Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Prosadichtung

Rezension | Hermann Hesse – Eine Stunde hinter Mitternacht

Mein Herz schlägt im Hesse-Takt! Begonnen hat es mit dem Steppenwolf, dem Buch, mit dem ich Hesse letztes Jahr für mich entdeckte. Darauf folgte dann in diesem Jahr Siddharthaund der wunderschöne Bildband über Hesses Garten.  Und nun wurde “Eine Stunde hinter Mitternacht” Ende Juli dieses Jahres vom Diederich-Verlag neu aufgelegt und diese herrliche Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Denn dieses kleine, bezaubernde Büchlein erschien erstmals 1899 im Diederichs-Verlag, dann erst wieder 1941 im Züricher Verlag Fretz & Wasmuth. Die neue Auflage ist in ihrer Aufmachung genau so träumerisch-melancholisch wie die neun Prosadichtungen, die sich hinter dem schlicht weißen und blau-schimmernd verschnörkelten Cover verbergen.

Hesse_Mitternacht_06

H E R M A N N    H E S S E   –   E I N E    S T U N D E    H I N T E R    M I T T E R N A C H T
S a m m l u n g    v o n    P r o s a d i c h t u n g e n
–  Rezensionsexemplar*  –


Ein endloser Anblick voll Ruhe und Genügen, ein Born des Glückes und der Schönheit, ein angehäufter Schatz alles dessen, was urprächtig, unberührt, in sich beschlossen und unwiederbringlich ist. Dieses alles senkt sich in mein Herz, findet alle leeren Kammern, füllt und füllt und fließt über wie ein Strom aus einem tiefen See.

Hermann Hesse | Eine Stunde hinter Mitternacht:  Der Traum vom Ährenfeld | S. 106



“Eine Stunde hinter Mitternacht” war Hesses erste Prosabuch-Veröffentlichung. Er war jung und voll wildem Tatendrang, und doch so voller Schmerz ob der Vergänglichkeit von allem Schönen. Aus jedem seiner Worte springt einen diese Empfindung an, rührt zutiefst und lädt zum Grübeln ein. Hesse selbst schreibt in seinem Vorwort zur Auflage aus dem Jahr 1941:

In den Prosastudien der ‘Stunde hinter Mitternacht’ hatte ich mir ein Künstler-Traumreich, eine Schönheitsinsel geschaffen, sein Dichtertum war ein Rückzug aus den Stürmen und Niederungen der Tageswelt in die Nacht, den Traum und die schöne Einsamkeit (…).
   Hesse, Eine Stunde hinter Mitternacht: Vorwort, S. 12

Und genau so lesen sich auch seine Dichtungen in der typisch blumigen Sprache, die ich schon im Steppenwolf als besonders einnehmend und beührend empfand. Es sind träumerische, märchenhafte Augenblicke, die Hesse in seiner Prosasammlung beschreibt, und über allem liegt die leise Melancholie der tiefblauen Stunde hinter Mitternacht. Hier zerfließen die Grenzen zwischen Realität und Traum, bis sie sich zuletzt vollständig aufzulösen scheinen.

Der Hügelrücken stand scharf und ernst zwischen hier und dort, zwischen mir und jenen untergegangenen Dämmerungen. Ich streckte grüßend die Hand aus und war im Innern bewegt. Ein Stück von mir lag dort begraben, und welch eine Fülle unentfalteter Regungen und unerlöster Jugendträume!
   Hesse, Eine Stunde hinter Mitternacht: Der Inseltraum, S. 38

Ob nun ein einsamer Reisender, der sich nach Ruhe und Geborgenheit sehnt, nach reiner Schönheit und der Stille der Natur, oder ein Königssohn, den es nach Liebe verzehrt, der das Leben nur so in sich aufsaugt oder ein Ährenfeld, das mit seinem leuchtenden Wogen die Freiheit der Seele symbolisiert – all dies sind Träume. Wie es bei Träumen meistens der Fall ist, erwacht man daraus, und man greift noch danach, gerade war der Traum noch so nah… und dann zerrinnt er mit dem Erwachen zwischen den ausgestreckten Fingern. So ähnlich fühlte es sich an, Hesses Dichtungen zu lesen. Ich hatte das Gefühl, ich begreife seine Worte, sie berührten mich – doch trotzdem blieben sie geheimnisvoll und wundersam.

Ein müdes Echo, ein halbverlorener Duft, ein halbvergessenes Jugendlied – so war in Schmutz und Geräusch ein Schimmer von Schönheit und Kunst gegossen. Wie oftmals sah ich dort ihr scheues Licht in ängstlichen Reflexen, und zitterte mit ihr, und litt mit ihr! Ferner noch mit altmodisch lichten Himmeln lagen die Frühlinge meiner Kindheit und rührten mit zärtlichem Dufte an mein Herz.
   Hesse, Eine Stunde hinter Mitternacht: Der Inseltraum, S. 22

“Eine Stunde hinter Mitternacht” ist ein wunderschönes, zauberhaftes Buch, das ich allen Liebhabern von Hesses Werken (und solchen, die es gerne werden möchten) uneingeschränkt ans Herz legen kann!



Autor:        Hermann Hesse
Titel:          Eine Stunde hinter Mitternacht
Verlag:       Diederichs-Verlag
Jahr der Veröffentlichung dieser Ausgabe: 2019
[Erstveröffentlichung: 1899]
Seiten:       111
Genre:       [Sammlung von Prosadichtungen]



 

*An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an den Diederichs-Verlag in der Verlagsgruppe Random House und das Bloggerportal für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar! 

One thought on “Rezension | Hermann Hesse – Eine Stunde hinter Mitternacht

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.