Ida schreibt

Writing Friday | Blume der Nacht

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich mir eine von Elizzys wunderbaren Schreibaufgaben vorgeknöpft habe. Den letzten Writing-Friday-Beitrag habe ich im März geschrieben! Ist das denn zu fassen… Obwohl ich schreibtechnisch ganz und gar nicht faul war (hust *Camp NaNoWriMo im April* hust), haben mir meine geliebten Kurzgeschichten doch ziemlich gefehlt. Jetzt habe ich mich also – nach einigen Monaten Writing-Friday-Abstinenz – an diesem Schreibfreitag für die folgende Aufgabe entschieden:

Schreibe eine Geschichte die mit dem Satz “Jasmin hatte schon immer an Magie geglaubt, doch als sie dann tatsächlich sah wie…” beginnt.

Ich konnte einfach nicht widerstehen, ich hatte sofort ein festes Bild im Kopf, als ich diesen Satzanfang las. Wie immer wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!



 

Blume der Nacht

Jasmin hatte schon immer an Magie geglaubt, doch als sie dann tatsächlich sah, wie der schwarze Fleck am Horizont immer größer wurde und einen Stern nach dem anderen zu verschlucken schien, klammerte sie sich unwillkürlich an der marmornen Brüstung fest. Mit gerunzelter Stirn starrte sie in die tiefblaue Dunkelheit der Nacht. Irrte sie sich oder steuerte der stetig wachsende Schatten direkt auf sie zu?  Sie fühlte Angst in sich aufsteigen, aber auch noch etwas anderes. Aufregung und kindliches Staunen funkelte in ihren Augen, als der Schatten schließlich in den flackernden Lichtschein der Feuerschalen schwebte und einen Meter vor ihr Halt machte. Fast schon zärtlich streckte Jasmin ihre Hände nach ihm aus, wollte ihn mit ihren Fingerspitzen erspüren und an sich und ihre Welt binden, und wissen, dass er wirklich existierte. Die goldenen Armreifen klimperten leise, als sie vorsichtig die samtenen Fäden der Quaste durch ihre Finger gleiten ließ.
„Du bist wunderschön“, flüsterte sie.
„Ihr seid aber auch nicht zu verachten“, schnurrte es zurück.
Als hätte sie ihre Hand an der seidigen Kordel verbrannt, zog Jasmin ihre Hand zurück und starrte das Geschöpf vor sich sprachlos an. Aber war es überhaupt ein Geschöpf? Es sah eher aus wie…
„Gestattet mir, mich Euch vorzustellen. Ich bin der fliegende Teppich“, sagte er und machte eine Art kleine Verbeugung in der Luft.

„Der flie- der fliegende-?“

„Der fliegende Teppich, jawohl“, antwortete er auf ihre gestammelte Erwiderung. „Nicht ein fliegender Teppich, sondern der fliegende Teppich. Aber das sieht man natürlich. Ich bin ein Teppich und ich fliege, womit wir dann auch den Ursprung meines äußerst kreativen und wirklich überaus selbsterklärenden Namens geklärt hätten“, fügte er hinzu. Es schien ihm nicht neu zu sein, dass man bei seinem Anblick in sprachloses Staunen verfiel. Nicht wenige waren in der Vergangenheit vor ihm ausgerissen oder in Ohnmacht gefallen, als sie ihn durch die Lüfte schweben sahen. Deshalb zog er es vor, nur noch nachts die lauen Lüfte zu durchstreifen.
„Nicht doch, nennt mir bloß nicht euren Namen, Teuerste“, sagte er fast ein wenig beleidigt auf Jasmins Schweigen hin, da sie ihm in ihrer Sprachlosigkeit die Höflichkeit verwehrt hatte, sich ihm vorzustellen.
„Euren Namen kenne ich natürlich, wie sollte man ihn auch nicht kennen? So blühend, so duftend, so wunderschön wie die Blume, nach der Ihr benannt seid, ehrfurchtsvoll geraunt von allen hier im Land: Prinzessin Jasmin, die Tochter des mächtigen Sultans.“

