12 Klassiker im Jahr · 2021 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2021 | #02 | Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt bereits in die 4. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2021. Ganz egal, ob im Original englisch-, deutsch- oder französischsprachig, die ausgewählten Werke wurden allesamt im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen, politischen, sozialen Kontext.

Erich Kästner gehört schon seit Langem zu den Schriftstellern, deren Werke ich abgöttisch liebe. Gerade von Kästner kannte ich bis jetzt natürlich viele Kinderbücher, die meine Kindheit und Jugend prägten, doch der Klassiker, den ich im Februar las, ist jenseits dieser unbeschwerten Geschichten. “Fabian: Die Geschichte eines Moralisten“, oder, wie der Titel ursprünglich lauten sollte: ‘Der Gang vor die Hunde’, Kästners Werk aus dem Jahre 1931, ist eine Geschichte vom Verfall der deutschen Gesellschaft, und erschreckend aktuell.

E r i c h    K ä s t n e r    –    F a b i a n

“Wir werden nicht daran zugrunde gehen, dass einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, dass andere besonders dämlich sind. […] Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligten zugrunde. Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, dass wir uns ändern. ‘Wozu sind die andern da?’, denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl.”

Erich Kästner | Fabian | S. 37

I n h a l t

Die 1930er Jahre haben begonnen, und Jakob Fabian ist einer von vielen Menschen in Berlin, die ihrem Tagwerk nachgehen. Doch Fabian ist anders, denn im Gegensatz zu seinen Mitmenschen ist er ein Moralist. Und leider ist er auch ein Germanist, dem die Stelle gekündigt wurde, und der nun gleichzeitig nach Arbeit, dem Sinn des Lebens und einer Möglichkeit für eine bessere Welt sucht. Er gerät in aberwitzige Situationen, in Bordelle und das Berliner Nachtleben, fühlt sich vom Verhalten seiner Zeitgenossen abgestoßen und versteht die Welt nicht mehr. Denn die Großstadt am Vorabend des Nationalsozialismus ist kein geeigneter Ort für einen Mann wie Fabian, für einen, der hinschaut, der Probleme erkennt und versucht, etwas dagegen zu unternehmen.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

“Fabian” kann man als Großstadtroman mit autobiografischen Zügen bezeichnen, als eine Warnung des Autors vor dem, was der Menschheit kurz vor Hitlers Machtergreifung bevorstand. Vieles am Roman erinnerte mich an andere großartige Werke anderer deutscher Schriftsteller, wie zum Beispiel an Hermann Hesses “Der Steppenwolf” (ebenfalls eine Großstadt außer Rand und Band, und der Protagonist mittendrin) oder Thomas Manns “Mario und der Zauberer“, voller kurioser Überspitzungen. Kästner selbst schreibt in seinem Vorwort zu “Fabian”:

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äußerste, was er vermag. Wenn auch das nicht hilft, dann hilft überhaupt nichts mehr.

Kästners Vorwort zu “Fabian”

Ich liebe Erich Kästners Erzählstimme, auch wenn sie in “Fabian” so ganz anders ist als in den Büchern, die ich bis jetzt von ihm gelesen habe. Unaufgeregt und fast schon neutral wird eine Geschichte erzählt, die in sich gleichzeitig erschreckend, urkomisch und so traurig ist, dass einem das Herz schwer wird. Komik und Tragik liegen in diesem Großstadtroman so nah beieinander, dass sie kaum voneinander zu trennen sind. Kästner schafft es, in Jakob Fabian einen Mann zu porträtieren, dessen Moralvorstellungen sich von denen seiner unmoralischen Mitmenschen abhebt – und der doch daran zugrunde gehen muss. Seine Überzeugungen, dass das Handeln immer moralisch und ethisch vertretbar sein sollte und auf den Gesetzen und Wertvorstellungen der Gesellschaft beruhen sollte, stößt auf Unverständnis und dröhnendes Gelächter. Er kann nicht anders, als sich daran abzuarbeiten, aufzuarbeiten, unterzugehen.

Ursprünglich war die Satire in einem noch schärferen Ton verfasst, und einige der damals vom Verlag gestrichenen Szenen wurden in meiner Ausgabe dem Text, wie er damals veröffentlicht wurde, angefügt. Sogar der ursprüngliche Titel “Der Gang vor die Hunde”, der dieses Buch ausgesprochen gut beschreibt, wurde vom Verlag abgelehnt, da es zu drastisch (und Regime-unfreundlich) klang. Umso schöner finde ich es, dass die gestrichenen Kapitel im Nachhinein abgedruckt wurden, denn gerade diese damals unveröffentlichten Passagen sind wahre Zeitzeugen aus Tinte und Papier – aus der Feder eines Moralisten.

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Nur wenige beschreiben den moralischen und politischen Verfall einer Gesellschaft so treffend wie Erich Kästner in “Fabian”. Trotz der überspitzten und ironischen Beschreibungen wird man zurückversetzt in eine Zeit, die unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuerte – und für unzählbar viele Menschen in den Jahren nach der Veröffentlichung des Buches noch grausamer und schrecklicher werden sollte. “Fabian” liest sich wie heraufziehende, von Blitzen durchzuckte Gewitterwolken, die man bereits in der Ferne erahnen kann. Man spürt den kalten Wind des heraufziehenden Sturmes, bekommt eine Gänsehaut aufgrund dessen, was geschehen wird. Und allein die Tatsache, dass man als Mensch des 21. Jahrhunderts weiß, was danach kam, und wie unsere Welt heute aussieht, hat mir beim Lesen einen Schauder nach dem anderen über den Rücken gejagt. So viele Stellen des Romans habe ich unterstrichen, weil sie mir noch heute so entsetzlich aktuell erscheinen. Zeitlos und zugleich ein Zerrbild einer Zeit, zu der man sich glücklich schätzen kann, dass man sie nicht am eigenen Leib erleben musste.

Erich Kästners Werke würde ich immer und jederzeit an interessierte Leser:innen weiterempfehlen, doch bei diesem Roman spreche ich ein unbedingtes Lese-MUSS aus. In Caps-Lock und unterstrichen! Jawohl, ich bin der Meinung, dass jeder wenigstens einmal ein paar Seiten aus “Fabian” lesen und sich seine eigene Meinung bilden sollte zu diesem großartig überspitzten Werk über den Verfall einer Gesellschaft und einen einzelnen Mann, der sich dem Verfall entgegenstellt.


Rating: 5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    F e b r u a r  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Erich Kästner
Titel:         Fabian. Die Geschichte eines Moralisten
Verlag:    Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
Jahr der Veröffentlichung:  1931 (diese Ausgabe: 1998
Seiten:        246
Genre:     [Klassiker | Großstadtroman | Satire]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 1 :

Januar:            Anne Brontë – The Tenant of Wildfell Hall (1848)
Februar:          Erich Kästner – Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931)
März:               Albert Camus – Der Fremde (1942)
April:               Jane Austen – Mansfield Park (1814)
Mai:                 Stefan Zweig – Verwirrung der Gefühle (1927)
Juni:                 Virginia Woolf – To The Lighthouse (1927)
Juli:                  Gustave Flaubert – Madame Bovary (1856)
August:           Harper Lee – Go Set a Watchman (2015)
September:    Ernest Hemingway – Paris / Ein Fest fürs Leben (1964)
Oktober:         Daphne du Maurier – Rebecca (1938)
November:     Johann Wolfgang von Goethe – Die Wahlverwandtschaften (1809)
Dezember:      Charles Dickens –  Tales of Two Cities (1859)

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