Idas Teekränzchen

Idas Teekränzchen #55 | Entschleunigtes Lesen

Im vergangenen Jahr habe ich 100 Bücher gelesen. Einhundert! Bücher! Die meisten davon hatten einen ziemlich flotten Erzählfluss, weshalb ich nur so durch diese Geschichten hindurchflog. Bei manchen Büchern fühlte es sich zeitweise an wie ein Sprint, ich legte zwischen dem Ende des einen Buchs und dem Beginn eines anderen kaum eine Pause zum Durchschnaufen ein. Dieses rasante Springen von Welt zu Welt hat aber auch dafür gesorgt, dass mir gewissermaßen gegen Ende des Jahres die Kräfte ausgingen. Und dann kam der Lockdown, und mit ihm eine Art Reading Slump. Irgendwie konnte ich mich nicht wirklich aufraffen, ein Buch zur Hand zu nehmen. Und das, obwohl ich doch nun alle Zeit der Welt hatte! Nun ja, plötzlich waren andere Dinge (Selbstreflexion, Zeit mit meinem Verlobten, Schreiben, Planen, die Stille genießen) viel wichtiger. Als ich dann das nächste Mal zu Beginn dieses Jahres zu einem Klassiker griff, auf den ich mich schon seit Monaten freute, kam mir ein Gedanke: “Durch dieses Buch möchte ich aber nicht schnell durchhasten. Dafür möchte ich mir richtig viel Zeit lassen!”

E I N    S P A Z I E R G A N G    D U R C H    F R E M D E    W E L T E N

Und genau das tat ich dann. Ich schlug meinen Januar-Klassiker “The Tenant of Wildfell Hall” von Anne Brontë auf, und schon nach den ersten Seiten holte ich mir ein Lineal, einen Bleistift, und mein Smartphone als Übersetzungshilfe für unbekannte Wörter, später ein uraltes, fast schon auseinander fallendes Wörterbuch. Immer wieder kicherte ich leise vor mich hin und wusste, meine Ahnung hatte mich nicht getrogen: Ich war ganz hin und weg von Miss Brontës kluger und spitzfindiger Art ihre Protagonisten zu zeichnen! Obwohl der Roman aus dem Jahr 1848 mehr als 500 Seiten umfasst und ich gerade einmal bei der Hälfte bin, genieße ich dieses langsame, ja entschleunigte Lesen. Denn dank dieses langsamen Spaziergangs durch Anne Brontës Welt habe ich mitunter meine alte Liebe zu ausgefallenen, unbekannten englischen Wörtern wiederentdeckt – und ich liebe es.

Seitdem sieht meine Lesereise nunmehr so aus: Dank einer kuschligen Decke sitze ich eingewickelt wie ein Burrito am Küchentisch. Ein, zwei Teelichte fürs Ambiente. Das Geräusch von frisch gebrühtem Tee, der in die bauchige Lieblingstasse rauscht. Das Rascheln von umgeblätterten Buchseiten. Der Bleistift, der über die Seite huscht, um eine besonders schöne Stelle zu unterstreichen. Und dann dieser Duft von dem über 100 Jahre alten Wörterbuch, das seit Kurzem statt der digitalen Variante via Smartphone neben mir liegt und beinahe schon erwartungsvoll darauf wartet, wissbegierigen Lesern seine Geheimnisse zu offenbaren! Dieses uralte, wundervolle Wörterbuch von Muret-Sanders (aus dem Langenscheidt-Verlag) stammt tatsächlich aus dem Jahr 1910 und gehörte früher meinem Opa, bevor es während meiner Zeit an der Uni in mein Regal umziehen durfte und seitdem von mir wie mein Augapfel gehütet wird.

Und nun blättere ich beim Lesen von “The Tenant of Wildfell Hall” ehrfürchtig in dem altehrwürdigen Wörterbuch im Din A4-Format, entdecke Tag für Tag kleine Wort-Schätze (entschuldigt bitte, aber der Wortwitz! Ah! :D), und meine Bewunderung für Anne Brontë steigt Seite um Seite ins Unermessliche.

