12 Klassiker im Jahr · 2019 · Idas Leseprojekte

12 Klassiker für 2019 | #4 | ‘Sternstunden der Menschheit’

Auch dieses Jahr lese ich jeden Monat einen Klassiker, den ich zuvor dem entsprechenden Monat zugeordnet habe. Insgesamt sechs englischsprachige und sechs deutschsprachige Klassiker stehen auf der Liste des Klassikerprojekts 2019. Diese Bücher, die schon seit Längerem auf meinem Bücherregal verweilen, wurden im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen als ‚Klassiker‘ bezeichnet und variieren unter anderem besonders in der Länge, dem Veröffentlichungsjahr und dem Genre.

Während meines Klassikerprojektes im Jahr 2018 habe ich zum ersten Mal etwas von Stefan Zweig gelesen, und von seiner kleinen, aber feinen „Schachnovelle“ war ich mehr als beeindruckt. Umso überraschter war ich Anfang dieses Jahres, als ich ein Buch in meinem Regal fand, das dort schon seit vielen Jahren ungelesen verharrte: ‚Sternstunden der Menschheit‘ – von keinem anderen als Stefan Zweig! Im Jahre 1927 wurde das Buch, das den Untertitel ‚Vierzehn historische Miniaturen‘ trägt, zum ersten Mal herausgegeben; und im April war es mein Monatsklassiker.

 

Zweig_Sternstunden_01

 

S T E F A N    Z W E I G    –   S T E R N S T U N D E N    D E R    M E N S C H H E I T

Immer sind Millionen Menschen innerhalb eines Volkes nötig, damit ein Genius entsteht, immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.
Entsteht aber in der Kunst ein Genius, so überdauert er die Zeiten; ereignet sich eine solche Weltstunde, so schafft sie Entscheidung für Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Stefan Zweig | Sternstunden der Menschheit | S. 7, Vorwort

 

Mit seinem dunkelgrünen Einband und dem recht schweren Untertitel ‚Vierzehn historische Miniaturen‘ konnte mein 12-jähiges Ich damals nicht viel mit Stefan Zweigs ‚Sternstunden der Menschheit‘ anfangen. Historisch? Ist doch bestimmt todlangweilig! Oh, du liebes, armes 12-jähriges Ich, wie viel könnte ich dir jetzt darüber erzählen, und trotzdem würdest du mir nicht glauben, dass mich dieses Buch so unglaublich positiv überrascht und stellenweise sehr berührt hat, und dass ich es obendrein für genial halte.

Aber in der Geschichte wie im menschlichen Leben bringt Bedauern einen verlorenen Augenblick nicht mehr wieder, und tausend Jahre kaufen nicht zurück, was eine einzige Stunde versäumt. – S. 65 | Die Eroberung von Byzanz

‚Sternstunden der Menschheit‘, das klingt nach großen, hell leuchtenden Momenten in der Geschichte der Menschheit, aber eben auch nach ganz viel Geschichte und Politik. Was sich eventuell nach trockener Analyse historisch wichtiger Gegebenheiten anhört, das ist tatsächlich sehr viel mehr: Es ist die literarische Auseinandersetzung mit großartigen wie verhängnisvollen Momenten, die ganze Jahrhunderte prägten. Fast schon dichterisch und in einmalig schöner Sprache reihen sich hier vierzehn Erzählungen aneinander, die den Leser fesseln und einen Blick hinter die Kulisse trockener Geschichts-Lehrstunden werfen.

Zweig_Sternstunden_02

Das Buch enthält vierzehn Erzählungen:

  1. Flucht in die Unsterblichkeit   [Inhalt: Balboas Entdeckung des Pazifik]
  2. Die Eroberung von Byzanz   [Inhalt: Belagerung von Konstantinopel]
  3. Georg Friedrich Händels Auferstehung   [Inhalt: Entstehung des Messias-Oratorium]
  4. Das Genie einer Nacht   [Inhalt: Rouget de Lisle komponiert die Marseillaise]
  5. Die Weltminute von Waterloo   [Inhalt: General Grouchys Versagen]
  6. Die Marienbader Elegie   [Goethes späte und unerfüllte Liebe]
  7. Die Entdeckung Eldorados   [Inhalt: Erschließung von Kalifornien / Goldrausch]
  8. Heroischer Augenblick   [Inhalt: Dostojewski wird begnadigt]
  9. Das erste Wort über den Ozean   [Inhalt: Verlegung des 1. Transatlantischen Kabels]
  10. Die Flucht zu Gott   [Inhalt: Leo Tolstois Tod]
  11. Der Kampf um den Südpol   [Inhalt: Erste Südpol-Expedition]
  12. Der versiegelte Zug   [Inhalt: Lenins Rückkehr nach Russland]
  13. Cicero   [Inhalt: Cicero kämpft für den Wiederaufbau der Republik]
  14. Wilson versagt   [Inhalt: US-Präsident Wilsons Versagen]

Ob es nun die Eroberung oder die Entdeckung eines zuvor unbekannten Landes ist, der Aufstieg oder Fall eines einzelnen Menschen, eine unerfüllte Liebe oder die Rückkehr eines Mannes zu sich selbst – Stefan Zweig beleuchtet die Schicksale einzelner Personen, die das Gesicht dieser Welt veränderten. Lenin, Cicero, Napoleon; diese Namen sagen den meisten Lesern auf Anhieb etwas, genau wie Dostojewski, Tolstoi oder Goethe. Diesen und anderen biografisch so überhöhten Menschen schenkt Stefan Zweig in seinen Erzählungen ein großes Stück ihrer Menschlichkeit wieder, und zeichnet ein lebendiges Bild unserer Geschichte, wie es poetischer und faszinierender kaum sein könnte.

