12 Klassiker im Jahr · 2019 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2019 | #10 | Mario und der Zauberer

Auch dieses Jahr lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt sechs englischsprachige und sechs deutschsprachige Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2019. Diese Bücher, die schon seit Längerem auf meinem Bücherregal verweilen, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr und dem Genre.

Mit extremer – nein, der allergrößten – Verspätung, die es geben kann, zwängt sich dieser Beitrag zum 10. Klassiker dieses Jahres noch in das alte Jahr 2019. Im Oktober habe ich “Mario und der Zauberer” von Thomas Mann gelesen, ein “tragisches Reiseerlebnis”, wie es der Untertitel schon verspricht. Nun also, kurz vor knapp, mein kurzes und knappes Resümee zu dem Bericht aus dem Jahre 1930, der lediglich 107 Seiten fasst.

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T H O M A S    M A N N    –    M A R I O    U N D    D E R    Z A U B E R E R
E i n    t r a g i s c h e s    R e i s e e r l e b n i s

“Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere.”

Thomas Mann | Mario und der Zauberer | S. 67

 

Es ist eine seltsame Atmosphäre, die einen in Thomas Manns tragischem Reisebericht “Mario und der Zauberer” umgibt. Eine Familie verbringt im italienischen Torre di Venere ihren Sommerurlaub. Schon der erste Satz bringt die Stimmung auf den Punkt:

“Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm. Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang an in der Luft (…).”

Und in der Tat: Der Familienvater erzählt in seinem Urlaubsbericht von unangenehmen Begegnungen aller Art, und malt damit ein Bild von einer Gesellschaft, in der es in ihrer Angespanntheit brodelt wie in einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Doch es ist nicht nur, dass sich die vierköpfige Familie samt Kleinkindern in ihrem ursprünglichen Luxus-Hotel auf einmal nicht  mehr so willkommen fühlt wie früher und eine andere, kleinere Herberge aufsucht oder dass die kleine Tochter Anstoß erregt, als sie ohne Badesachen am Strand herumtollt. Vielmehr ist es der Abend, an dem die Familie im Publikum eines Zauberkünstlers sitzt, an dem sich die Lage zuspitzt, nur um dann endlich vollends zu eskalieren.

“Soll man die Segel streichen und dem Erlebnis ausweichen, sobald es nicht vollkommen danach angetan ist, Heiterkeit und Vertrauen zu erzeugen? Soll man ‘abreisen’, wenn das Leben sich ein bißchen unheimlich, nicht ganz geheuer oder etwas peinlich und kränkend anläßt? Nein doch, man soll bleiben, soll sich das ansehen und sich dem aussetzen, gerade dabei gibt es vielleicht etwas zu lernen.” – S. 30

Denn hier begegnet die Familie dem Unterhaltungskünstler mit dem klangvollen Namen Cavaliere Cipolla. Er ist Hypnotiseur erster Klasse und verwandelt sein Publikum in willenlose Puppen, die seinem stählernen Willen unterworfen sind. Die Kinder finden die Vorstellung prima, ihren Eltern aber wird dieser Abend mit jeder neuer Nummer des Zauberers befremdlicher. Als dann der verträumte Mario auf die Bühne tritt und Cipolla seine Späßchen mit ihm treibt, wird aus Spiel Ernst – oder war es von Anfang an keine bloße Spielerei?

Die Willensfreiheit, der Zwang und die Stärke des eigenen Willens spielt in diesem Klassiker eine zentrale Rolle. Wie schon in “Buddenbrooks”, der Familiensaga von Thomas Mann, spielt der Autor auch in dieser Geschichte mit beklemmenden Situationen und ihrer Wirkung auf seine Protagonisten. Vielfach wurde “Mario und der Zauberer” so interpretiert, dass es die Atmosphäre einer faschistischen Zeit widerspiegelt und auf den italienischen Faschismus anspielt.  

“Die Fähigkeit, sagte er, sich seiner selbst zu entäußern, zum Werkzeug zu werden, im unbedingtesten und vollkommensten Sinne zu gehorchen, sei nur die Kehrseite jener anderen, zu wollen und zu befehlen; es sei ein und dieselbe Fähigkeit; Befehlen und Gehorchen, sie bildeten zusammen nur ein Prinzip, eine unauflösliche Einheit; wer zu gehorchen wisse, der wisse auch zu befehlen, und ebenso umgekehrt” – S. 71

Ganz abgesehen davon jedoch ist es ein Reisebericht, der eine beklemmende, und zugleich erlösende Wirkung beim Leser erzielt und noch lange nach der Lektüre zum Nachdenken anregt. Ein Buch, zu dem man greifen sollte, wenn man sich für Thomas Mann und seine Erzählungen interessiert.

 



Autor:      Thomas Mann
Titel:         Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis
Verlag:     Fischer Taschenbuch Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 1930 [diese Auflage: 2013]
Seiten:     107
Genre:     [Klassiker | Novelle]



 

Übersicht der 12 Klassiker im Jahr 2019:

Januar:            Aldous Huxley – Brave New World
Februar:          Hermann Hesse – Siddhartha
März:               Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale
April:               Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit
Mai:                 Charles Dickens – Great Expectations
Juni:                 Theodor Fontane – Irrungen, Wirrungen
Juli:                  Jules Verne – Around the World in Eighty Days
August:           Max Frisch – Homo Faber
September:    Bill Bryson – A Short History of Everything
Oktober:         Thomas Mann – Mario und der Zauberer
November:     Henry James – The Portrait of a Lady [abgebrochen]
Dezember:      E.T.A. Hoffmann – Nussknacker und Mausekönig

11 thoughts on “12 Klassiker für 2019 | #10 | Mario und der Zauberer

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