Ida schreibt · Kolumne: Hinters Regal geblickt

Kolumne | Eigentlich gar nicht so “Schön, dass die Buchläden wieder offen sind!”

„Endlich habt ihr wieder offen!“
„Ich habe es so vermisst, bei euch zu stöbern.“
„Da muss ich doch gleich schnell eine Ration Bücher bei euch einkaufen, bevor wieder geschlossen wird!“

Die meisten Kund:innen, die seit vergangenen Montag durch die offenen Türen des Buchladens strömen, in dem ich arbeite, strahlen, sind glücklich und hocherfreut. Nach so langer Zeit dürfen sie wieder an mit Büchern gefüllten Regalen vorbei schlendern, darin blättern, Buch-Shopping haptisch erleben – fast schon so, wie in alten Zeiten. Denn seit Kurzem zählen Buchläden neben Supermärkten, Blumenläden, Gartencentern und Baumärkten zur Grundversorgung. Zurecht, mag die Vielzahl jetzt rufen. Schließlich ist Lesen wichtig für das eigene Seelenwohl, erweitert den Horizont, bildet, unterhält und beschäftigt uns mit etwas anderem als der aktuellen Lage.

Ich gehöre zu denen, die es ein wenig anders sehen.

Schon dem Neustart pünktlich am Weltfrauentag sah ich mit einem mulmigen Gefühl entgegen. Auf mich wartete ein Hygienekonzept, das nicht meinen persönlichen Sicherheitsvorstellungen entsprach und seit Beginn des Lockdowns keine Updates erfahren hatte, ein potenzieller Kundenansturm, dem man womöglich nicht gewachsen war, auch die üblichen Anfeindungen schloss ich zu dem Zeitpunkt nicht aus. Zugegeben, der Kundenansturm war letztendlich doch nicht so stark wie erwartet, obwohl mir die maximale Kundenanzahl in unserem kleinen Laden (13 (!), wobei Mitarbeiter:innen nicht mitgezählt werden) in der aktuellen Lage nicht vertretbar erscheint.

Erst eine Woche ist seitdem vergangen, und aus dem mulmigen Gefühl ist etwas anderes geworden. Eine bestätigte Angst, die sich nur schwer unterdrücken lässt. Denn ich sehe nicht nur freudestrahlende Kund:innen, die sich über einen besonders tollen Fund freuen, oder Eltern, die ihren Kindern die Welt der Bücher näherbringen, oder niedliche Vierbeiner in Begleitung ihrer lesenden Zweibeiner.

Was ich sehe, sind steigende Inzidenzzahlen.
Ich sehe Kund:innen, die sich dicht an dicht durch unseren Laden schieben. Die den nötigen Sicherheitsabstand als Vorschlag sehen, und nicht als Maßnahme, die eingehalten werden muss, um alle zu schützen. Die über eine Stunde im Laden verweilen, und derweil wiederholt fröhlich ihre Maske lüften, denn „man muss ja auch mal atmen“.
Ich sehe Menschen, die nach einem Jahr Pandemie immer noch nicht begriffen haben, wie man eine Maske so trägt, dass sie einen selbst und andere schützt. Die von Grund auf nicht verstanden haben, dass es hier durchaus für so manchen um Leben und Tod gehen kann.

Auseinandersetzungen mit Kund:innen sind zum Glück bei Weitem nicht mehr so häufig wie noch vor dem zweiten Lockdown kurz vor Weihnachten. Aber sie sind aus meinem Arbeitsalltag trotzdem nicht wegzudenken – waren es ohnehin nie. Weil es immer Menschen geben wird, die ihren Frust an anderen auslassen müssen, ganz gleich, ob die betreffenden Frust-Empfänger auch die Ursache besagten Frustes sind. Ihr Frust ist legitim. Aber meiner ist es auch. Wut und Angst grätschen da auch gern mal dazwischen, weil einem jeden Tag bewusster wird, was in unserer Gesellschaft offenbar mehr zählt als Gesundheit und Sicherheit. Dass die Wirtschaft Vorrang hat, und nicht Menschenleben. Hauptsache, der Rubel rollt. Aber zu welchem Preis?

Lasst mich mal eben diesen Vorhang beiseite ziehen, damit ihr einen winzigen Blick hinter meine ganz persönlichen Buchladen-Kulissen werfen könnt. Mein Arbeitstag beträgt im Schnitt neun Stunden, abzüglich der gesetzlich geregelten Pausenzeit. Während meiner Arbeitszeit trage ich durchgängig eine FFP2-Maske, auch wenn unser Hygienekonzept vorsieht, dass das für uns Mitarbeiter:innen nicht nötig ist. Hinter dem sogenannten Spuckschutz an der Kasse kann die Maske vollständig abgenommen werden, auch wenn besagter Spuckschutz aufgrund baulicher Besonderheiten nicht den kompletten Kassenbereich einschließt. Weiß man ja, dass das Virus einen Spuckschutz sieht und dann lieber schnell hinfort flirrt. Ganz ähnlich wie die Bettdecke des Nachts, die als undurchdringlicher Schild vor Monstern und potenziellen Einbrechern schützt. Natürlich weiß ich, dass ich eigentlich öfter kleine Pausen einlegen müsste, wenn ich eine FFP2-Maske trage, dass das aber jenseits der Idealvorstellungen mit der verfügbaren Mitarbeiterzahl nicht machbar ist. Trotzdem trage ich sie! Nicht nur, weil ich zur Risikogruppe zähle und bangend auf einen Impftermin warte, sondern, weil ich es für mich persönlich angesichts der aktuellen Lage für unverantwortlich halten würde, nur eine Stoffmaske zu tragen, wenn es eine sichere Alternative gibt.

