Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Brom – Der Kinderdieb

Kennt ihr die Geschichte vom Jungen, der kleine Kinder an die Hand nimmt und des Nachts aus ihrem Zuhause lockt? Sicher habt ihr schonmal was von ihm gehört, diesem fliegenden Knaben mit den Goldaugen, der mit verlorenen Jungs auf einer Insel namens ‘Nimmerland’ haust, sich regelmäßig mit Piraten anlegt und seinen Kumpanen Spiel, Spaß und keine lästigen Pflichten verspricht. Sicher kennt ihr ihn, diesen Peter Pan.

Nun, Der Kinderdieb, den mir Gabriela bereits im April wärmstens ans Herz legte und den ich dann im Juni in einem Rutsch verschlang, dieses Buch erzählt seine Geschichte. Allerdings mehr die von Pan als von Peter – denn die Neuerzählung des bekannten Kinderbuchklassikers von J. M. Barrie ist mindestens so düster wie sein Original, und nicht gerade zimperlich mit Tod und Verderben.

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B R O M    –    D E R    K I N D E R D I E B

Er spürte die Magie in sich selbst, um sich herum, spürte sie stärker als je zuvor und begriff, dass es selbst hier, in der Stadt, in der Menschenwelt, Magie gab, dass sie Teil des Gewebes der Welt war. Dass Magie ein zerbrechliches und bedrohtes Element war und dass sie ohne den Schutz von Geschöpfen wie der Dame verblassen und die Erde als dunkleren, kälteren Ort zurücklassen würde.

Brom | Der Kinderdieb | S. 602

 

Peter ist gerade auf Streifzug durch die Straßen der Menschenwelt, auf der Suche nach einem neuen Spielgefährten, als er auf Nick trifft. Nick scheint für Peter die perfekte Wahl zu sein: vernachlässigt, in den Fängen eines Drogenbosses, von der Mutter ungeliebt. Wie schon so vielen Kindern vor ihm verspricht Peter, ihn an einen Ort jenseits seiner Vorstellungskräfte zu bringen – nach Avalon.

“Es ist ein geheimer Ort. Eine verzauberte Insel. Erwachsene haben kein Zutritt. Dort gibt es Feen, Kobolde und Trolle. Wir bleiben so lange auf, wie wir wollen. Es gibt keine Lehrer oder Eltern, die einem sagen, was man zu tun hat. Wir müssen nicht baden, uns nicht die Zähne putzen und nie unsere Betten machen. Wir spielen mit Speeren und Schwertern, und manchmal…”, er senkte die Stimme, “… kämpfen wir gegen Ungeheuer.” Nick schüttelte den Kopf und grinste schief. “Peter, du bist echt durchgeknallt.” – S. 42

Auch wenn Nick skeptisch ist, folgt er dem goldäugigen Jungen durch einen grauenvollen Nebel voller toter Gestalten, und landet entgegen all seiner Erwartungen tatsächlich in Avalon – doch so toll, wie Peter es ihm versprochen hat, ist Avalon gar nicht. Denn hier lauert an jeder Ecke der Tod in Form von langsam vor sich hin verwesenden Fleischfressern, ekelhaften Viechern namens Barghests, Hexen, Tümpeln, Wölfen, …. was das blutrünstige Herz so begehrt. Und auch die verlorenen Kinder sind nicht unbedingt das, was sich Nick unter tollen neuen Spielkameraden vorgestellt hat. Manche von ihnen sind hunderte Jahre alt, manche jünger, manche älter. Doch sie alle stecken noch in ihren jungen Körpern, und ihre Augen glänzen so golden wie die von Peter – schimmern im trügerischen Glanz der Ewigkeit, die ihnen hier in Avalon versprochen wurde. Und je länger Nick bleibt, desto klarer wird ihm: er muss um jeden Preis zurück in die Menschenwelt, koste es, was es wolle.

Nick begriff, dass er bald zurück musste, weil Avalon nämlich ein verführerischer Ort war. Weil Göttinnen offenbar eifersüchtige Wesen waren, die die ihnen entgegengebrachte Verehrung nicht eilen wollten, nicht einmal mit Müttern. Wenn er nicht bald ging, würde er niemals gehen, daran hegte Nick keinen Zweifel. – S. 447

Ich hatte eine Story erwartet, die genauso düster ist wie das Original, vielleicht ein bisschen blutrünstiger. Und ich wurde nicht enttäuscht! Genau wie das Nimmerland von J.M. Barrie strotzt auch Broms Avalon nur so vor tödlichen Gefahren. Und Peter? Ja, Peter ist genauso draufgängerisch, aufgeweckt, egoistisch, schelmisch und auf seltsame Art und Weise bedrohlich wie sein Vorbild. Er will nicht wahrhaben, dass er tausende von Menschenleben für seine eigenen Anliegen im wahrsten Sinne verspielt, und dass es für die Kinder, die er einmal aus ihrem Zuhause gestohlen hat, kein Zurück mehr gibt in die Welt, die sie mal kannten.

