Idas Teekränzchen · Plauderecke

Idas Teekränzchen #56 | Gatekeeping

“Hörbücher zählen nicht als echte Bücher.”
“Befass’ dich doch mal mit richtiger Literatur – Klassikern zum Beispiel! Ich lese NUR Klassiker.”
“Du mochtest den Klassiker nicht? Du wirst ihn halt einfach nur nicht verstanden haben…”
“Pff… du liest Fantasy? Das ist doch was für Kinder!”
“Ist dir mal aufgefallen, wie langsam du liest? So wirst du nie fertig, bevor das Jahr rum ist.”
“Du bist schon wieder fertig? Du hast doch vor einer Stunde erst angefangen? Hast du bei der Geschwindigkeit überhaupt mitbekommen, worum es im Buch ging?”
“Hä? Wie kann man lesen nicht mögen?! Du bist ja nur zu faul, um dich auf ein Buch zu konzentrieren.”
“Die liest nur drei Bücher im Jahr, kannst du dir das vorstellen?”
“Mein Gott, wie verrückt ist die denn, 150 Bücher im Jahr zu lesen. Hat die zu viel Zeit, oder was?”

Kommen euch die Sätze von oben bekannt vor? Das, liebe Freunde, ist sogenanntes Gatekeeping. Und ich wette, es ist jedem von uns schon einmal untergekommen. Gatekeeping ist, was passiert, wenn jemand, der sich einem bestimmten Hobby oder Interessensgebiet zugehörig fühlt, andere ausschließt – weil nur die eigenen Interessen zählen, und alles, was man selbst nicht mag oder dem man sich selbst nicht zugehörig fühlt, direkt als “schlecht” oder “unwert” abgestempelt wird. Es ist eine zweischneidige und absolut unnötige Sache, dieses Gatekeeping, und es betrifft natürlich nicht nur Bücherwürmer, sondern alle Arten von Hobbys und Beschäftigungen, ja sogar Jobs, verschiedene Lebensstile, Arten von Beziehungen und Musikrichtungen.

Gatekeeping begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben – und ganz oft merke ich, wie tief dieses fast schon elitäre Denken in mir drin verankert ist, und wie sehr ich es verachte. Gerade, weil es mir im Kopf manchmal noch selbst passiert. Aber immerhin fällt es mir auf, dann kann ich mir selbst auf die Finger hauen und die Ursache für dieses Denken herausfinden. Vielleicht fühlt man sich dann endlich mal überlegen. Man “ist dann wer”. Newsflash: Du bist schon längst wer. Dafür muss man niemanden unterbuttern. Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Begebenheiten fallen einem ein, in denen man selbst entweder Opfer von Gatekeeping wurde oder dafür sorgte, dass jemand anderes aufgrund einer anderen Meinung oder eines anderen Geschmacks ausgeschlossen wurde. Ich hab’ dafür ein prima Beispiel gefunden, als ich letztens vor meinem Bücherregal stand, und meine Harry-Potter-Bücher betrachtete.