Tolstoi: Eine Tat verlangt die Welt von mir, endlich Ehrlichkeit, eine klare, reine und eindeutige Entscheidung – das war ein Zeichen! Mit dreiundachtzig Jahren darf man nicht länger die Augen schließen vor dem Tod, man muß ihm ins Antlitz sehen und bündig seine Entscheidung treffen. Ja, gut gemahnt haben mich diese fremden Menschen: alles Nichtstun versteckt immer nur eine Feigheit der Seele. Klar muß man sein und wahr, und ich will es endlich werden, jetzt in meiner zwölften Stunde, im dreiundachtzigsten Jahr.  – S. 194f. | Die Flucht zu Gott

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In verschiedenen Stilrichtungen bringt Zweig den Lesern die verschiedenen Sternstunden näher und trifft mit ihnen ein ums andere Mal einen Nerv – und hat mich mit seinen gut gewählten Worten tief berührt. Eine seiner Geschichten ist verfasst wie ein Theaterstück, ein andermal veranschaulicht ein Gedicht, wie eine einzelne Sternstunde vor so langer Zeit die Welt veränderte. Stefan Zweigs Sprache ist so anschaulich, teilweise so voller Pathos, dass man sich unwillkürlich fragt, wie man Geschichte bisher nur so wenig abgewinnen konnte. Denn sie lebt und pulsiert doch in jedem von uns, ohne, dass wir es merken.

So wird, was vergebens schien, noch einmal fruchtbar, das Versäumte zu rauschendem Anruf an die Menschheit, ihre Energien dem Unerreichbaren entgegenzustraffen; in großartigem Widerspiel ersteht aus einem heroischen Tode gesteigertes Leben, aus Untergang Wille zum Aufstieg ins Unendliche empor. Denn nur Ehrgeiz entzündet sich am Zufall des Erfolges und leichten Gelingens, nichts aber erhebt dermaßen herrlich das Herz als der Untergang eines Menschen im Kampf gegen die unbesiegbare Übermacht des Geschickes, diese allzeit großartigste aller Tragödien, die manchmal ein Dichter und tausendmal das Leben gestaltet. – S. 235f. | Der Kampf um den Südpol

Noch vor vier Jahren hätte ich diesem Buch wahrscheinlich nicht so viel abgewinnen können, weshalb ich unbeschreiblich froh bin, dass es jetzt dank des Klassikerprojekts seinen Weg in meinen Lesestapel und damit in mein Herz geschafft hat. Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich dieses Buch herangezogen habe, und so manches Zitat daraus musste ich auch direkt mit meinen Liebsten teilen. Wer bis jetzt vielleicht um geschichtlich-politische Literatur einen Bogen gemacht hat, dem lege ich dieses Buch mit besonderem Nachdruck ans Herz. Man soll nicht in der Vergangenheit verweilen, aber man kann aus ihr so viel lernen – und ist in diesem Fall auch gleichzeitig wunderbar unterhaltsam.

 



Autor:   Stefan Zweig
Titel:     Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen
Verlag:  Fischer Verlag
Jahr der Veröffentlichung dieser Ausgabe: limitierte Sonderausgabe 2006; Text folgt der Erstausgabe von 1927
Seiten:     304
Genre:     [Klassiker | Historische Erzählungen]



 

Übersicht der 12 Klassiker im Jahr 2019:

Januar:            Aldous Huxley – Brave New World
Februar:          Hermann Hesse – Siddhartha
März:               Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale
April:               Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit
Mai:                 Charles Dickens – Great Expectations
Juni:                 Theodor Fontane – Irrungen, Wirrungen
Juli:                  Jules Verne – Around the World in Eighty Days
August:           Max Frisch – Homo Faber
September:    Bill Bryson – A Short History of Everything
Oktober:         Thomas Mann – Mario und der Zauberer
November:     Henry James – The Portrait of a Lady
Dezember:      E.T.A. Hoffmann – Nussknacker und Mausekönig

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9 thoughts on “12 Klassiker für 2019 | #4 | ‘Sternstunden der Menschheit’

  1. Liebste Ida, das hört sich wirklich fantastisch an! Ich finde es so schön dass du zu diesem Buch gegriffen hast ich werde es auf jeden Fall auch noch genauer anschauen! Danke für diesen Tipp und ich wünsche dir einen guten Wochenstart!

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    1. Liebste Elizzy!
      Sehr gern – ich bin auch sehr froh, dass es mir in die Hände gefallen ist. Sonst würde es vermutlich noch immer ungelesen im Regal einstauben, und das wäre echt richtig schade! 😀
      Dir auch einen super Start in die neue Woche! ❤

      Liked by 1 person

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