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Rezension | Die Goldene Ananas

D E N N I S     K O R N B L U M    –     D I E     G O L D E N E     A N A N A S
– 
Rezensionsexemplar* 

In Sekundenbruchteilen raste ihm noch einmal durch den Kopf, dass er in den nächsten Augenblicken zwei ihm völlig neue Menschen kennenlernen würde, und er spürte sein Herz laut pochen, denn das war immer eine eigenartige und auch ziemlich anstrengende Angelegenheit für ihn.

Dennis Kornblum | Die Goldene Ananas | S. 125


In “Die Goldene Ananas” lernen wir Elias kennen, einen jungen Mann, der Routinen in seinem Alltag braucht, der Pünktlichkeit schätzt, und den es nicht stört, jeden Abend das gleiche Abendessen vor sich stehen zu haben. Doch nun soll Wind in sein bisheriges Leben kommen, denn Elias zieht in seine allererste eigene Wohnung. Für ihn ist dieser Umzug mit viel Stress verbunden, denn Elias hat die Diagnose Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Dadurch fällt ihm gerade sozialer Umgang und die Einschätzung bestimmter Situationen schwerer als seinen Mitmenschen.

Und nun erwarten ihn nach 5 Jahren des Alltagstrotts in einer speziellen betreuten Wohneinrichtung neue Bekanntschaften und eine ungewohnte Umgebung, in der er versucht, seinen gewohnten Alltag aufrechtzuerhalten. Eisern bemüht er sich darum, seinen streng nach Uhrzeit und festen Gewohnheiten getakteten Tagesplan einzuhalten – doch da hat er die Rechnung nicht mit seinen neuen Nachbarn gemacht. Die wollen den neuen Hausbewohner natürlich gern kennenlernen, angefangen bei einem kleinen wissbegierigen Mädchen mit ihrer überforderten Mutter, über den geselligen Willi bis hin zum Fitnessfanatiker Joe.

Mal ganz aus dem Nähkästchen geplaudert: Ich nehme selten Rezensionsanfragen an. Hauptsächlich deshalb, weil ich eine Stimmungsleserin bin, die im einen Moment Lust auf Sachbücher hat, um im nächsten Moment Fantasybücher zu verschlingen. Doch die Anfrage von Dennis Kornblum, die eines schönen Tages in mein E-Mail-Postfach flatterte, hat mich davon überzeugt, der Goldenen Ananas eine Chance zu geben. Schon seit Längerem fasziniert mich das gesamte Spektrum des Autismus, und deshalb freute ich mich darüber, einen Roman über einen Protagonisten mit dem Asperger-Syndrom zu lesen. Gerade deshalb, weil die Geschichte von jemandem verfasst wurde, der selbst Asperger hat und daher ganz genau weiß, wovon er redet.

Die Geschichte hat ihren ganz eigenen Rhythmus und beschreibt Elias erste Wochen und Monate in seinem neuen Zuhause. Als Leser:in begleitet man ihn bei allem, was er tut, erfährt, wie er tickt und kennt bald seine prominentesten Eigenheiten. Man sieht ihn an seiner neuen Herausforderung wachsen, und das fand ich an diesem Roman besonders schön. Die Entwicklung verläuft langsam, aber stetig – genau so, wie ich es im realen Leben außerhalb des Buches im besten Fall erwarten würde. Allerdings hat es mir die Geschichte nicht immer leicht gemacht, mit Begeisterung und Interesse dabei zu bleiben. Oft verliert sich der Protagonist in ausufernden Beschreibungen seiner liebsten Musikrichtung, oder man liest seitenlang davon, welche Handgriffe und bestimmten Fingerübungen er an seiner E-Gitarre übt. Da schweifen die Gedanken dann schon mal ab, während man liest, oder die Augen fliegen nur noch grob über die Seiten, und das empfand ich als sehr schade. Gerade diese repetitiven Elemente, die immer und immer wieder die Gewohnheiten und Interessen des Protagonisten aufführten, tragen natürlich zu dem stattlichen Umfang des Buches bei. Eine Kürzung der Goldenen Ananas wäre da vielleicht nicht schlecht gewesen, um den Unterhaltungsaspekt der Geschichte nicht ganz so unter den Tisch zu kehren.

Andererseits kann ich aber auch verstehen, warum die Geschichte so ist, wie sie ist. Warum eine Kürzung vielleicht der Unterhaltung gedient hätte, aber nicht der Authentizität. All die ausufernden Beschreibungen der Menschen, denen der Protagonist begegnet, oder die ungewohnten, neuen Situationen, in denen er sich befindet, erzeugten in mir eine gewisse Unruhe, ja gar eine Nervosität. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich eine autistische Person in den beschriebenen Situationen eben genauso fühlt: überfordert, unruhig, nervös. Auf diese Weise mit Informationen überladen zu werden, ist nicht besonders angenehm, und das erfährt man als Leser:in quasi am eigenen Leib.

Ich fand es erfrischend, aus der Sicht einer autistischen Person einen Blick in die Welt eines solchen Menschen werfen zu dürfen. Einfach mal zu erspüren, wie es sich anfühlt, ein paar Lesestunden lang in den Schuhen eines Menschen zu stecken, der das Asperger-Syndrom hat, der für alles Neue und Unbekannte Mut ansammeln und für den jegliche soziale Interaktion eine wahre Herausforderung ist. Lediglich ein gutes Stück kürzer hätte es für meinen Geschmack sein dürfen, und nicht ganz so wiederholend, um ein kleines bisschen mehr Lesespaß zu gewährleisten.

Rating: 3 out of 5.


Autor:    Dennis Kornblum
Titel:      Die Goldene Ananas
Verlag:   Tredition Verlag
Jahr:      2020
Seiten:    580
[Genre:  Roman]



Weitere Stimmen zu “Die Goldene Ananas”:

Buchperlenblog
Im Buchwinkel



*An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an den Autor, Dennis Kornblum, und den Tredition-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar! 



3 thoughts on “Rezension | Die Goldene Ananas

  1. Hallo Ida =)

    Vielen lieben Dank für das Aufmerksam machen auf deine Rezension =) Du sprichst mir aus der Seele hinsichtlich Länge und Unterhaltungswert. Ich hab dich ebenfalls in meiner Rezension verlinkt und folge gleich mal deinem Blog.

    Viele liebe Grüße,
    Nico

    Liked by 1 person

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