“Eigentlich schon komisch”, dachte ich mir, “dass eine einzige Buchreihe dafür sorgen kann, dass man ganz schnell vom Depp zum Insider und dann wieder zum Außenseiter wird.” Wenn ich es mir recht überlege, habe ich die ersten Bände richtig gern gelesen, und fand es mehr als seltsam, als ein guter Freund von mir damals zugab: “Ich bin echt ganz froh, dass wir an deinem Geburtstag im Kino ‘Ice Age’ geschaut haben, und nicht ‘Harry Potter’ – meine Mama sagt, das ist unchristliche Hexerei und schlecht für uns Kinder.” Was für ein Bullshit, nebenbei bemerkt, und ich hoffe, er hat sich von diesem Mist wieder erholt. Dann, der vierte Film kam gerade in die Kinos, ging auf dem Pausenhof die Frage herum: “Du willst Harry Potter-Fan sein? Beweise es! Film-Fan oder Buch-Fan?” Auch das fand ich mehr als seltsam, und ich muss gestehen, dass es mich damals ziemlich verunsicherte. Das muss man sich mal vorstellen, da bilden sich Cliquen, die einander beschimpfen, weil “der Film viel besser ist als das bescheuerte Buch” und andersrum. Ich fand beides toll, und das ist auch ok so. Aber mein damals 13-jähriges Ich konnte das noch nicht so richtig reflektieren, also hielt ich den Mund. Dann wechselte ich die Schule, und hielt von da an viele Jahre meinen Mund. Es war beinah kriminell, Harry Potter zu mögen. Manchmal traute ich mich, zuzugeben, dass Harry Potter meine absolute Lieblingsreihe war. Die Antwort war jedes Mal die gleiche. Was für Kinderkram! Was für Blödsinn! Und überhaupt, Lesen! Wer macht das schon, ist doch voll langweilig! Also las ich im Stillen.
Ich hielt meinen Mund, bis ich zur Uni kam. Und plötzlich drehte sich eine Kommilitonin aus einem Anglistik-Kurs zu mir um und meinte: “Und, in welchem Haus bist du?” Meine Antwort – Ravenclaw – kam zögerlich und höchst erstaunt, und plötzlich war Harry Potter wieder das Coolste auf der Welt – ich schwebte auf Wolken! Wir analysierten die Bücher sogar in unseren Kursen, wie abgefahren war das denn! Plötzlich war meine Leidenschaft wieder in.

Genau dasselbe passiert immer und immer wieder, wo man in der Buch-Community nur hinschaut. Ob man nun Leser:innen verurteilt, wenn sie Young Adult lesen, wenn sie Romantische Belletristik lieben, wenn sie Bücher von Sarah J. Maas verschlingen, wenn ihr Herz aufgeht bei Kinder- und Jugendbüchern, obwohl sie aus dem Kinder- und Jugendalter längst raus sind. Wenn man anderen weismachen möchte, dass nur richtig schwere Klassiker das Non-Plus-Ultra sind und man sonst kein Leser ist, den irgendjemand ernst nehmen kann.

Ganz egal, warum man liest, ob zur Unterhaltung oder um etwas Neues dazuzulernen, oder weil man herausfinden will, wie zum Teufel Agatha Christie so verdammt geniale Krimis schreiben konnte und den Plot im Kopf immer wieder auseinanderdröselt – oder ob man überhaupt liest oder vielleicht einfach einem anderen Hobby mit Herzblut nachgeht: wäre es nicht schön, wenn man anderen ihre Leidenschaft nicht madig machen würde? Wär’s nicht so viel harmonischer und friedlicher, wenn man zusammenkommen könnte und ein Gespräch liefe nicht unterschwellig ausgrenzend, sondern so ab:

“Hej du, welches Buch liest du denn da gerade?”
“Die zwei Türme von Tolkien – ich lese die Reihe gerade zum 3. Mal, ich liebe sie so sehr!”
“Das freut mich für dich! Ich hab leider nie so richtig in die Geschichte reingefunden.”
“Oh, wie schade. Aber es ist auch ok, jeder hat eben so seinen Geschmack. Was liest du denn gerade?”
“Ich höre ‘Ein verheißenes Land’ von Barack Obama.”
“Das klingt toll, ich habe gehört, er hat es sogar selbst vertont!”

Man ist nicht automatisch überdurchschnittlich intelligent, nur weil man viele Bücher liest. Man ist nicht wertvoller, nur weil man Klassiker statt Fantasy liest. Man ist von sich aus schon wertvoll, da können Bücher nicht viel dran rütteln. Klar erweitern Bücher den Horizont, rühren zu Tränen, sorgen für Bauchschmerzen vor Lachen oder weisen auf Missstände hin. Sie können dafür sorgen, dass wir wachsen, aber das geht auch auf vielerlei anderen Wegen. Wenn Bücher nicht dein Weg sind, ist das ok. Wenn sie es sind, auch ok. Du bist wertvoll, ohne wenn und aber. Punkt. Und Gatekeeping? Bringt niemanden weiter. Daher ist es eigentlich ganz einfach: den elitären Scheiß mach ich nicht mit.


