Ida schreibt

#WritingFriday [19]: “Plötzlich entlaubt”

Mein letzter Beitrag zum Writing Friday von Elizzy ist schon eine gefühlte Ewigkeit her – fast drei Monate sind ohne die wöchentlichen Schreibaufgaben ins Land gezogen! Aus diesem Grund – und weil sich Elizzy diesen Monat wieder Aufgaben ausgedacht hat, die mein kleines Schreiberherz zum Hüpfen gebracht haben – möchte ich an diesem Freitag wieder in die Tasten hauen und eine Geschichte mit euch teilen. Folgende Aufgabe habe ich mir dafür herausgesucht:  

„Du bist ein Baum, der gerade all seine Blätter verliert, wie fühlst du dich?“

Ich konnte nicht widerstehen, für diese Geschichte eine ganz besondere Protagonistin zu wählen. Aber lest selbst!

 


 

„Plötzlich entlaubt“

Es ächzt und knarzt um mich herum. Einstimmiges Raunen und Laubrascheln erfüllt die kalte Morgenluft. Wie meine Freunde drunten im Tal strecke auch ich die Zweige etwas länger von mir und begrüße den neuen Tag, indem ich meine Blätter in der Morgensonne erstrahlen lasse. Seit ein paar Wochen schon werden die Tage immer kürzer, die Sonnenstunden immer weniger, und immer öfter umwabert nasskalter, grauer Nebel unsere Stämme. Erst letztens hat es so gestürmt, dass einige ihr Laub und ganze Äste verloren haben und ein eisiger Regen hat mit einer solchen Wucht auf mich eingeprasselt, dass meine Borke schon ganz schwammig wurde und ich befürchtete, bald noch mehr Moos anzusetzen als ohnehin schon.

Aber der heutige Tag verspricht ein sonniger und ruhiger zu werden. Nachlässig wische ich mit einem meiner ausladenden Äste nach einem vorbeifliegenden Rotkehlchen, das mir mit seinem Gezwitscher ein bisschen zu aufdringlich ist, und lasse meinen Blick über die weiten Ländereien vor mir schweifen. Dieser Ort ist mein Zuhause, und doch denke ich manchmal darüber nach, wie es wohl wäre, wenn mich meine Wurzeln an andere, fremde Orte tragen könnten, anstatt mich an einem Ort festzuhalten. Mein morgendliches Seufzen fährt durch meinen Stamm und lässt die Spitzen meiner Blätter vibrieren. Ein Eichhörnchen huscht flink an mir vorüber und verschwindet in der Ferne. Das Plappern vereinzelter Stimmen weht zu mir herüber und ich runzle verdrießlich die Furchen meiner Rinde. Die sollen mir bloß nicht zu nahe kommen mit ihren neugieren Knopfaugen und grabbelnden Händen, heute fühle ich mich ohnehin schon seltsam, auch wenn ich nicht genau weiß, weshalb. Sinnierend fühle ich nach meinen Wurzeln. Hm. Nicht zu trocken, aber auch nicht zu nass, also hier alles im grünen Bereich. Die Rinde ist auch wieder trocken und schön krustig, wie es sich gehört. Also auch hier alles gut. Ich grüble, fühle nach meinen Ästen, die zwar wegen der nächtlichen Kälte nicht ganz so biegsam und schwungvoll sind wie sonst, aber sich trotzdem recht normal anfühlen. Da spüre ich es! Ein Kribbeln wie von tausend Ameisen, die heimlich auf den Ästen spazieren gehen. Aber da sind keine Ameisen, also kann das nur eines bedeuten. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich es ja schon seit einer Weile gemerkt, aber wie immer verdrängt. Sie haben schließlich schon eine Zeitlang versucht, sich von mir zu lösen, und wie eine Glucke habe ich versucht, sie noch im Nest zu behalten – fast wie dieser seltsame Kerl mit seinen noch seltsameren Haustieren nicht weit von hier. Ich schnaufe verärgert. Dass das aber auch jeden Herbst so ablaufen muss! Räudiges Pack! Da gibt man ihnen immer nur die besten Nährstoffe, die man eben so an einem Platz auftreiben kann, gibt ihnen Luft und Liebe, und dann verlassen sie einen. Und mit einem Rauschen, als hätten sie sich abgesprochen, lassen plötzlich alle Blätter auf einmal von mir ab und segeln im Schwarm wie ein Federbett zu Boden. Da liegen sie nun. Und ich fühle mich seltsam leicht, aber auch entblößt ohne mein schmückendes Laub. Zornig schwinge ich meine starken Äste um mich und erwische eine vorbeifliegende Amsel, die eine erzürnte Schimpftirade in meine Richtung ablässt und dann echauffiert in den verbotenen Wald trudelt.