Meine wirklich wunderschöne Ausgabe des Klassikers hat im Anschluss an die Erzählung eine Handvoll freie Seiten, auf denen man – wenn man möchte – Notizen hinterlassen kann. Ich weiß, dass einige Leser:innen das für Ressourcenverschwendung halten, aber mich erfüllt es jedes Mal mit Freude, wenn ich sehe, dass ein Buch Platz für eigene Gedanken bereithält. Kaum war ich also auf das erste mir unbekannte Wort gestoßen, zückte ich schon den Bleistift und meine liebste Übersetzungs-Website, und notierte das betreffende Wort. So sind alle wichtigen Wörter auf einen Blick für mich verfügbar, und mein Wortschatz erweitert sich dabei unweigerlich Wort für Wort.

D I G I T A L E    W Ö R T E R B Ü C H E R

Übrigens haben sowohl die analogen und die digitalen Übersetzungs-Hilfen ihre Vor- und Nachteile. Gerade für Anfänger (und natürlich auch für alle anderen, ohne Frage) sind Übersetzungs-Websites eine wahre Goldgrube, denn sie bieten neben der Übersetzung auch Synonyme und Antonyme für das gesuchte Wort, oder bestimmte Redewendungen und wie ein Wort in verschiedenen Kontexten verwendet werden kann. Richtig toll sind auch die Sprachausgaben der einzelnen Wörter. So kann man prima herausfinden, wie eine Vokabel ausgesprochen wird. Meine Lieblings-Seite dafür ist übrigens dict.cc.

W Ö R T E R B Ü C H E R    A U S    T I N T E    U N D    P A P I E R

Wer sich aber im Sinne der Entschleunigung noch mehr Zeit für das Aufstöbern unbekannter Wörter nehmen möchte, und ein einschlägiges Wörterbuch zur Hand hat, der darf dementsprechend ausgerüstet auf spannende Entdeckungsreise gehen. Denn es kann sein, dass man beim Blättern auf der Suche nach einem bestimmten Wort auf andere Wörter stößt und noch mehr dazulernt. Zwar liefern die meisten Wörterbücher selten Synonyme und Antonyme (außer es ein speziell dafür ausgelegtes Wörterbuch), aber selbst die Frage nach der Aussprache lässt sich auch analog klären: Hinter jedem Wort findet man auch seine phonetische (=lautliche) Schreibweise, die am Anfang eines jeden guten Wörterbuchs erklärt wird. Für haptisch veranlagte Leser:innen ist das Stöbern und Blättern in einem Wörterbuch zudem etwas, das noch mehr Spaß machen kann, als das Internet nach Wörtern zu durchsuchen.

Ganz egal, welche Übersetzungs-Hilfen man aber am Ende verwendet, eins ist klar: man gibt dem Lesen damit eine ganz neue Tiefe und man lernt so viel dazu. Mir selber bereitet es eine unglaubliche Freude, die englische Sprache wie ein Schatzkästchen zu öffnen und dann und wann ulkige, wohlklingende, oder sogar vergessene Wörter zu entdecken.

Entschleunigtes Lesen mag anfangs vielleicht die eigene Geduld auf die Probe stellen, wenn man es gewohnt ist, Bücher förmlich zu verschlingen und kaum innezuhalten, um seinen eigenen Gedanken mal zu lauschen, nachzufragen, zwischen den Zeilen zu lesen. Aber wenn man erstmal drin ist, oh wow. Was für eine Entdeckungsreise! Falls ihr vielleicht auch gerade in einer ähnlichen Leselaune seid wie ich, und sich euch vor lauter Geschichten schon der Kopf dreht: probiert es doch mal aus. Ob mit oder ohne Wörterbuch, mit oder ohne Notizen, lest aufmerksam. Haltet zwischen den Absätzen oder Kapiteln inne und lasst Revue passieren, was da eigentlich gerade mit den Protagonisten und ihrer Welt geschehen ist. Steht auf und macht euch einen Tee, während ihr über das Gelesene nachbrütet. Schaut aus dem Fenster und schickt eure Gedanken auf die Reise. Aber vor allem: habt Spaß und genießt eure Zeit in den Welten aus Tinte und Papier!


>> Noch mehr Teekränzchen findet ihr hier.

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