Peter ist einer der glaubhaftesten Antihelden, die mir bis jetzt untergekommen sind. Denn er ist nicht einfach nur rücksichtslos oder klaubt wahllos Kinder auf, die ihm gerade vor die Nase laufen. Er holt sie aus gewaltsamen und brutalen Familien, rettet sie vor den Gefahren der Menschenwelt. Drogen. Missbrauch. Verluste. Und er bringt sie dorthin, wo man ewig leben darf. Ja, man kämpft gegen Monster. Aber man tut es doch für Peter! Und man lebt ewig, auch wenn man ab und zu seinen Gameboy vermisst, oder seine Mutter, die einen in den Schlaf singt. Peter ist eine so zerrissene Gestalt, und mit jedem neuen Kapitel zu seiner Vergangenheit und der Vergangenheit seines geliebten Avalon verändert sich das Bild, das man von Peter hat.  Zum Guten oder zum Schlechten, das muss jeder Leser selbst entscheiden. Mir ist er zu einem gewissen Grad ans Herz gewachsen, es ging einfach nicht anders.

Nick, der zweite Protagonist, ist ein skepitscher Junge. Er hinterfragt, er kann einfach nicht glauben, dass die anderen jederzeit einfach so ihr Leben aufs Spiel setzen würden – für einen einzigen Jungen, für Peter. Und auch das macht ihn zu einem unfassbar glaubhaften Charakter, einer, der einem die Augen öffnet in all diesem blendenden Glanz von Elfen und Avalons vergangener Blüte, die jetzt nur noch welk nach süßem Verfall riecht, wenn man mal genauer auf seine Umgebung achtet.

Hätte das Mädchen nur mit den anderen Jungen und Mädchen reden können, jenen etwa, die dem goldäugigen Jungen bereits gefolgt waren, dann hätte es gewusst, dass man immer noch etwas zu verlieren hat. – S. 11

‘Der Kinderdieb’ ist spannend, gruselig und an manchen Stellen kaum zu ertragen, so schwer wiegt die Last der unsterblichen Seelen auf einem. Ich war fasziniert von den Charakterentwicklungen, davon, dass nichts so ist, wie es zunächst scheint. Und die Illustrationen im Buch! Mittlerweile müsstet ihr das ja von mir kennen, aber ich LIEBE, liebe, liebe es, wenn ein Buch von Illustrationen begleitet wird. Es ist kein Muss, versteht sich von selbst, auch keine Voraussetzung für ein ‘gutes Buch’. Die von Brom selbst gestalteten Zeichnungen der Protagonisten und der Bilder zu Beginn eines neuen Kapitels sind wirklich schaurig schön. Sie untermalen genau jenen Aspekt der Geschichte, der mich beim Lesen am meisten beeindruckt hat: diese Mischung aus unglaublich faszinierenden, überirdisch schönen Wesen und Orten und gleichzeitig deren abschreckende Scheußlichkeit, sobald ihre wahre Natur zutage tritt.

Wer noch auf der Suche ist nach einem Buch für die Zeit vor Halloween (denn sie wird schneller da sein, als man denkt!), oder genauso verrückt ist nach fantastischen Neuerzählungen von ‘Peter Pan’ wie ich es bin, der greife schleunigst zu diesem Buch! Aber achtet auf den Nebel, und auf das Grauen, das in ihm lauert…   

 

Autor:         Brom
Titel:           Der Kinderdieb
Verlag:       PAN Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 2009
Seiten:        655
Genre:        [Fantasy | Horror | Retelling/Neuerzählung]



 

Hier findest du noch mehr Beiträge zu diesem Thema, zum Beispiel: 
… die englische Rezension zum Original, ‘Peter Pan’ von J.M. Barrie
… ein absolutes Herzensbuch: Tigerlily von J.L. Anderson [Peter Pan Retelling]
… ein weiteres Herzensbuch: Lost Boy von Christina Henry [Peter Pan Retelling]
… eine Übersicht zu 5 meiner Lieblingsretellings/-neuerzählungen

 

Weitere Stimmen zu ‘Der Kinderdieb’:
Buchperlenblog

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8 thoughts on “Rezension | Brom – Der Kinderdieb

  1. Liebste Ida! ❤︎
    Eine höchst wunderbare Rezension zu einem Buch, dass mich vor – Oh Gott, auch schon wieder bald 2 Jahren – so so sehr beeindruckt hat. Ich liebe die Entwicklungen um Avalon so sehr und mir sind noch so viele Szenen daraus im Kopf geblieben … Trotzdem werde ich wohl bald wirklich noch einmal zugreifen müssen, denn das ist eine Geschichte, die man mehr als einmal lesen kann. ❤︎

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    1. Liebste Gabriela! ❤︎ Vielen, vielen Dank – und natürlich auch für die Empfehlung! Ohne dich wüsste ich noch heute nicht von den Wundern und Schrecken rund um Avalon, die Dame Modron und Peter. Und das wäre wirklich viel zu schade 😦 Ein Re-read der liebsten und schönsten Bücher ist immer eine gute Idee! Aber bewaffne dich gut, bevor du an Peters Seite in den Kampf ziehst. :-O

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  2. Das klingt vielversprechend. Ich hab das Buch auf meinem SuB. War mir aber nicht sicher, da Krampus nicht ganz so mein Geschmack getroffen hat. Es war zwar spannend und auch sehr düster – aber hat mich nicht so richtig überzeugt. Ich denke ich werde mal bei Kinderdieb reinlesen. Bin jetzt doch neugierig geworden.

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