Ich sehe Lockerungen, die angepasst an die steigenden Zahlen zurückgezogen werden – nur nicht für Buchläden und andere Einrichtungen des angeblich täglichen Bedarfs. Die bleiben weiter offen. Ungeachtet der Gefahr, die dadurch nicht nur für Kund:innen, sondern auch für die Mitarbeiter:innen jener Buchhandlungen entstehen. Wann ist es wichtiger geworden, sein „Recht auf Shopping und Unterhaltung“ durchzusetzen, als der Wille, alles dafür Nötige zu tun, damit wir alle möglichst unbeschadet durch diese Pandemie kommen? Hände waschen, Abstand halten, Maske auf. Wer sich durch diese simplen Regeln in seiner Freiheit beschränkt sieht, hat offenbar aus den Augen verloren, wie privilegiert wir sind.

Pflegekräfte, Ärzt:innen, Schulkinder, Studierende, Lehrende, Erziehende, Mitarbeiter:innen in den Einrichtungen des täglichen Bedarfs, Arbeitnehmer im Home-Office mit gleichzeitiger Kinderbetreuung oder solche, die in ungelüfteten Büros ausharren, Schauspieler:innen und Künstler:innen, die unsere Geschellschaft zu einer kulturellen Gesellschaft machen, ältere Menschen, die sich isoliert fühlen und vereinsamen, Menschen, die unter häuslicher Gewalt leiden, Menschen, deren Psyche unter der anhaltenden Situation leidet. Die Liste geht weiter und weiter und ist schier endlos. Ich glaube, es gibt im Moment keinen, für den sich die Pandemie anfühlt wie ein Spaziergang auf rosafarbenen Wattewolken.

Und diese Wut in mir, die köchelt schon seit über einem Jahr. Brodelt, kocht, schäumt über. Und wie bei einem Topf voll kochender Nudeln im Salzwasser sehe ich mittlerweile sehr deutlich die eingebrannten, geschwärzten Ringe, die das ständige Überschäumen auf der heißen Herdplatte hinterlassen hat.

Ich kann euch verstehen, euch alle, die ihr die Buchläden mit eurer unbändigen Freude füllt und unentdeckte Geschichten mit Nachhause nehmt. Dafür ist ein Buchladen schließlich da, um euch mit Geschichten und Wissen in Buchform zu versorgen. Aber vielleicht kann man vorerst seiner Leidenschaft des Büchersammelns und Lesens auch anders nachgehen, ohne Menschenmassen, ohne Ansteckungsgefahr. Denn die Dystopie, dieses Buchgenre, das so viele Leser:innen auf der ganzen Welt so unheimlich gern verschlingen, die ist schon längst nicht mehr ans Bücherregal gefesselt. Sie ist da draußen, und wir sind mittendrin.

2 thoughts on “Kolumne | Eigentlich gar nicht so “Schön, dass die Buchläden wieder offen sind!”

  1. Ich kann dich so, so gut verstehen. Ich gehe einmal in der Woche in die Stadt, weil unsere Bibliothek nur drei Stunden zum Bücher ausleihen/abgeben geöffnet hat. Und heute hab ich kurz gedacht “Hm, wo ich schon mal in der Innenstadt bin, kann ich ja noch in den Buchladen.” Aber ich habe mich dagegen entschieden. Weil einfach o unglaublich viel los war, im Laden aber eben auch in der gesamten Innenstadt. Und es ist einfach zu unsicher, ich möchte mich nicht anstecken, möchte auch niemand anderen anstecken und laufe durchgehend mit einer Maske rum, nur damit dann überall Leute ohne Maske rumrennen. Ich verstehe es nicht. Klar, vermisse ich es einfach spontan in einen Laden zu gehen, klar ist die Maske irgendwie nervig. Aber Abstand nicht einzuhalten und die Masken nicht zu tragen stellt einfach ein viel zu großes Risiko für alle dar und ich kann die Gedankengänge der Leute einfach nicht nachvollziehen.

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    1. Geht mir ganz genauso, liebe Kat!
      Gerade dieses rücksichtslose Verhalten überall macht mich wahnsinnig wütend. Heute erst wiederholt angepöbelt worden, weil wir es gewagt haben, während des Lockdowns in einer Pandemie darauf hinzuweisen, dass die Maske kein “kann”, sondern ein “muss” ist. Während man sich selbst in so vielen Bereichen seit Monaten zurücknimmt (nur das nötigste aka. Lebensmittel & Hygieneartikel kaufen, möglichst daheim bleiben, Weihnachten alleine feiern, nur noch Videoanrufe mit Familie und Freunden) und derweil andere sieht, denen das so Wurscht ist wie nur was… und immer der Zinken, der da über der Maske raushängt! :’D Ich kann nicht mehr, ehrlich. Bin soweit die Meinung zu vertreten, dass ein Komplett-Lockdown gar nicht so schlecht wäre, sonst schleifen wir das in ein paar Jahren noch mit uns rum.
      Bleib gesund und hab eine gute Woche!
      Ida ❤

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