12 Klassiker im Jahr · 2019 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2019 | #8 | ‘Homo faber’

Auch dieses Jahr lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt sechs englischsprachige und sechs deutschsprachige Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2019. Diese Bücher, die schon seit Längerem auf meinem Bücherregal verweilen, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr und dem Genre.

Der Klassiker des Monats August war ‘Homo Faber’ von Max Frisch, ein “Bericht”, wie der Untertitel der Geschichte schon verrät, aus dem Jahr 1957. Eine typische Schullektüre, mit der ich in meiner Schulbildung allerdings nicht in Berührung gekommen bin. Da mein Verlobter jedoch das recht schmale Bändchen im Regal stehen hat, durfte es auf meiner Klassikerliste für 2019 natürlich nicht fehlen.

HomoFaber_01

 

M A X    F R I S C H    –    H O M O    F A B E R
E i n    B e r i c h t

Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brücke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat. Dann müßte man schon konsequent sein und jeden Eingriff ablehnen, das heißt: sterben an jeder Blinddarmentzüdung. Weil Schicksal!

Max Frisch | Homo Faber | S. 107

 

Auch wenn ich Homo Faber mit seinen knapp 200 Seiten im August im Nu ausgelesen hatte, hinkt die Rezension ganz schön hinterher. Daher also jetzt, mit reichlich Verspätung, meine Meinung zu diesem Klassiker, vom dem ich im Vorfeld die unterschiedlichsten und wirklich weit auseinandergehenden Meinungen gehört habe. Manch einer fand es ok (“klassische Schullektüre eben”), manch einer hat während des Lesens einen regelrechten Hass darauf entwickelt.

Überraschenderweise hat mir Homo Faber dann aber doch ziemlich gut gefallen. Überraschend war das für mich deshalb, weil mich gerade der Beginn nicht so recht von sich überzeugen konnte. Ganz allgemein gesagt: die Geschichte ist schon ziemlich schräg, und mit diesem Herrn Faber würde ich nur sehr ungern gemeisam auf Reise gehen, aber mir hat es gefallen, wie sich die Geschichte letztendlich entwickelt hat.

Doch worum geht es in diesem Bericht von Max Frisch denn überhaupt? Zunächst einmal ist es ein Bericht aus der Sicht von Walter Faber. Walter Faber ist Ingenieur, und damit Techniker mit Leib und Seele. Er glaubt nicht an Schicksal oder Fügung, er glaubt nur an Technik, an das, was “der Mensch als Beherrscher der Natur” alles erzielen und erwirken kann. Selbst ein Flugzeugabsturz mitten in der Wüste oder der Selbstmord eines guten Freundes kann ihn da nicht aufrütteln und von seinem tief verankerten Glauben abbringen. Doch dann lernt er auf einer Schiffsreise nach New York eine junge Frau kennen. Walter Faber ist fasziniert von Sabeth, und sie ist in allem sein genaues Gegenteil. Sie ist die Sinnlichkeit, die Liebe zur Kunst und zur Ästhetik, und so beginnt ein unaufhaltsamer Wandel.

“Der Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau nur al seinen Spiegel. Der Herr ist nicht gezwungen, die Sprache der Unterdrückten zu lernen; die Frau ist gezwungen, doch nützt es ihr nichts, die Sprache ihres Herrn zu lernen, im Gegenteil, sie lernt nur eine Sprache, die ihr immer unrecht gibt.” – S .140

Ich mochte diesen trockenen, leicht sarkastischen Erzählstil, und auch wenn unser Protagonist Walter Faber recht verschroben wirkt, mochte ich ihn trotzdem recht gern. Der schleichende und dann doch recht späte Wandel in Fabers Einstellung zum Leben ist so subtil, dass man erst relativ zum Schulss bemerkt, was eigentlich gerade geschieht. Wenn da nur nicht diese seltsamen, fast schon obsessiv wiederholten Worte wären, die Max Frisch mit Vergnügen in seinen Text eingebunden hat… mal ehrlich, wer möchte denn ständig von diesem Wörtchen ‘obschon’ überfallen werden, wenn es eine Menge anderer adäquater Begriffe dafür gibt? Zugegeben, ‘obschon’ habe ich schon vor Jahren als eines der unliebsamsten Wörter aller Zeiten auserkoren. Aber das andere Wort, von dem hier die Rede ist, ist ‘schleimig’ – meine Frage an euch: was ist eine schleimige Sonne? Oder ein schleimiger Mond? Ich habe eine ungefähre Ahnung, und ich bin sicher, es hat auch seinen Teil zum Aufbau der unangenehmen Atmosphäre zu Beginn der Geschichte  beigetragen, aber… eine ständig von schleimigen Himmelskörpern zu lesen, wurde dann irgendwann ein wenig anstrengend.

“Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mir sagt, was ich zu empfinden habe; dann komme ich mir, obschon ich sehe, wovon die Rede ist, wie ein Blinder vor.” – S .111

Tortzdem fand ich die Geschichte gelungen. Gerade wegen der Art, wie Max Frisch schreibt. Ich hatte das Gefühl, als lauschte ich den Worten eines Mannes, der all sein Vertrauen in die Technik und den Fortschritt legt, der pflegmatisch und stoisch wirkt, aber trotzdem bereit ist, umzudenken, wenn ihm nur das richtige Argument zuwinkt. Alles in allem halte ich ‘Homo Faber’ für einen Klassiker, den man gelesen haben sollte – schon allein wegen der während des Lesens immer wiederkehrenden Frage: ist  die Natur wirklich kontrollierbar – und sollte das überhaupt der Fall sein?

 



Autor:      Max Frisch
Titel:        Homo faber. Ein Bericht
Verlag:     Suhrkamp
Jahr der Veröffentlichung: Text folgt der Erstausgabe von 1957
Seiten:     203
Genre:     [Klassiker | Prosaroman]



 

Übersicht der 12 Klassiker im Jahr 2019:

Januar:            Aldous Huxley – Brave New World
Februar:          Hermann Hesse – Siddhartha
März:               Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale
April:               Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit
Mai:                 Charles Dickens – Great Expectations
Juni:                 Theodor Fontane – Irrungen, Wirrungen
Juli:                  Jules Verne – Around the World in Eighty Days
August:           Max Frisch – Homo Faber
September:    Bill Bryson – A Short History of Everything
Oktober:         Thomas Mann – Mario und der Zauberer
November:     Henry James – The Portrait of a Lady [abgebrochen]
Dezember:      E.T.A. Hoffmann – Nussknacker und Mausekönig

16 thoughts on “12 Klassiker für 2019 | #8 | ‘Homo faber’

  1. Liebste Ida ♥
    Ich habe das Wort “schleimig” aktuell auch viel im Ohr, allerdings in Bezug auf diese unsägliche Erkältung, die einfach nicht aufhören will. Einem schleimigen Mond möchte ich da am liebsten einfach nur ein Taschentuch anbieten. 😀

    Im übrigen schließe ich mit allergrößten Freuden im Dezember dem Nussknacker und Mäusekönig an, ich liebe diese Geschichte (in all ihren Varianten und besonders als Ballett) so so so SO sehr! ♥

    Komm gut in den neuen Tag! ♥

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    1. Liebste Gabriela ♥

      Ürgs, das stelle ich mir ganz furchtbar vor: ein Mond oder eine Sonne mit tropfender Nase vor lauter Schnupfen. :/ Ich schicke dir hiermit ein digitales Taschentuch und ganz viele gute-Besserungs-Wünsche :-O ♥ Erkältungen sind so blöd!

      Juhuuu! Ach, das freut mich riesig! Nicht nur, dass der Nussknacker für mich ebenfalls in all seinen Variationen zur Weihnachtszeit dazugehört, die Geschichte dann noch als BuddyRead zu lesen, finde ich großartig! ♥

      Hab einen wundervollen Tag – und hoffentlich geht’s dir bald wieder besser! ♥

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  2. Ich habe Homo Faber vor ziemlich langer Zeit gelesen – als ich noch überzeugt war, dass Klassiker nichts für mich sind – und sah mich nach dem Lesen in meiner Meinung bestätigt. Ich kann mich heute aber nur vage daran erinnern, und deine Rezension hat mich noch ein wenig mehr davon überzeugt, dem Buch eine neue Chance zu geben 🙂

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    1. Das ist immer so eine Sache mit den Klassikern, finde ich. Oft wird man von der Schreibart abgeschreckt, oder schon vorm Lesen von weit auseinandergehenden Meinungen. Ich glaube, manchmal muss man sich auch ein bisschen darauf einlassen (wie bei jedem anderen Buch auch), aber manchmal gefällts einem halt auch nicht. Und das ist auch völlig ok. Meine beste Freundin hat zum Beispiel schon im Vorfeld ihren Hass auf ‘Homo Faber’ deutlich gemacht, bevor ich das Buch begonnen habe. 😀
      Aber wer weiß, vielleicht gefällt es dir beim zweiten Lesen tatsächlich besser als beim ersten Mal! 🙂

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