Ida schreibt

#WritingFriday [9]: “Sternschnuppe am Firmament”

Besser spät als nie – hier ist mein heutiger Beitrag zum #WritingFriday von Elizzy. Ich konnte mich erst gar nicht zwischen all den tollen Aufgaben entscheiden, die für den März noch übrig waren. Die heutige Schreibaufgabe lautet:

„Schreibe den Anfang einer Geschichte, die mit dem Satz beginnt: Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte.“

Dazu vielleicht noch eine kurze Bemerkung: Beim Schreiben haben mich zwei Lieder in Dauerschleife begleitet: “Terrible Love” von Birdy und “Into the Fire” von Erin McCarley. Wenn ihr auf die Links klickt, werdet ihr zu den jeweiligen YouTube-Videos weitergeleitet, um so richtig in Stimmung zu kommen. 😉 Viel Spaß beim Lesen! 


„Sternschnuppe am Firmament“

Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte. Wenn ich zurückdenke, fallen mir all die Ereignisse ein, in denen es mir hätte auffallen müssen, dass etwas nicht stimmte. All die kleinen Momente, die so schnell vergingen wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels. Und doch, und doch … gerade ich hätte es sehen müssen. Ích, als ihr bester Freund, hätte es bemerken müssen. Aber mein eigenes Drama war zu vordergründig, als dass ich für einen Moment die Augen länger auf ihrem Gesicht hätte verweilen lassen können. Mich selbst zu zwingen, zu sehen, was direkt vor meinen Augen geschah. All die Lügen der letzten Monate, und ich mittendrin, zu blind für alles andere, was sich nicht offensichtlich wie ein Dolch in mein Herz bohrte.

Und jetzt? Selbst jetzt versucht sie, die Lüge weiter zu stricken, mich in ihr Lügennetz einzuflechten, um es sich selbst einfacher zu machen. Alles bewegt sich in Zeitlupe, und all die kleinen Dinge drängen sich mir förmlich auf, als ich die Tragweite all ihrer Lügen begreife. Ihre Hand in meiner, ihr Blick süß wie Honig. Doch dahinter erkenne ich noch etwas anderes. Ist es Schmerz? Trauer? Wut? Stählern glänzt es durch das Gold ihres Lächelns und ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Und ich sehe es in dem kleinen Zucken ihrer Mundwinkel, dass sie weiß, dass ich sie endlich durchschaut habe. Endlich ist der Vorhang gefallen, die Maske, die sie so lange mit solcher Perfektion trug. Ich spüre wie sie zitternd meine Hand drückt, ich fühle förmlich die Erschütterung des Lügenpalastes, der in ihrem Innern und um uns herum einstürzt. Ich will wütend auf sie sein, ich will sie anschreien und wüten und toben und sie so lange schütteln, bis sie wieder zu Bewusstsein kommt, bis sie wieder die alte Maja ist, die ich so liebe. Meine beste Freundin, mit der ich durch dick und dünn gegangen bin. Die Maja, die mir ohne zu zögern in den kalten See nachsprang, als sie feststellte, dass ich ihr verschwiegen habe, dass ich nicht schwimmen kann. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen und sehe wieder den stählernen Schmerz hinter ihren golden funkelnden Augen aufblitzen, als ich prustend und keuchend vor ihr auf dem patschnassen Steg lag und mich unter jedem Atemzug krümmte und vor der Kraft ihrer Gedanken zurückschreckte. Genau wie jetzt, als ich zu ihr aufblicke. Erst jetzt erkenne ich, wie viel Kraft es sie gekostet haben musste, den Schein zu bewahren und die Last ihrer Entscheidung allein zu tragen.
„Es ist keine Last, Pete. Nicht wirklich.“ Ihre Stimme ist zu sanft, viel zu zart und einfühlsam.
„Lass das!“, bringe ich unter Anstrengung zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Du … du hast kein Recht! Du kannst nicht einfach in meinem Kopf stöbern und dich selbst vor mir verschließen!“ Aufgebracht sehe ich sie an, wie sie so vor mir sitzt.
„Die einzige Last, die ich in den letzten Monaten tragen musste, war die Frage, ob ich es dir sage.“
„Ob?“, speie ich hervor. „OB du es mir sagst?“ Wie Gift und Galle muss sich meine Stimme anhören, und sie senkt den Blick auf unsere verschränkten Hände.
„Es tut mir leid“, flüstert sie, und ich bin geneigt ihr sofort zu verzeihen, so wie immer. „Es tut mir leid, dass du es herausgefunden hast. Das war nicht meine Absicht.“ Ungläubig blicke ich sie an, als sie fortfährt: „Es sollte ganz anders ablaufen, einfacher und weniger schmerzhaft.“ Sie seufzt tief. Ich bin so erzürnt, so verletzt, dass ich sie eine Weile nur sprachlos anstarre. „Ich bin dein bester Freund!“, würge ich hervor, bemüht, nicht in Tränen auszubrechen. Maja bleibt still sitzen, sie windet sich nicht unter meinem Blick, wie ich es mir erhofft hätte, sie schließt lediglich ihre Augen. Verschließt mir erneut den Blick hinter ihre Fassade. Mir wird klar, dass es egal ist, was ich jetzt sage, sie wird es so oder so durchziehen, wie sie es vor Monaten beschlossen hat. Alles an mir fühlt sich taub an, es wird still in mir. Und ich weiß, es ist nur die Ruhe vor dem Sturm, aber ich bin versucht, hier zu verweilen, solange es geht. Sie lässt mich. Ich schließe die Augen und atme, atme den Schmerz aus und wieder ein, während sie mir von den letzten Monaten erzählt. Wie es immer schlimmer wurde, wie sie jeden Gedanken so laut hörte, als stünde sie in einer Arena mit hunderten von Menschen. Und all der Kummer, all die Sorgen anderer Menschen mischten sich mit ihren, bis sie glaubte, verrückt zu werden. Wie sie die Entscheidung traf, dem ein Ende zu bereiten. Sie, die immerzu in der Lage war, die Gedanken anderer zu lesen und das Bedürfnis hatte, jeden einzelnen vor seiner eigenen Dunkelheit zu retten. Bis die Dunkelheit in ihr zu groß wurde, um es noch länger zu ertragen.
Sie nimmt mein Gesicht in ihre Hände und küsst meine Stirn. Ein Hauch nur, eine zarte Sommerbrise voller Versprechen auf ein Wiedersehen. Aber ich weiß es besser. Es ist ein Abschied, und am Ende bleibe ich allein zurück. Als ich wieder aufblicke von meinem starren Blick in mein Inneres glänzen ihre Augen wie flüssiger Bernstein in einem Meer aus Tränen.
„Es gibt keinen anderen Weg für mich, Pete.“ Ich will widersprechen, doch ich weiß, dass es nichts bringt. Ein trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht und ich sehe darin die alte Maja mit ihrem breiten Grinsen von Ohr zu Ohr. Eine Welle voller Kummer überrollt mich, und als ihre Tränen meine Brust benetzen, erkenne ich, dass auch sie ihn spüren kann und endlich, endlich begreife ich. Vor meinem Schmerz fürchtete sie sich am meisten, denn es ist der ihre, nur dass sie ihn nicht vor sich selbst verstecken kann. Und weil ich sie so liebe, lasse ich sie gehen.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging, in der wir einander umklammerten und versuchten, einander so fest zu halten wie irgend möglich, bis unsere Augen gerötet und unsere Herzen wund waren. Und als sie vor den Rat der Drei trat, war ich nicht dabei. Als sie ihnen ihre Dunkelheit übergab und selbst zu hell gleißendem Licht wurde, das die Nacht erhellt, saß ich auf meiner Veranda und starrte verloren in den Nachthimmel. Ich fühlte, wie sich der Rest ihrer irdischen Präsenz von mir löste und sich die Einsamkeit an ihrer Stelle einnistete. Und in der Schwärze der Nacht schoss eine einzelne, goldene Sternschnuppe über das Firmament.


