Ida schreibt

#WritingFriday [20]: “Der letzte Beweis”

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich kann es kaum erwarten – denn in weniger als zwei Wochen ist Halloween. Und deshalb bringe ich mich schon vorher in gruselige Stimmung, für mich die ideale Vorbereitung auf die Nacht der Gespenster und Dämonen. Die heutige Schreibaufgabe von Elizzy im Rahmen des Writing Friday lautet:

„Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Er sah nach hinten und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn…“ beginnt.“

Lasset das Gruseln beginnen!


 

 „Der letzte Beweis“

Er sah nach hinten und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn der Schatten, den er schon vor einer Weile entdeckt hatte, folgte ihm noch immer. Ob er ausspioniert wurde? Oder schlimmer noch, wollte da jemand an das kleine Päckchen, das er seit diesem Abend mit sich herumtrug? Nervös fuhr er mit der Hand in seine Manteltasche und tastete nach dem in grobes Packpapier geschlagenen Kästchen. Seine Fingerspitzen fuhren über die harten Kanten, während er misstrauisch seine Umgebung beäugte. Es hier zu öffnen wäre fatal, er musste warten, bis er die Tür zu seinem Abteil in der Dampflock hinter sich schließen konnte. Ein Blick auf die goldene Taschenuhr veranlasste ihn, etwas energischer voranzuschreiten. Nebelschwaden und unheimliches, zwischen den Häusern widerhallendes Gelächter ließen ihm die Nackenhaare zu Berge stehen. Fröstelnd klappte er den Kragen seines Mantels hoch und bemühte sich, eins zu werden mit der Dunkelheit, die sich von allen Seiten an ihn presste. Er durchquerte einige dunkle Gassen, hastete über die regennasse Straße, die um diese nachtschlafende Zeit nur vereinzelt von Pferdekutschen benutzt wurde. Die Straßenlaternen, die seinen Weg zum Bahnhof säumten, tauchten die Szenerie in ein kränkliches, grünliches Licht. Ein verstohlener Blick über die Schulter, tatsächlich, er war allein. Aber warum fühlte er sich dann, als würden sich stierende Augen in seinen Rücken bohren und ihn dazu zwingen, sich umzudrehen? Er lachte kurz nervös auf, ein Geräusch, das eher wie ein kaltes Bellen klang, und erschrak vor seiner eigenen Stimme. Das muss endlich aufhören, dachte er zu sich selbst. Ich fürchte mich ja schon vor meinem eigenen Schatten. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht und eilte auf das dampfende, lärmende Ungetüm aus Stahl zu, das ihn zu dem ausgemachten Treffpunkt bringen sollte. Wenn alles gut lief, würde er heute nicht nur einen Mord, sondern eine ganze Mordserie aufklären.

In seinem Abteil angelangt, schloss er sorgfältig die Tür hinter sich, und indem er auf die Fenster zustürzte und hastig die Vorhänge vorzog, verbarg er sich selbst und das geheime Päckchen vor der Welt. Erleichtert atmete er auf und warf seinen Hut auf das kleine Tischchen, auf dem bereits eine heiße Tasse Tee stand. Er stutzte. Für gewöhnlich musste man im Servicewagon etwas bestellen, ehe es in das entsprechende Abteil gebracht wurde. Unruhig sah er sich in dem kleinen Raum um. Mit zwei langen Schritten maß er den begrenzten Raum ab, sah im Schränkchen nach und spähte unters Bett. Keine Hand fuhr darunter hervor und packte ihn am Schlafittchen, niemand versteckte sich zwischen den Laken. Er beschloss, den Tee vorläufig zu ignorieren und setzte sich auf die für die Nacht vorbereitete Pritsche. Das Klappern der dünnwandigen Teetasse auf dem Unterteller und rhythmisches Rucken war unmissverständlich: die Lok hatte sich in Bewegung gesetzt, er war in Sicherheit. Vorsichtig kramte er das Päckchen aus seiner Manteltasche und legte es auf ein ausgebreitetes Stofftaschentuch, das er aus der anderen Manteltasche hervorgezogen hatte. Er konnte nicht anders, als einen nervösen Blick über die Schulter zu werfen. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus und zog sich bis zu seinem Scheitel. Nichts da! Er würde sich nicht von seiner eigenen Furcht davon abhalten lassen, das letzte und wichtigste Beweismittel in diesem Fall in Augenschein zu nehmen und dann hoffentlich zu seinem geregelten Leben zurückkehren zu können. Mit fahrigen Fingern zerriss er das Packpapier, wickelte das hölzerne Kästchen aus und hielt die Luft an. Das war es, jetzt oder nie. Mit einem entschlossenen Ruck öffnete er den Deckel, der mit einem deutlich vernehmbaren Knarzen aufsprang und seine Inhalte offenbarte.

Sein Schrei des Entsetzens wurde vom Kreischen der Dampflokpfeife verschluckt und verlor sich im Dunkel der Nacht.


Text: Ida


 

Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [19]: “Plötzlich entlaubt”

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18 thoughts on “#WritingFriday [20]: “Der letzte Beweis”

  1. Oh mein Gott, war das jetzt spannend!
    Eigentlich bin ich ja auf der Arbeit, aber ich konnte nicht anders, als deine kleine Geschichte zu lesen. Ich habe also auch immer ganz nervöse Blicke über meine Schulter geworfen… richtig spannend! 🙂

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  2. Hallo Ida! Welch gute Geschichte und welch gemeines Ende 😀 mich würde ja unheimlich interessieren was da denn nun drin ist? Und von wem wird er verfolgt? Und wie viele Fälle gibt es da noch? 😀 das wäre übrigens ein guter Prolog für ein Buch 😀

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    1. Hi liebe Katharina,

      danke für deine lieben Worte. 🙂 Genau das war meine Absicht – so darf sich jeder selbst ausmalen, was sich da so Grausiges in dem kleinen Kästchen befindet… 😉

      Liebste Grüße,
      Ida

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  3. Liebe Ida,
    wie immer kann ich nur sagen, dass ich ein absoluter Fan deiner Schreibkünste bin. Mir lief der Schauer wahrhaftig den Rücken herunter. Diesen Text werde ich mir sicherlich noch einmal durchlesen, denn sobald wir Halloween näher kommen, habe ich richtige Lust auf Gruseltexte. 😀

    Liebste Grüße

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    1. Hi du! 🙂
      Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr mich deine Worte freuen! ❤ Ich muss kurz vor Halloween auch möglichst viele gruselige Geschichten lesen und Filme schauen um so richtig in Gruselstimmung zu kommen. 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

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