Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Lewis Carroll – Alice im Spiegelland

„Manche von Euch kennen die Abenteuer der kleinen Alice im Wunderland, wo sie den Kartenkönigen und Kartenköniginnen begegnet und so komische Dinge erlebt; nun, hier ist der Bericht über ihre Reise ins Spiegelland, und der wird Euch nicht weniger unterhalten.“

…. so steht es in einem Brief, den Helene Scheu-Risz, die beide Alice-Bände ins Deutsche übersetzt hat, allen jungen Lesern gewidmet hat. Und sie hat nicht zu viel versprochen: ‚Alice im Spiegelland‘ hat sich für mich als genauso kurios und voller Sprachwitz erwiesen wie schon sein Vorgänger.

Alice_2

Es beginnt alles damit, dass die kleine Alice mit ihren Kätzchen spielt und durch einen Zufall durch den Spiegel auf dem Kaminsims in eine verkehrte Welt purzelt. Dort erscheint ihr alles wie in einem Traum: je schneller sie läuft, desto weniger bewegt sie sich vom Fleck, sie begegnet seltsamen Gestalten – beispielsweise einem in einem Boot sitzenden strickenden Schaf – und führt interessante und teilweise verwirrende Gespräche mit einem König und zwei Königinnen. Diese Spiegelwelt ist aufgebaut wie ein Schachfeld, und mit jedem Sprung über einen Bach gelangt Alice in ein neues Feld, und damit zu einer neuen wunderlichen Gestalt.

„Ich sehe niemand auf der Straße“, erklärte Alice.
„Wenn ich nur auch solche Augen hätte!“ bemerkte der König betrübt. „Niemand sehen zu können, und noch dazu auf diese Entfernung! In diesem Licht kann ich mal gerade so wirkliche Leute erkennen!“ – S. 155

Von einem Wunder zum nächsten springt man als Leser durch die Geschichte, liest ein Nonsense-Gedicht über den Jabberwocky, hört sich höflich die Gesänge der Zwillinge Dideldum und Dideldei an, trägt die Krone der Königin und erlebt noch so manches skurriles Abenteuer. Man fühlt sich wie in einem Traum, der in dem Moment, in dem man ihn träumt, sehr sinnvoll erscheint – und im Augenblick des Erwachens seine Bedeutung zu verlieren scheint. Fast so, als ließe man beim Verlassen des Spiegellands den Teil zurück, der dem Geschehen einen Sinn gab.

Dazu muss ich sagen, dass mir „Alice im Wunderland“ auf der Ebene der Sprachwitze und Wortspielereien ein bisschen besser gefallen hat. Vielleicht lag es auch daran, dass der zweite Band von einer anderen Übersetzerin ins Deutsche übertragen wurde als der erste. Noch mehr Grund für mich, irgendwann einmal die englischsprachige Originalversion der Geschichte zu lesen!

Alice_3

Ich besitze die unglaublich schöne Schmuckausgabe der Erzählung, die von Benjamin Lacombe illustriert wurde. Intensive Farben, träumerische und verschwenderische gestaltete Bilder im typischen Lacombe-Stil zieren eine Seite nach der anderen. Es gibt Bilder zum Aufklappen, variierende Schriftgrößen und ein Cover mit silbernen Schriftzügen. Ich gebe es zu, ich habe ein Faible für jedwede von Benjamin Lacombe illustrierte Ausgabe eines Buches, und die Alice-Schmuckausgaben haben es mir ganz besonders angetan. Sie laden zum Träumen ein, zum Stöbern und zum Rätseln.

