prägung verbirgt sich die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft, der von Poppy und Ember. Beide sind vor 15 Jahren in derselben Nacht zur Welt gekommen – aber in weit voneinander entfernten Orten. Ein böser Fluch sorgt dafür, dass die beiden Mädchen in ihren Krippen vertauscht werden, sodass die kleine Hexe Poppy in der Welt der Menschen aufwächst und das Mädchen Ember in der Mitte eines Hexenclans. Und dann ist da noch diese Prophezeiung, die wie ein Damokles-Schwert über den beiden zu hängen scheint…

Zugegeben, der erste Absatz der Geschichte hat mich leicht verstört und hätte mich wohl auch dauerhaft abgeschreckt, wenn ich mich nicht mitten in einem Lesemarathon befunden hätte. Schon bei meinem Fazit dazu habe ich euch von dieser Stelle zu Beginn des Buches berichtet, denn sie klingt ganz besonders garstig:

Die zwei Mädchen kamen zur Welt, als die Uhren Mitternacht schlugen. Während die winzigen Kinder aus dem Bauch ihrer Mütter glitten, nass und klebrig, mit geballten Fäustchen und geschlossenen Augen, die Gesichter zerknautscht von der Mühsal der Geburt, verschwand der Vollmond hinter einer düsteren Wolke, und draußen im Wald wurde der Himmel schwarz. Eine Fledermaus stürzte im Flug leblos zu Boden, und ein Silberlachs trieb tot auf dem Fluss. Schnecken verdorrten in ihren Häusern, Motten zerfielen im Nachtwind zu Staub, und eine Eule fraß ihre Jungen. Der Zauber war gewirkt.

Doch der Rest der Geschichte hat mich dann ganz für sich gewinnen können, auch wenn mir das Ende ein bisschen zu schnell abgewickelt vorkam. Die Schreibweise ist bildhaft und flüssig, weshalb ich das Buch auch relativ zügig innerhalb eines Tages ausgelesen hatte. Über verschiedene Erzählstränge verfolgt man die Geschichte, und erfährt vom Alltag der beiden jungen Protagonistinnen, in dem beide das Gefühl teilen, nirgends dazuzugehören. Man erfährt, wie es in einem Hexenclan zugeht und sieht die Kleinstadt aus einem anderen Blickwinkel, wenn man dem Straßenjungen Leo durch die Straßen und in die Herzen der Mädchen nachschleicht.

Die Selbstfindung spielt in “Die Prophezeiung der Hawkweed” eine besonders große Rolle, und ich finde, Irena Brignull ist die Darstellung der zerrissenen Seelen mit ihrer sehr einfühlsamen Erzählweise gut gelungen. Durch die verschiedenen Blickwinkel lernt man jeden Protagonisten näher kennen, lernt ihn/sie zu verstehen und so ergibt sich ein Mosaik aus Motiven und Empfindungen, die alle in einem typischen finalen Showdown gipfeln.

Von allen Protagonisten scheint der Fokus trotz allem hauptsächlich auf Poppy zu liegen, aber das war mir nur recht: denn Poppy war mir sehr, sehr sympathisch. Sie ist ein bisschen wie Harry Potter, eine Außenseiterin im beschaulichen Kleinstadtleben ihrer Eltern, das eigentlich gar nicht so beschaulich ist. Während ihre Mutter wegen eines Nervenzusammenbruches in einer Klinik untergebracht wird, zieht Poppy mit ihrem Vater von Vorstadt zu Vorstadt – und alles nur wegen Poppy. Denn überall, wo sie auftaucht, geschehen merkwürdige Dinge. Sachen gehen zu Bruch, wenn sie sich aufregt, kleine Brände beginnen in den Klassenzimmern zu schwelen. Sie wurde schon von so vielen Schulen verwiesen, dass Poppys Vater langsam die Hoffnung verliert – und die Geduld.
Wie auch Poppy fühlt sich Ember genauso fehl am Platz zwischen all den Hexen. Sie legt Wert auf Reinlichkeit und scheint einfach kein Talent zu haben für die Hexerei. Der Tag, an dem die beiden Mädchen einander zufällig begegnen, ist der Beginn einer besonderen und wunderbaren Freundschaft. Diese Freundschaft steht im Zentrum des Buches, und ist auch die Quelle, aus der beide Mädchen immer wieder Kraft schöpfen auf dem langen Weg zu sich selbst.

