Ida schreibt

Writing Friday | Die Perlenkette

Heute wird es wieder gruselig – und JA, nach fast 5 Monaten Writing-Friday-Abstinenz gibt es heute wieder eine kleine Geschichte von mir. Für den Oktober hat sich Elizzy wieder richtig tolle Schreibaufgaben ausgedacht, passend zur schaurig-schönen Zeit vor Halloween. Für den heutigen Writing-Friday-Beitrag habe ich mich an folgende Aufgabe gewagt:

Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter ein:
erdrosselt, vergraben, blutig, Schrei, Blutmond

Da ich erst gestern Neil Gaimans herrliche Geschichte ‘The Graveyard Book’ ausgelesen habe, habe ich mir die kreative Freiheit erlaubt, mich zwei der auf einer Seite erwähnten Nebencharaktere zu bedienen und ihnen eine eigene Vorgeschichte zu geben. Viel Spaß beim Lesen!



 

Die Perlenkette

 

In dem Moment, als sich die Perlenkette mit einem Ruck fest um ihren blassen Hals spannte, wusste sie, dass sie in Schwierigkeiten war. In tödlichen Schwierigkeiten. Ihre behandschuhten Hände flogen zu ihrem Hals, versuchten vergeblich, die mörderische Kostbarkeit zu ergreifen und vom Leib zu zerren. Das eng geschnürte Korsett presste sich unangenehm gegen die schmerzenden Rippen, ihr Brustkorb kämpfte gegen den straff gespannten seidenen Stoff an, hob und senkte sich in panischer Gier nach Luft. Als Miss Euphemias lebloser Körper mit einem dumpfen Laut auf dem Boden ihrer Gemächer aufschlug, glänzten die Perlen verräterisch im Schein des Kerzenlichts. Teuer hatte sie für dieses Geschenk bezahlen müssen, das ihr nun vom Hals genommen und mit einem seidenen Schal ersetzt wurde.

Tom Sands nannte den Friedhof schon lange sein Heim. Unzählige Jahreszeiten waren gekommen und gegangen, und ein Grabstein nach dem anderen hatte sich zu den anderen gesellt. Sein eigener war einer der Ältesten, bewachsen mit Moos und zerfressen von der Zeit ragte der Stein aus dem Boden auf wie ein fauler Zahn. Aber er mochte ihn. Er war gewissermaßen sein Zuhause. Auch heute saß er grübelnd auf dem schiefen Stein, dessen Inschrift verlautete, ein gewisser  ‘T o a d’  ruhe hier. Die Zeit fraß alles, und ganz besonders gern verschlang sie Namen, die irgendwo eingemeißelt waren. Wie so oft überlegte Tom, was er mit den nächsten Jahrtausenden anfangen sollte und wie sie am besten zu füllen seien, als plötzlich ein markerschütternder Schrei ertönte. Eher verärgert als überrascht hob Tom den Blick. Man kannte solcherlei Vorkommnisse. Gewöhnliche Leute mochte es überraschen, wie oft die Stille des Friedhofs durch plötzliche, mit Vorliebe nächtliche, Schreie durchbrochen wurde. Besonders dann, wenn die Begrabenen noch lebten und versuchten, auf sich aufmerksam zu machen. Tom seufzte. Seltsam, wie eilig es viele mit dem Sterben hatten. Oder mit dem gestorben-werden, dachte Tom grimmig und dachte an all die verhalten kichernden Menschen, die ihren frühzeitig verblassten Angehörigen das Geld aus den noch warmen Händen gerissen hatten.

Tom schlenderte in die Richtung, aus der nun ein mitleiderregendes Schluchzen kam, das nicht mehr aufhören wollte. Seine geisterhaft schimmernden Füße schritten durch dicht wabernde Nebelschwaden, bis er vor einer frisch gemauerten Gruft innehielt. In den frühen Morgenstunden sollte hier eine Beerdigung stattfinden, und offenbar war die zu Beerdigende nicht besonders glücklich darüber. Schluchzend saß sie in dem gemauerten Erdloch, die seidenen Röcke um sich ausgebreitet und die behandschuhten Hände vor dem blassen, durchscheinenden Gesicht.
„Miss?“, fragte Tom vorsichtig. Mit neuen Geistern konnte man nie vorsichtig genug sein, das hatten ihn die Jahrhunderte auf dem Friedhof gelehrt.
Als Miss Euphemia das Gesicht hob und die vor Tränen glänzenden Augen auf ihn richtete, war es um Tom geschehen. Noch nie hatte er so etwas Bezauberndes gesehen wie das Geschöpf, das dort unten saß und vom Blutmond in ein unwirkliches Licht getaucht wurde.
„Sie sind ein Engel“, hauchte er.
„Ganz gewiss nicht“, schniefte sie entrüstet. „Ich bin Miss Euphemia Horsfall, und wäre ich ein Engel, würde ich bestimmt nicht hier verweilen. In diesem… diesem dunklen Loch.“
„Hocherfreut, ihre Bekanntschaft zu machen. Tom Sands, zu Ihren Diensten, M’Lady“, erwiderte er und streckte ihr die Hand hin. „Nun sagt mir, Werteste, wie seid Ihr in eine solche prekäre Lage geraten?“
Miss Euphemia griff nach seiner Hand und schwebte anmutig aus dem Grab hervor. „Man hat mich erdrosselt und wird mich vergraben, das ist der gegenwärtige Stand der Dinge.“
„Erdrosselt!“ Tom blickte die junge Dame erschrocken an. „Wer würde eine Blume wie Sie erdrosseln?“
„Offenbar eine andere Blume“, antwortete Miss Euphemia recht trocken. „Wegen einer Perlenkette. Einem eitlen Geschenk von einem noch eitleren Mannsbild. Sie dachte wohl, ich wolle ihr den Verehrer stehlen.“ Miss Euphemia schnalzte missbilligend mit der Zunge. Trotz ihrer sonst so sanften, liebreizenden Natur konnte sie durchaus nachtragend sein. Und wenn der eigene Tod kein Grund war, um nachtragend zu sein, dann musste dies wirklich eine verkehrte Welt sein. Jetzt erkannte Tom die kleinen, dunkel unterlaufenen Blutergüsse, die sich tatsächlich einer mörderischen Kette gleich um ihren schönen Hals zogen.