Jasmin errötete heftig bei den Worten des fliegenden Teppichs. Hätte er eine Mimik gehabt, hätte er aufgrund ihrer Reaktion eine vielsagende und zufriedene Miene aufgesetzt.
„Einfach nur Jasmin reicht völlig“, murmelte sie verlegen.
„Prima, dann nennt mich doch ab sofort nur noch Teppich“, schnappte er beleidigt und kehrte ihr den Rücken zu – oder das, was bei einem Menschen der Rücken gewesen wäre. „Einen Namen zu haben bedeutet einen Platz in dieser Welt zu haben, und dein Platz ist der höchste, den man in diesem Lande haben kann“, motzte er weiter und klang dabei auf kuriose Art weise und zickig zugleich.
„Und der einsamste“, erwiderte Jasmin langsam und bedacht. Ihre dunklen Augen blickten traurig in die Ferne, wo unbekannte Lichter glommen und das Abenteuer nach ihr rief. Das schien den Teppich zum Nachdenken zu bringen.

„Einsam seid Ihr, so so…“, murmelte er, ehe sein gewebtes Muster in einem Geistesblitz aufzuleuchten schien. Golden und tiefrot schimmerte er verheißungsvoll, als er ihr schließlich verschmitzt sein Angebot unterbreitete: „Fliegt mit mir um die Welt, Prinzessin! Das macht bestimmt viel mehr Spaß als in marmornen Hallen auf und ab zu laufen. Außerdem kenne ich jemanden, dort unten in der Stadt, der ist ein richtig netter Kerl und springt sicher gern als eine Art Fremdenführer ein. Sein komischer zahmer Affe nervt zwar gewaltig, aber was soll’s. Der Gute kann dir bei der Gelegenheit den Untergrund dieser Welt zeigen – nicht der Affe, der junge Mann! – und ich zeige dir, was es heißt, auf Wolken zu schweben. Na, wie klingt das?“

Jasmins Zögern war nur von kurzer Dauer. Nach ein paar unsicheren Blicken zurück auf den prächtigen Palast, auf dessen ausladendem Balkon sie sich befanden, ergriff sie die zu einer goldenen Quaste gebündelten Kordeln aus glänzendem Garn, die der fliegende Teppich ihr einladend entgegengestreckt hatte. Ihre Seidenschuhe gaben kein Geräusch von sich, als sie auf die glatte Marmorbrüstung stieg und es sich auf der weichen Oberfläche des fliegenden Teppichs bequem machte. Eine warme Brise fuhr ihr durchs schwarze Haar, als sie sich in Bewegung setzten, und Jasmin krallte die Finger in die Fransen des Teppichs. Ihr ganzer Körper schien voll freudiger Erwartung zu vibrieren, als sie immer höher dahinflogen, immer weiter und weiter, der Freiheit entgegen.
Der Blick zurück offenbarte Jasmin, wie der Palast mit seiner goldenen Kuppel dahinschrumpfte, immer kleiner wurde er, ehe er vom Dunkel verschluckt wurde.
Zu Jasmins Füßen aber lag die ganze Welt, und sie gehörte ihr, der Prinzessin der Nacht und der Sterne, des Mondes und der strahlenden, silbrig weißen Blume, deren Namen sie trug.

 



Text: Ida



 

Hier kommt ihr zum letzten ‘Writing Friday’-Beitrag: ‘Gib Acht, was du dir wünschst’

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8 thoughts on “Writing Friday | Blume der Nacht

  1. Liebste Ida, es freut mich so sehr wieder eine Writing Friday Geschichte von dir zu lesen! Ich habe deine Kurzgeschichte sehr genossen und liebe was du aus Jasmin gemacht hast 😀
    Ich wünsche dir ein wundervolles Wochenende!

    Liked by 1 person

    1. Haha, das habe ich auch schon mitbekommen! 😀 Vielleicht ist es auch der Trailer der aktuellen Aladdin-Verfilmung, die sich ganz sneaky in mein Hirn gewurmt hat! 😀
      Danke dir! Hab ein schönes Wochenende! 🙂

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