Text: Ida


 

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19 thoughts on “#WritingFriday [9]: “Sternschnuppe am Firmament”

  1. Liebste Ida, ich habe gerade Gänsehaut bekommen unglaublich was du mit einzig diesem Satz für eine Geschichte schreiben konntest. Du hast mich sehr berührt und ich bin traurig ist Maja fort und er hier übrig geblieben. Wundervoll geschrieben, du hast wirklich Talent! ❤

    Liked by 1 person

    1. Liebste Elizzy, das freut mich unglaublich! Danke dir für deine lieben Worte ❤ Eigentlich wollte ich zur Abwechslung etwas Lustiges schreiben, aber irgendwie hat die Geschichte dann doch eine andere Wendung genommen. 😉

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  2. Liebe Ida,
    wow. Ich kann mich Elizzy nur anschließen! Ich hatte auch Gänsehaut beim Lesen.
    Du schreibst soo schön! Besonders dieser Satz hat es mir angetan: Stählern glänzt es durch das Gold ihres Lächelns und ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen.
    “Stählern glänzt es durch das Gold ihres Lächelns” ist etwas, das mir niemals einfallen würde und ich finde es wunderbar. Ich hab den Satz jetzt bestimmt 10x gelesen. Hut ab 🙂
    Liebe Grüße und dir ein wunderbares Wochenende,
    Janika

    Liked by 2 people

    1. Liebe Janika,
      Oh, das ist so lieb von dir! Ich freu mich gerade wie ein kleiner Schneekönig über deine lieben Worte (auch ganz ohne Schnee)! 🙂 Manche Worte kommen einfach nur in dem Moment, in dem man sie schreibt – ich bin sicher, dass mir unter anderen Umständen eine solche Formulierung nicht eingefallen wäre. 😉
      Liebste Grüße zurück und dir auch ein wundervolles Wochenende!
      Ida

      Liked by 1 person

  3. Oh Gott Ida … *schnief* so einen Text kannst du mich doch nicht an einem Montagmorgen lesen lassen?! Ich bin ganz platt und völlig sprachlos und muss gerade versuchen nicht doch noch zu heulen. Wie toll … *seufz* Ich liebe deine Art zu schreiben und wie sich die Emotionen in mein Herz bohren. Okay, das klingt etwas schräg, aber trotzdem. Einfach großartig!

    Alles Liebe
    Ella ❤

    Liked by 1 person

    1. Ach liebe Ella! 😀 Tausend Dank für deine lieben Worte! So viel Balsam für mein kleines Schreiberherz<3 Ohweh, für einen Montagmorgen ist die Geschichte dann doch starker Tobak – hier, ein virtuelles Taschentuch für deine Tränen! Die anderen brauche ich aber noch für meine Erkältung.. bei so vielen tollen Komplimenten schaffe ich es dann vielleicht doch noch, aus dem Bett zu kriechen 😉
      Liebste Grüße zurück
      Ida ❤

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