Eine Wut erwachte in ihm, die so alt war wie der Grabstein, auf dem die Reste seines Namens verwitterten. Und dann hatte er plötzlich eine Idee, und ein Raunen ging durch die nachtschwarzen Bäume, ja, durch den gesamten Friedhof, als er sich zu Miss Euphemia hinabbeugte und ihr seinen Plan in das von silbrig schimmernden Locken umrahmte Ohr flüsterte.

Der Plan war blutig, und er war so herrlich hinterhältig wie die Nacht finster. Es war der perfekte Racheplan für eine Lady wie Miss Euphemia Horsfall. Zwei geisterhafte Gestalten lächelten einander wissend an, nahmen sich bei den Händen und schritten von dannen. Sie waren bereit für das morgige Begräbnis.

Das, was am nächsten Morgen geschah, wurde ihr Geheimnis, das sie in ihre jeweiligen Gräber mitnahmen und dort vor dem Rest der Welt verbargen. Und selbst zwei Jahrhunderte später, als ein kleiner, lebendiger Junge in ihrer Mitte landete, hatte die Zeit die Liebe zwischen Tom Sands und Miss Euphemia Horsfall nur verstärkt. Ihr Geheimnis war sicher, und ihre Geisterseelen frei. Lediglich gewisperte Gerüchte in vom Blutmond erleuchteten Nächten lassen erahnen, welches Schicksal Euphemias Mörderin in jenen Morgenstunden vor so langer Zeit ereilt hatte. Die Perlenkette jedoch, nun… sie wird seit jenem tragischen Vorfall von Generation zu Generation weitergegeben und besitzt noch immer die unsägliche Tendenz, Unheil zu stiften.
Wer weiß, wessen zarten Hals sie wohl gerade schmückt?

 



Text: Ida



 

Hier kommt ihr zum letzten ‘Writing Friday’-Beitrag: ‘Blume der Nacht’

11 thoughts on “Writing Friday | Die Perlenkette

  1. ♥♥♥ Hach!
    “mörderische Kostbarkeit” – was für ein famoser Ausdruck, meine Teure 😀 Im Übrigen auch ein ganz wundervoller Text und ich hatte die ganze Zeit gedacht, dass erinnert mich doch an … und siehe da, da war er auch. Nobody. ♥ Ein wunderbares kleines Prequel ♥

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    1. Merci, meine Liebe! :’D ❤
      Das Buch musste einfach gewürdigt werden – es ist zu schön! Und Nobody konnte ich natürlich seinen kleinen, feinen Auftritt in der Geschichte nicht verwehren, schließlich hab ich die Figuren aus seinem Zuhause "geklaut". :'D ❤

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      1. Tatsächlich – und ich schwöre, es ist die Wahrheit – hab ich deinen Hinweis darauf erst im Nachhinein gelesen, weil ich von der Überschrift direkt zum eigentlichen Text gerauscht bin 😀 …Vllt warte ich doch nicht mehr bis Februar mit dem Buch. Toll. 😀

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      2. Hachja, das hab ich mir fast gedacht! 😀 Aber umso schöner, dass es dich auch ohne den kleinen Hinweis an Nobodys Geschichte erinnert hat – dann ist mein Plan besser aufgegangen als erwartet. 😀 ❤
        Das Schöne ist, dass das Buch ja gar nicht so lang ist, man kann es also ganz oft irgendwo in den Lesestapel hineinschummeln. 😀

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  2. Was für eine tolle Geschichte mit einer wunderbaren Wortwahl – “Der Plan war blutig, und er war so herrlich hinterhältig wie die Nacht finster” – ich liebe solche Sätze. Sie sind selbst wie Perlen.

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