„Wem bist du auf dem Weg hierher begegnet?“, fragte der König und streckte dem Kurier die Hand hin, um noch Heu zu bekommen.
„Niemand“, antwortete der Kurier.
„Aha“, sagte der König, „diese junge Dame hat ihn auch gesehen. Niemand läuft natürlich langsamer als du.“
„Ich tue mein Bestes“. sagte der Kurier verdrießlich, „Und ich bin mir sicher, niemand läuft schneller als ich.“
„Natürlich nicht!“ sagte der König. „Sonst wäre er ja zuerst hier gewesen.“ – S. 159

Mein Fazit zum zweiten Alice-Band: Wer schon an Alices erstem Abenteuer im Wunderland Gefallen gefunden hat, der wird auch im Spiegelland garantiert auf seine Kosten kommen – zwar mit weniger Wortspielereien, aber mit genauso aberwitzigen Abenteuern!



Autor:   Lewis Carroll
Titel:     Alice im Spiegelland
illustriert von Benjamin Lacombe [Schmuckausgabe]
Verlag:  Jacoby Stuart Verlag
Jahr der Veröffentlichung dieser Ausgabe: 2017
Seiten:     295
Genre:     [Klassiker | Kinderbuch | Fantasy]



 

N o c h    m e h r    R e z e n s i o n e n    z u    d e n    v o n    B e n j a m i n    L a c o m b e    i l l u s t r i e r t e n    B ü c h e r n :

Lewis Carroll / Benjamin Lacombe – Alice im Wunderland

E.A.Poe / Benjamin Lacombe – Unheimliche Geschichten Band 1

Sébastien Perez / Benjamin Lacombe – Das Elfenbestimmungsbuch 

Advertisements

6 thoughts on “Rezension | Lewis Carroll – Alice im Spiegelland

  1. Liebste Ida ♥
    Ein bisschen Alice geht doch immer wieder, nicht wahr =) Ich liebe die beiden Schmuckausgaben sehr und blättere häufig darin herum, lese ein Gedicht oder zwei, lache über den Nonsens darin und sage Humpty Dumpty guten Tag. Solltest du irgendwann zur englischen Variante greifen, es gibt da eine Ausgabe, die sich The Annotated Alice nennt. Da wird die Geschichte -ganz nebenbei – auch noch analysiert und entschlüsselt, das trägt so manches Mal sehr zum Verständnis bei, wie ich fand. ♥

    Hab einen sonnigen Tag! =)

    Liked by 1 person

    1. Liebste Gabriela ❤

      Das stimmt – in den beiden Büchern könnte ich immer wieder stöbern! Es ist einfach herrlich unterhaltsam und ich habe den Eindruck, dass man jedes Mal etwas Neues entdeckt, das einem vorher nur am Rande aufgefallen ist. 🙂
      Danke für den Tipp mit der englischen (erweiterten) Ausgabe! Solche Ausgaben von Klassikern sind ohnehin genau mein Fall *-*

      Dir auch einen sonnigen Tag! Hier scheint die Sonne übrigens wieder, also muss ich heute schon mal nicht zur Arbeit schwimmen! 😀 ❤

      Liked by 1 person

  2. Die Alice-Bücher kann man einfach immer wieder lesen. Hab mittlerweile auch 4 verschiedene Ausgaben. 😉 Bei dieser finde ich Lacombes Zeichnungen einfach so toll.
    Grüße, Katharina

    Liked by 1 person

  3. Hallo liebe Ida,

    Ach, das ist wirklich eine wunderschöne Schmuckausgabe! Ich liebe die Geschichten um Alice und habe „Alice hinter den Spiegeln“ das erste mal als ganz alte Reclam-Version aus dem Regal meiner Eltern gelesen und lieben gelernt. Allein diese Illustrationen sind Grund, sich dieses Buch auf die Wunschliste zu setzen ❤️ Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße,
    Jacqui

    Liked by 1 person

    1. Hallo liebe Jacqui,

      Ooh, das sind doch die schönsten Erinnerungen: im Bücherregal der Eltern stöbern und dabei Lieblingsgeschichten entdecken! 🙂 Alice habe ich tatsächlich erst im Erwachsenenalter lieben gelernt – und da haben die illustrierten Ausgaben von Benjamin Lacombe ihren Teil dazu beigetragen 😉

      Hab ein wunderbares Wochenende!
      Ida ❤

      Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.