12 Klassiker im Jahr · 2021 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2021 | #01 | The Tenant of Wildfell Hall

Dieses Jahr geht das Klassikerprojekt bereits in die 4. Runde! Wie in den Jahren zuvor lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt zwölf Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2021. Ganz egal, ob im Original englisch-, deutsch- oder französischsprachig, die ausgewählten Werke wurden allesamt im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr, dem Genre und natürlich dem gesellschaftlichen, politischen, sozialen Kontext.

Ohne schon zu viel vorweg zu nehmen: Ein großes Hurra! für diesen fantastischer Start ins Klassikerjahr 2021! Anne Brontës “The Tenant of Wildfell Hall” hat mir den Einstieg in die vierte Klassikerrunde mehr als versüßt, auch wenn mit vielen der Protagonisten aus dem 1848 veröffentlichten gesellschaftskritischen Briefroman wahrhaftig nicht gut Kirschen essen ist und ich manchen tatsächlich gern an die Gurgel gegangen wäre. Die wunderbare Anne Brontë gehört zu den Autor:innen, die ihrer Zeit um Längen voraus waren und konnte mich Seite um Seite mit ihren klugen Worten und ihrer modernen Weltanschauung beeindrucken.

A N N E    B R O N T ë    –    T H E    T E N A N T    O F    W I L D F E L L    H A L L

“I know that day after day such feelings will return upon me: I am a slave – a prisoner – but that is nothing; if it were myself alone, I would not complain, but I am forbidden to rescue my son from ruin, and what was once my only consolation, is become the crowning source of my despair.”

Anne Brontë | The Tenant of Wildfell Hall | S. 434

I n h a l t

Einige Jahre liegen die aufwühlenden Ereignisse zwar zurück, doch Gilbert Markham greift trotzdem zu Stift und Papier, um seinem guten Freund in ausführlichen Briefen und handschriftlich abgefassten Tagebucheinträgen davon zu berichten, welche Geschehnisse damals sein Leben auf den Kopf gestellt haben. Beginnend mit den Neuigkeiten, die sich rasend schnell in seinem verschlafenen englischen Heimatdorf verbreiteten: Wildfell Hall hat eine neue Herrin! Es ist die junge Witwe Helen Graham mit ihrem kleinen Sohn Arthur, die in dem düsteren Anwesen Zuflucht sucht. Schon bald dringen böse Gerüchte an die Ohren der Dorfbewohner: Mrs. Helen Graham soll eine finstere und skandalöse Vergangenheit haben! Als Künstlerin will sie nun ihren Lebensunterhalt bestreiten, will sich zudem nicht erneut vermählen, hat höchst ungesunde Ansichten für eine junge Frau – und wieso beharrt sie darauf, ihren Jungen niemals aus den Augen zu lassen?

Aufgrund seiner starken Zuneigung zu der jungen Witwe unternimmt der Farmer Gilbert Markham den Versuch, den Gerüchten auf den Grund zu gehen – und muss sich bald Mrs. Grahams furchtbarer Vergangenheit stellen: Helen ist auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen und trunksüchtigen Ehemann und ist mitsamt ihrem gemeinsamen Sohn in Wildfell Hall untergetaucht.

 D a s    W e r k    u n d    s e i n    K o n t e x t

Unter dem Pseudonym ‘Acton Bell’ veröffentlichte Anne Brontë “The Tenant of Wildfell Hall” nur ein Jahr bevor sie im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose starb. Oft wird dieser letzte Roman aus ihrer Feder als einer der ersten feministischen Romane bezeichnet, und das mit Berechtigung, wie ich finde. Die Geschichte zeigt eine junge Frau, die aus Liebe heiratet, und bald feststellen muss, dass sie für ihren Mann eine hübsche Vase sein muss, ein Objekt, das nur dazu da ist, ihn zu bewundern und von ihm bewundert zu werden. Sie hat seine Eskapaden zu tolerieren und monatelange Absenzen seinerseits zu erdulden. Er hingegen bewegt sich frank und frei durch die Welt, wohl wissend, dass sich seine Frau am heimischen Herd um alles kümmert. Die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau wurden im Fortschreiten der Geschichte immer unerträglicher für mich, und am liebsten wäre ich dann und wann nur zu gerne zwischen die Seiten gesprungen und hätte meinen Senf dazu gegeben. (Womöglich hätte ich den Halunken und seine Kumpane auch gern mal am Schlafittchen gepackt!)

Dieser düstere Aspekt der Erzählung wiegt umso schwerer, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass nach der Veröffentlichung von “The Tenant of Wildfell Hall” noch einmal 22 Jahre ins Land gehen mussten, ehe der “Married Women’s Property Act” einer verheirateten Frau überhaupt erst erlaubte, über eigenen Besitz zu verfügen. Bevor dieses Gesetzt 1870 verabschiedet wurde, durfte eine verheiratete Frau weder Verträge unterzeichnen, noch sich von ihrem Mann scheiden lassen oder das Sorgerecht über ihre Kinder erlangen. Meisterhaft gelingt es Anne Brontë, diesen sozialen und gesellschaftlichen Missstand anzuprangern, ohne dabei von Bitterkeit überwältigt zu werden und das in die Geschichte einfließen zu lassen. Im Gegenteil: ihr gefestigter christlicher Glaube hält unsere Protagonistin aufrecht, und hilft ihr dabei, das richtige für sich – und vor allem für ihren Sohn – zu tun. Neben einer Vielzahl an weiteren Themen, wie zum Beispiel Gender, Sexismus, häusliche Gewalt, Alkoholmissbrauch und Doppelmoral, spielt gerade auch die Erziehung eine wichtige Rolle in dem Roman. Auch hier werden Anne Brontës fortschrittliche Gedanken zu dem Thema offensichtlich: Ganz gleich, ob Mädchen oder Junge – jedes Kind sollte die gleiche Erziehung und Bildung erfahren, um sie gleichwertig auf das Leben vorzubereiten. Bei den Dorfbewohnern stößt ihre Protagonistin deshalb auf großes Unverständnis, ihr wird sogar vorgeworfen, sie verzärtele ihren Jungen damit, indem sie ihn auf ihre Art und Weise erziehe.

