Ida schreibt · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

#WritingFriday [18]: “Die Seele des Hauses”

Nach langer WritingFriday-Abstinenz komme ich heute morgen endlich wieder einmal dazu, mich einer der Schreibaufgaben von Elizzy zu widmen. Heute geht es also um Folgendes:

„Dein Schreibtisch erzählt aus seinem Alltag.“

Diese Aufgabe klang für mich schon sehr verlockend – vor allem nach Janikas toller Umsetzung letzte Woche. Deshalb wünsche ich euch jetzt ganz viel Spaß beim Lesen dieser Geschichte aus Sicht meines Schreibtisches – die auch ein bisschen erklärt, warum es hier in letzter Zeit sehr viel ruhiger geworden ist.


 

„Die Seele des Hauses“

Guten Tag, liebe Leute! Sagt man das so? Ich bin ganz schön nervös. Mein Gott, das fühlt sich an wie bei einer Partnerbörse. Gut gebauter, stabiler und erfahrener Schreibtisch sucht ebenso erprobte Sitzgelegenheit zur Vervollkommnung des ohnehin schon beeindruckenden Erscheinungsbildes. Haha. Na, wenn das nicht alle Hocker, Stühle und Sessel auf den Plan ruft, dann weiß ich auch nicht. Aber ich sollte nicht undankbar sein, ich habe bereits einen Partner in Crime, auch wenn der wenig ergonomisch ist und meist als Klamottenablageplatz herhalten muss.

Ich kann mich auch eigentlich gar nicht beschweren, denn ich werde die meiste Zeit über ausgiebig genutzt. Aber ein wenig eifersüchtig bin ich dann doch, das muss ich zugeben. Gerade jetzt, wenn mein Mensch wieder eifrig schreibt und Bücher heimschleppt ohne Ende, die sich dann auf mir stapeln und drohen, meinen eigentlich recht strapazierfähigen Rücken zu brechen. Ich halte das aus. Aber es ist ja so: meistens werde ich morgens ignoriert, und das geht mir gehörig auf den Zeiger. Es hat keinen Zweck, das zu beschönigen. Ich sehe es schließlich, wie mein Mensch morgens entweder im Bett sitzend auf ihrem Laptop herumhackt oder um fünf Uhr früh, wenn die Welt draußen gerade in Morgendämmerung gehüllt ist, mit dem wichtigsten Schreibzeug auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleicht. Als hätte ich es nicht längst bemerkt, dass sie sich dann mit dem Küchentisch trifft, eine Tasse Tee an ihm trinkt und mit dem Arbeiten beginnt. Ich weiß, eine große Arbeit zu schreiben ist stressig, aber der Küchentisch? Wirklich? Der ist viel tiefer, und an den blauen Flecken an ihren Beinen sehe ich, dass sie daran einfach nicht bequem sitzen kann. „Aber die Aussicht ist in der Küche ist so schön“, höre ich dann nur, oder „Wenn ich am Schreibtisch im Schlafzimmer sitze, wecke ich nur unnötig meinen Liebsten mit dem üblichen Stiftkratzen auf Papier oder dem Geraschel der wirr durcheinanderfliegenden Aufzeichnungen und Notizzettel“ – pah! Mag ja alles sein. Aber die Aussicht von mir aus ist auch nicht schlecht. Zumal die mit hellgrünem Laub rauschende Birke vor dem Fenster die Nachbarshäuser wunderbar verdeckt und ein ganz tolles Licht im Zimmer erzeugt.
Außerdem habe ich alles, was das Herz begehrt (und was dieser dubiose, kleingeratene Küchentisch garantiert nicht hat): Eine Schreibtischlampe, eine kleine Uhr, mit verschiedenen Stiften und Bastelutensilien gefüllte Gurkengläser, eine Aufbewahrungsbox für Kabel, USB-Sticks, die externe Festplatte und sonstigem technischem Kram, Schmierzettel und Marker und Klebezettel en masse… und erst die geräumige Schublade, die sogar Platz für Haargummis, Haarspangen, Lippenbalsam, Hustenbonbons und Bürobedarf wie Büroklammern, Locher und Tacker bietet. Ich bin quasi der Schwarzmarkt dieser Wohnung, und die doofe Nuss setzt sich an den Küchentisch. Wenigstens wird dann der vollgekrümelt, und nicht ich. Na gut. Ich gebe zu, ich bin ein wenig unfair. Denn ab einer bestimmten Zeit am Morgen kommt sie wieder zurückgeschlichen, meist, nachdem die Haustür hinter dem anderen Menschen leise ins Schloss gefallen ist, und setzt sich gemütlich nieder, sortiert Blätter und Bücher, organisiert, plant, schreibt, und verzweifelt auch dann und wann.

Ach, wem mache ich etwas vor: natürlich liebt sie mich abgöttisch. Im Geheimen bin ich die Seele des Hauses – an mir passieren die wichtigen Dinge! Hier wurde ein Blog erschaffen und unzählige Arbeiten geschrieben, hier wurde gezeichnet und wild auf der Laptoptastatur getippt, gebastelt und Geschenke verpackt. Hier wurde vor jeder Notenbekanntgabe gebangt, ich wurde Zeuge kleiner und großer Freudensprünge, Freudentränen, Tränen der Wut und Verzweiflung, aber auch von ansteckendem Gelächter und Gekicher, von konzentriert zusammengekniffenen Augen. Ich erlebte Tage, die so kalt waren, dass sich mein Mensch mit Decke und dicken Wollsocken an mich setzte und solche, an denen vor lauter Hitze im halbe-Minuten-Takt der Stift aus ihren schweißnassen Händen entwischte, der Schlingel!

