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Rezension | Hexensaat

M A R G A R E T     A T W O O D    –    H E X E N S A A T
– 
Rezensionsexemplar* 

Die Vorstellungen waren vielleicht ein wenig ungeschliffen, aber tief empfunden. Felix wünschte, er hätte früher aus seinen professionellen Schauspielern auch nur halb so viel Gefühl herauspressen können. Das Rampenlicht leuchtete zwar nur kurz und an einem obskuren Ort, aber es leuchtete.

Margaret Atwood | Hexensaat | S. 66

Ich liebe Retellings, das ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Und Hexensaat, die Neuerzählung von Shakespeares Werk ‚The Tempest‘ (dt. Der Sturm) aus der Feder der genialen Margaret Atwood war da keine Ausnahme. Gelesen habe ich dieses phänomenale Buch schon vor einem Jahr (what!), und erst bei meinem Reread vor ein paar Tagen fiel mir auf, dass die dazugehörige Rezension nie auf meinem Blog erschienen ist. Oh boy, das muss sich ändern, aber pronto! Denn auch beim zweiten Mal hat mich „Hexensaat“ einfach umgeworfen und ich bin schon wieder (oder immer noch) begeistert von Margaret Atwoods unumstrittenen Talent, Geschichten zu erzählen.  

Der Roman “Hexensaat” ist eines von bis jetzt 7 Shakespeare-Neuerzählungen, die im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects veröffentlicht wurden. Neben dem Werk von Margaret Atwood haben es sich sechs weitere Autoren zur Aufgabe gemacht, Shakespeares Werke für eine moderne Leserschaft aufzubereiten:

  • Jeanette Winterson – The Gap of Time [Shakespeares ‘The Winter’s Tale’]
  • Howard Jacobson – Shylock Is My Name [Shakespeares ‘The Merchant of Venice’]
  • Anne Tyler – Vinegar Girl [Shakespeares ‘The Taming of The Shrew’]
  • Jo Nesbø – Macbeth
  • Edward St. Aubyn – Dunbar [Shakespeares ‘King Lear’]
  • Tracy Chevalier – New Boy [Shakespeares ‘Othello’]

Doch worum geht es in „Hexensaat“? 

Felix ist ein begnadeter Theaterproduzent, bereit, sein bis jetzt persönlichstes Stück, Shakespeares „Der Sturm“ auf die Bühne zu bringen, als ihm eine Intrige seine Pläne durchkreuzt. Vom einen auf den anderen Tag ist er arbeitslos, ohne Perspektive, und zieht sich in eine abgeschiedene Hütte zurück. 12 Jahre vergehen, in denen er trauert, wütet und schließlich einen cleveren Racheplan ausarbeitet. Denn nun führt ihn sein Weg in eine Justizvollzugsanstalt, in der erwachsene Verbrecher auf ihn warten. Er ist ihr neuer Kursleiter, und gemeinsam werden sie an einem Theaterstück arbeiten, das sie in der Anstalt aufführen werden. Und das Stück, das Felix im Sinn hat, ist kein anderes als „Der Sturm“.

„Felix, Felix“, sagte er dann zu sich selbst. „Wen führst du da an der Nase herum?“
„Es ist ein Mittel zum Zweck“, antwortete er dann. „Es ist ein Ziel in Sicht. Und zumindest ist es Theater.“
„Was für ein Ziel?“, gab er sich selbst die Antwort.
Gewiss, es gab eins. Eine ungeöffnete Kiste, irgendwo unter einem Felsen versteckt und mit einem R markiert, R für Rache. Er konnte nicht erkennen, wohin das alles führen würde, doch er musste darauf vertrauen, dass es irgendwohin führte.

– Hexensaat, S. 67

Unser Protagonist Felix, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, weiß, wie man wahre Theatermagie erzeugt, und bald entwickelt das Stück mithilfe des Inputs der Insassen eine ganz eigene Dynamik, wird magischer und fast wirklicher als die Realität. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verwischen sich sowohl für den Leser als auch für Felix, die Grenzen zwischen Literatur und Realität.  Plötzlich erhält Shakespeares Stück einen modernen Anstrich, es wird gerappt, geflucht, gebrainstormt und interpretiert, was das Zeug hält. Und plötzlich finden sich alle, die in der echten Welt so verloren sind und keinen Platz zu haben scheinen, einen Platz auf Felix‘ bescheidener Theaterbühne.

Fazit

„Hexensaat” ist hintersinnig und tiefgründig, und Margaret Atwood glänzt wie eh und je mit ihrem Scharfsinn und literarischem Finesse. Shakespeares Stück “Der Sturm” macht einen Großteil dieses Romans aus, und bald wird auch klar, dass es sich bei Atwoods Version um eine Neuerzählung in einer Neuerzählung handelt – fast wie eine literarische Matrjoschka – und es ist ein Geniestreich. Ich möchte nicht zu viel verraten, denn dieser Roman lebt von seinen Überraschungen, die heimlich, still und leise um die Ecke kommen. Eine unglaublich spannende und unterhaltsame, moderne Version des Shakespeare-Werkes, die ich jedem ans Herzen legen kann.

Rating: 4.5 out of 5.


Autor:    Margaret Atwood
Titel:      Hexensaat [OT: Hag Seed]
Verlag:   Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Jahr:      2016
Seiten:    315
[Genre:  Roman]





*An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an den Penguin-Verlag in der Verlagsgruppe Random House und das Bloggerportal für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar! 

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