Eine meiner Lieblings Buch-Tuber:innen, Merphy Napier, hat auch erst kürzlich ein Video zum Thema Gatekeeping hochgeladen.
Hier findet ihr den Link zum Video.

>> Noch mehr Teekränzchen findet ihr hier.

6 thoughts on “Idas Teekränzchen #56 | Gatekeeping

  1. Ein wunderbarer Post, liebe Ida.
    Besonders Harry Potter macht mich momentan ganz traurig und unsicher. Die Hexenjagd die da unter Lesern veranstaltet wird, weil manche die Kunst nicht vom Künstler auseinanderhalten können, ist schon traurig. Ich liebe die Bücher (und die Filme) und find’s schade, dass es jetzt anscheinend verpönt ist, die Bücher zu mögen. So geht’s mir mit vielen Büchern.

    Zwar bin ich sicherlich auch schuldig an Gatekeeping, versuche aber natürlich auch nach Möglichkeit dieses Denken zu lassen und Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich habe aber in letzter Zeit einige interessante Philosophie-Videos geschaut und zwei Dinge gelernt:
    Erstens, man hat im Grunde oft zwei verschiedene Denkweisen. Man sagt die erste Reaktion, die man auf eine Sache hat, ist angelernt, eine automatisierte Reaktion. Wenn du dir, wie du sagst, dann dafür auf die Finger haust, das ist die Denkweise, die du eigentlich hast. 🙂
    Zweitens, besonders im Alltag, hat man einen Default Mode. Man selbst ist der wichtigste Mensch im Universum und so ist zum Beispiel die Schlange an der Supermarktkasse das schlimmste auf der Welt, da alle Menschen dir im Weg stehen und warum müssen die denn ausgerechnet, wenn du zur Abwechslung was einkaufst alle da sein? Es ist schwer sich das abzugewöhnen, da es tief in unserer DNA verankert ist. Es hat mit unserer Evolution und unserem Selbsterhaltungstrieb zu tun ist also eigentlich etwas Gutes.
    Generell hat vieles, was wir tun, vor allen Dingen unsere Gruppendynamik mit Evolution zu tun. Die Gruppe bedeutet Überleben und Probleme in der Gruppe, Änderungen oder “seltsame Verhaltensweisen” könnten das Überleben gefährden. Klar, dass es heute nicht mehr so streng zu sehen ist. Aber im Grunde hatte alles seinen Zweck und das finde ich sehr interessant.
    Trotzdem ist Gatekeeping keine schöne Sache. Ich denke, wenn wir uns alle Mühe geben, können wir an unserem Denken etwas ändern.

    Ich könnte jetzt noch viele Sachen schreiben und hier jede Menge Meinung zu dem Thema anbieten, aber ich glaube mit zu viel Text wärst du mir hier auch nicht glücklich. 😉 Auf jeden Falle ist das ein großartiger Post, liebe Ida! ❤

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    1. Ich danke dir für deine wunderbaren Worte – wow, so ein langer Text! Ist fast so, als würde man einen Brief geschickt bekommen. ❤ 🙂

      Du, an die Sache mit der Hexenjagd unter den HP-Leser:innen musste ich beim Schreiben auch ganz stark denken. Ich kann es verstehen, dass bei einigen die Bücher aus dem Regal flogen, weil sie allein schon bei deren Anblick die schmerzliche Erinnerung an die zerstörerischen Worte der Autorin geweckt haben oder auf diese Art Distanz geschaffen werden sollte. Aber ich sehe es auch so, dass der Künstler von seiner Kunst getrennt betrachtet werden sollte – es sei denn, er bringt seine problematischen und toxischen Denkweisen in seiner Kunst unter. Da das bei HP in meinen Augen nicht der Fall ist, dürfen die Bücher ihren Platz in meinem Regal behalten. So halte ich es mit ganz vielen Büchern, egal, aus wessen Feder die Geschichten stammen.