Ich empfand die Geschichte an einigen Stellen als herzzerreißend tragisch, gerade weil Poppy im Verlauf der Geschichte einfach nur akzeptiert werden möchte – besonders von ihrer Mutter, die sie immer wieder von sich stößt und mit Medikamenten betäubt werden muss, weil sie wiederholt behauptet, Poppy sei nicht ihr Kind.

“Was war es diesmal?”
“Ein Brand”, murmelte Poppy.
“Du kannst nichts dafür”, sagte ihre Mutter eindringlich und drückte Poppys Hand ganz fest. Poppy stockte der Atem; die unerwartete Hoffnung, verstanden zu werden, schnürte ihr die Kehle zu. Sie sah ihre Mutter an und, nach kurzem Zögern, erwiderte sie den Händedruck. Melanies Nägel gruben sich in Poppys Fleisch, und ihre Mutter schob die Lippen vor.
“Es ist der Teufel in dir”, flüsterte sie.

Allgemein sind die Eltern in ihren Rollen sehr glaubhaft beschrieben, was mir noch mehr das Herz gebrochen hat. Ich meine, stellt euch mal vor, man klaut euch euer Kind und ersetzt es mit dem Kind einer anderen Frau? Wie ist das dann mit der Mutterliebe, wenn das Herz genau weiß, dass das Kind in den Armen nicht das eigene ist? Ein ziemlich gut umgesetztes Thema, wie ich finde.

Dieses Buch ist zwar der erste Teil einer Reihe, die bis jetzt aus zwei Büchern besteht, doch ich finde, es macht sich auch als Standalone ganz gut. Besonders dann, wenn man sich die Geschichte selbst ein bisschen weiterstricken möchte, nachdem der erste Band beendet ist. 

“Die Prophezeiung der Hawkweed” ist eine sehr berührende und tiefsinnige Geschichte, und für Hexen in einem modernen Setting bin ich sowieso immer zu haben. Wer generell gerne Jugendbücher mit ein bisschen Tiefgang und magischen Elementen mag, der sollte hier zugreifen!



Autor:         Irena Brignull
Titel:           Die Prophezeiung der Hawkweed
Verlag:        Sauerländer Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 2017
Seiten:        398
Genre:        [Fantasy | Jugendbuch]

10 thoughts on “Rezension | Die Prophezeiung der Hawkweed

  1. Das klingt auf jeden Fall ziemlich vielversprechend! Das Cover kommt mir sogar vage bekannt vor, als hätte ich es schon mal in der Hand gehabt… Hm! Vermutlich sollte es einfach einziehen, ich seh das schon. Im übrigen ein ganz bezauberndes Foto! ❤️

    Liked by 1 person

    1. Oh merci 🙂 ♥
      Das ist eindeutig ein Zeichen! 😀 Ehrlich gesagt war das Cover auch hauptsächlich der Grund, warum ich das Buch überhaupt mitgenommen habe… 😀 Aber der Inhalt war genau richtig für eine herbstliche Hexen-Lesezeit. 🙂

      Liked by 1 person

  2. Liebe Ida,
    das Buch liegt schon ewig auf meiner Leseliste, aber vielen Dank für deine tolle Rezension! Das erste Zitat hat mich tatsächlich auch ein bisschen verstört, aber das zweite Zitat ist ja mal richtig schön! 🙂
    Ganz liebe Grüße
    Yvonne

    Liked by 1 person

    1. Liebe Yvonne,
      das stimmt, direkt nach dem ersten verstörenden Zitat ist die Erzählweise ganz normal. 😀 Hat sich auf jeden Fall gelohnt, nach dem ersten Schreck weiterzulesen. 😉
      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

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