Die Schüler, die gerade in mehr oder weniger geordneten Zweierreihen über die Ländereien zu ihrer ersten Unterrichtsstunde stolpern, machen einen weiten Bogen um mich und tuscheln besorgt und aufgeregt, als sie meiner wild ausschlagenden Bewegungen gewahr werden. Die sollen sich nur trauen, mir heute in die Quere zu kommen! Heute, da ich noch unleidiger bin als sonst. Sonniger Tag hin oder her, so ganz ohne mein in bunten Farben strahlendes Laub ist dieser Tag für mich gelaufen. Und dann ruft auch noch die Stimme des immerzu verstrubbelten und fröhlich den Schülern winkenden Kerls: „Aaah, die peitschende Weide hat sich entlaubt – das is‘ ja toll, dass ihr das noch mitbekomm‘ habt! So is‘ recht, so lang ihr ihr nicht zu nah kommt, is‘ alles gut. Rein mit euch, rein mit euch – ich hab ‘ne tolle Stunde für euch vorbereitet!“ Während diese Plagegeister hinter der nächsten Biegung verschwinden, schüttle ich noch einmal möglichst wild und angsteinflößend mit meinen Ästen und beschließe, den Rest des Tages richtig gründlich miese Laune zu haben. Ich sehe schon, wie sich das Laub zu meinen Wurzeln unter meinem unerbittlichen Blick nervös windet. Jetzt kann euch nur noch der Wind helfen, ansonsten sitzt ihr hier so fest wie ich…


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [18]: “Die Seele des Hauses”

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7 thoughts on “#WritingFriday [19]: “Plötzlich entlaubt”

  1. Guten Morgen liebe Ida, oh wie sehr ich deine Geschichte liebe ❤ Nicht nur die Tatsache, das du für diese Schreibaufgabe Hogwarts besucht, nein auch dein Schreibstil finde ich einfach nur entzückend. Du hast der peitschenden Weide auf jeden Fall noch mehr Persönlichkeit verliehen! Grossartig ❤
    Hab ein tolles Wochenende!

    Liked by 3 people

    1. Guten Morgen! ❤
      Das freut mich so sehr! 🙂 Hihi, kaum hatte ich die Worte "der Baum verliert alle Blätter auf einmal" gelesen, sah ich die peitschende Weide vor mir, wie sie mit einem Rutsch alle Blätter abwirft. 😀 Eine bessere Eingebung hätte es nicht geben können! 😀
      Ich wünsche dir auch ein tolles Wochenende! ❤

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  2. Hey Ida,
    anfangs wirkt dein Text sehr entspannend und kippt dann ins Humorvolle um. Ich finde den Twist super, auch weil ich Harry Potter-Fan bin. Die miese Laune der Weide ist super. Werde sicherlich daran denken, wenn ich das nächste Mal einen Film aus der Reihe sehe.
    Grüße, Katharina.

    Liked by 1 person

    1. Hey Katharina,

      danke für deinen lieben Kommentar! 🙂 Hihi, ich bin mir nicht mehr sicher in welchem Teil es vorkommt, aber in einer Herbst-sequenz verliert die peitschende Weide tatsächlich alle Blätter auf einmal! Das fand ich damals schon so witzig, weshalb ich bei dieser Aufgabe sofort an diese Szene denken musste. 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

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