Doch doch, ich bin wirklich ein außerordentlich tolles Exemplar von Schreibtisch – und siehe da! Mein Mensch nickt dazu, lächelt und macht sich wieder daran, die Bücher abzuarbeiten. Natürlich nur, damit ich nicht so unter der Last leiden muss, ist doch klar.


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [17]: “Magische Begegnung zur Abendstunde”


 

 

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15 thoughts on “#WritingFriday [18]: “Die Seele des Hauses”

  1. Liebste Ida, oh welch ein sympathischer Schreibtisch mit so viel Charme 😀 du hast wirklich einen wunderbaren Text geschrieben und bringst den Charakter deines Schreibtisches unglaublich gut zu Geltung!

    Hab ein tolles Wochenende ❤

    Liked by 1 person

    1. Hi liebe Daniela!
      Ach ist das schön, ich glaube, diese Woche haben einige Schreiberlinge das Thema mit dem Schreibtisch gewählt. Kein Wunder, dabei kann man sich auch richtig kreativ austoben. 🙂 Vielen Dank für den lieben Kommentar – und es freut mich sehr, wenn dir der Text gefallen hat. 🙂
      Hab ein wunderbares Wochenende ❤
      Ida

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  2. Liebe Ida,
    willkommen zurück zum #WritingFriday! Du hast deine Abwesenheit ganz toll mit dieser Geschichte erklärt. Und sie ist dir inhaltlich auch sehr gelungen. Ganz fein, diese Eifersucht auf den Küchentisch. Da musste ich schmunzeln, auf diese Idee wäre ich auf Anhieb wohl nicht gekommen.
    Die Geschichte liest sich flüssig und hat ein wundervolles Happy End. Das freut mich total, dass du im Laufe des Tages diesen lieben Schreibtisch nicht vergisst. 😀

    Ich habe für heute einen BEITRAG der etwas anderen Art vorbereitet. Bin gespannt, wie er dir gefällt. 
    GlG, monerl

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    1. Hi monerl! 🙂

      Erst einmal danke für deinen lieben Kommentar ❤ Der #WritingFriday hat mir schon ganz schön gefehlt, aber momentan fehlt auch einfach die Zeit dafür. Deshalb war ich auch doppelt so froh, dass ich es diesen Freitag dann doch geschafft habe, einen kleinen Text zu meinem Schreibtisch zu schreiben. 🙂 Und wenn er dir dann so gut gefällt, hat es sich schon gelohnt.
      Gerade jammert er wahrscheinlich wieder – da ist kein Zentimeter freier Raum auf dem armen Teil. 😀

      Hab ein wunderbares Wochenende! ❤
      Ida

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  3. Hallo Ida,
    ich habe deine Beiträge zum #WritingFriday in letzter Zeit wirklich vermisst (auch wenn ich selbst kaum dazu gekommen bin, einen Text dafür zu schreiben.) Mein Schreibtisch würde sich im Moment sicher auch darüber beklagen, dass ich den Tisch im Esszimmer ihm vorziehen. Aber das Zettelchaos bei so einer “großen Arbeit” braucht schließlich auch seinen Platz.

    Dein Schreibtisch ist mir mit seiner Art zu Erzählen auf jeden Fall sehr sympathisch. Und was ihr schon gemeinsam erlebt habt – da kann ich nur staunen. 🙂 Ein wirklich schöner Beitrag.

    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hallo liebe Anna,

      mir hat das Schreiben kreativer Texte auch sehr gefehlt! Da merkt man erst einmal, wie sehr man es schon in seinen Alltag eingebaut hat und es einfach nicht mehr missen möchte. 🙂 Aber sobald die Arbeit fertig ist, will ich wieder öfter Beiträge zum Writing Friday schreiben – mal sehen, ob das so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. 😀

      Das stimmt! Der Schreibtisch ist nicht umsonst ein Ort, an dem ich ganz viel Zeit verbringe (wobei ich mich dann schon manchmal frage, ob es nicht fast ein bisschen zu viel Zeit ist! :D). Danke dir auf jeden Fall für deine lieben Worte! ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

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  4. Liebe Ida,
    herrlich witzig, vor allem der Einstieg mit der Partnerbörse :)) . Ich finde es zudem schön, wie die Attribute des Schreibtisches in personifizieren, etwa die Ablagefläche als sein Rücken.
    Viele Grüße
    Sebastian

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  5. Liebe Ida,
    wow, das hast du so schön geschrieben. Ich mag deinen Schreibtisch, er hat richtig viel Charme 😉 meiner ist leider in bisschen mürrisch, was ich ihm aber auch nicht wirklich verübeln kann.

    Ganz liebe Grüße!

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    1. Hey du! 🙂

      Danke für deine lieben Worte!
      Oh nein, der arme mürrische Schreibtisch! 😀 Aber meiner ist momentan auch nicht wirklich gut auf mich zu sprechen… aber das geht hoffentlich vorbei. 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

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