Schon in Mary Shellys “Frankenstein” liebte ich es, dass die Erzählung aus Briefen bestand. Zu Anne Brontës Zeit war es eine recht neuartige Weise, um eine Geschichte zu erzählen. Durch Gilbert Markhams Brief und Helen Grahams Tagebucheinträge hat man zwei verschiedene Perspektiven, dank derer man im Laufe des Romans unweigerlich eine bestimmte Haltung gegenüber den einzelnen Protagonisten einnimmt. Je mehr man erfährt, je tiefer man in Helen Grahams Vergangenheit dringt, desto mehr revidiert sich der Blick auf sie aus den Augen der Dorfbewohner. Sie ist dann nicht länger eine Außenseiterin, sondern eine Kämpferin, eine mutige Frau, die durch ihre Erfahrungen ganz andere Ansichten pflegt als ihre Nachbarn im verschlafenen Dörfchen. Eine großartige Möglichkeit, um die Leser zu Beginn ein wenig an der Nase herumzuführen, und dann zu zeigen: “Na, was hast du denn gedacht? Dass unsere Protagonistin es verdient, durch üble Nachrede ihrer Nachbarn in der Luft zerrissen zu werden? Jeder hat einen Hintergrund, über den es lohnt, einmal nachzudenken, bevor man zu hart urteilt.”

K l a s s i k e r p o t e n z i a l

Ganz ehrlich, jede einzelne Seite von “The Tenant of Wildfell Hall” trägt Klassikerpotenzial in sich! Wie oben bereits erwähnt staune ich noch immer darüber, wie mutig und klug dieses Buch ist und wie reflektiert die darin aufgeführten Gedankengänge sind. Und das war 1848! Verfasst von einer Frau, die sich gemeinsam mit ihren Schwestern als Mann ausgeben musste, damit sich ihre Romane überhaupt verkauften. Von einer jungen Frau, die die Regeln der Gesellschaft kannte, in der sie aufwuchs. Die als Gouvernante sicherlich tiefe Einblicke in das Leben von verheirateten Frauen bekam, und die wusste: Frauen steht so viel mehr zu als das, was ihnen zu ihrer Zeit erlaubt wurde.

Ich liebe “The Tenant of Wildfell Hall” von Anne Brontë von ganzem Herzen und füge ihn in Gedanken meiner persönlichen Lieblingsklassiker-Riege hinzu. Es war gut, dass ich mir sehr viel Zeit damit gelassen habe, den Klassiker aufmerksam zu lesen und jede Kleinigkeit wahrzunehmen. Nachdem ich die Erzählung beendet hatte, schlich ich sogar noch einmal zurück zum Anfang der Geschichte, um staunend die kleinen Hinweise aufzusammeln, die dort verstreut waren, und die ich nun mit ganz anderen Augen sehe. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Re-Read, denn ich bin mir sicher, dass ich dann noch viel mehr entdecken werde. Die Atmosphäre mag vorrangig düster und verzweifelt sein – aber die Geschichte ist es einfach wert, gelesen zu werden. Die Geschichte von einer starken Frau, zeitlos schön und unendlich inspirierend.


Rating: 5 out of 5.


A n g a b e n    z u m    J a n u a r  -  K l a s s i k e r :

Autor:       Anne Brontë
Titel:         The Tenant of Wildfell Hall
[dt. Titel: Die Herrin von Wildfell Hall]
Verlag:      Penguin Random House (Vintage Classics Brontë Series)
Jahr der Veröffentlichung:  1848 (diese Ausgabe: 2016)
Seiten:       590
Genre:     [Klassiker | Gesellschaftskritischer Briefroman]



Ü b e r s i c h t    d e r    1 2    K l a s s i k e r    i m    J a h r    2 0 2 1 :

Januar:            Anne Brontë – The Tenant of Wildfell Hall (1848)
Februar:          Erich Kästner – Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931)
März:              Albert Camus – Der Fremde (1942)
April:              Jane Austen – Mansfield Park (1814)
Mai:                Stefan Zweig – Verwirrung der Gefühle (1927)
Juni:                Virginia Woolf – To The Lighthouse (1927)
Juli:                 Gustave Flaubert – Madame Bovary (1856)
August:           Harper Lee – Go Set a Watchman (2015)
September:    Ernest Hemingway – Paris / Ein Fest fürs Leben (1964)
Oktober:         Daphne du Maurier – Rebecca (1938)
November:     Johann Wolfgang von Goethe – Die Wahlverwandtschaften (1809)
Dezember:     Charles Dickens –  Tales of Two Cities (1859)

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