      Dieser philosophische Einblick ist wirklich faszinierend! Wenn man mal bedenkt, wie viel uns prägt und dass uns besagtes Schubladendenken auch schützen soll, hat es natürlich von sich aus seine Berechtigung. Nur wenn man dann merkt, dass es wie beim Gatekeeping mehr schadet als nützt, dann darf es meiner Meinung wirklich gern verschwinden. 😀 Ich glaube, es hilft allein schon, wenn man sich dessen bewusst wird, dass solcherlei Prozesse in einem ganz automatisch ablaufen, und das reflektiert zu beurteilen. Und wenn man dann noch mehr Menschen dazu anregen kann, sich damit auseinanderzusetzen, ist es umso schöner. ❤

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  2. Danke für den Beitrag! Regt zum Nachdenken an! Ich für meinen Teil, weiß, dass ich oft etwas sensibler sein könnte, Gerade wenn es um gewisse Fandoms geht. Ich halte mich für sehr tolerant und offen usw usw, aber trotzdem bin ich nicht unfehlbar und ertappe mich gelegentlich selbst in Situationen, in denen ich mir vor die Stirn schlagen könnte,
    In diesem Sinne, danke, dass du mich dazu bringst, über mein eigenes Verhalten nachzudenken! 🙂

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    1. Hej Lisa!
      Manchmal braucht es einfach einen kleinen Stupser, um auf bestimmte Dinge im eigenen Verhalten aufmerksam zu werden – geht mir nicht anders.
      Es freut mich so sehr, dass dir der Beitrag in diesem Sinne geholfen hat. 😉 Keiner ist perfekt, und man glaubt gar nicht, welche Verhaltensweisen und Reaktionen sich so einschleichen können, wenn man mal nicht aufpasst! 😀
      Hab ein wunderbares Wochenende!
      Ida ❤

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  3. Liebe Ida,

    was für ein wunderbarer Post! Oh ja, das kenne ich nur zu gut und kann mich natürlich andererseits auch nicht ganz davon freisprechen. Harry Potter ist das perfekte Beispiel, gerade auch jetzt wieder, da man wie meine „Vor-Kommentatorin“ ja auch schon schreibt, mittlerweile befürchten muss, heftigst kritisiert zu werden wenn man noch offen zu seiner Harry Potter-Liebe steht. Ich finde es unmöglich was die Autorin heute so von sich gibt und da ist jede Kritik berechtigt, aber Harry Potter ist für mich die Geschichte, die meine Kindheit/Jugend geprägt hat und das hat nichts mit J.K.R.‘s Aussagen zu tun und wird sich dadurch auch nicht ändern.
    Nur ein Beispiel von vielen. Ich erinnere mich daran, dass das bei uns damals in der Unterstufe mit Musik ganz schlimm war: man durfte nur Eminem und 50 Cent mögen, alles andere war uncool 😦 Naja, wie auch immer. Ein ganz toller Beitrag, der zumNachdenken anregt!

    LG Ricy

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    1. Ich danke dir sehr, liebe Ricy! 🙂
      Hachja, Harry Potter und seine Schöpferin. Ich sehe es ganz wie du! Als es ganz schlimm war mit J.K.R.’s Aussagen, war man ja mittendrin im Wirbelsturm der aufgepeitschten Gefühle. Da habe ich mich ehrlich gesagt auch seeehr zurückgehalten und mit meinem HP-Regal gehadert… und habe mich auch ziemlich geärgert, dass ich die Illustrierten Editionen nun nicht mehr kaufen kann, weil ich die Autorin und ihre verletzenden Aussagen einfach nicht mit meinem Geld unterstützen möchte. Mir persönlich glich es dann doch bisschen zu sehr einer Hexenjagd, als verschiedene Bookstagrammer auf ihren Profilen die Ansage machten, dass ihnen bitte keiner mehr folgen sollte, der noch Liebe für die HP-Reihe empfindet. Ooooh und Musik! Da sagst du was… in der 6. Klasse habe ich mich nichtmal getraut zuzugeben, dass ich klassische Musik mag, weil eine Mitschülerin dafür gehässig ausgelacht wurde. Mensch, da wünscht man sich, schon damals das heutige Mindset und den Mut besessen zu haben, um einfach dafür einzustehen und jemand anderem Mut zu machen, dem es genauso geht.
      Dafür dann eben jetzt! ❤

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