Ida schreibt

Writing Friday | Gib Acht, was du dir wünschst

Meine Güte, dieses Jahr habe ich den Writing Friday von  Elizzy aber ganz schön schleifen lassen! Nun also endlich der zweite #writingfriday-Beitrag in diesem Jahr – und damit für mich endlich wieder ein kleiner Abstecher in die Welt der Kurzgeschichten. Heute habe ich mir folgende Aufgabe vorgenommen:

Beschreibe so genau wie möglich ein altes verlassenes Haus, dass sich in einer Moorlandschaft befindet. Versuche dabei folgende Wörter mit in deinen Text einzubauen: Kaffeebohnen, rubinrot, Familiengeheimnis und versunken.

Ich habe schon so viele tolle und inspirierende Geschichten zu dieser Aufgabe gelesen, beispielsweise bei Gabriela, Marillenbär und natürlich bei Elizzy. Hier also meine Interpretation – viel Spaß beim Lesen!



G i b    A c h t ,    w a s    d u    d i r    w ü n s c h s t

Das Knarzen der alten Dielen unter meinen Füßen klingt vertraut in meinen Ohren. Es ist dieses Geräusch, das man mit dem wohligen Gefühl verbindet, irgendwo zuhause zu sein.

Die Kaffebohnen klappern verheißungsvoll, als ich sie in die Kaffeemühle fülle. Mittlerweile ist auch das zu einem Ritual geworden, das tägliche Mahlen von Kaffee, der herb würzige Geruch von zerriebenen Bohnen. Genau wie der morgendliche Blick aus dem Fenster. Nichts als karge Landschaft. Das Moor erstreckt sich zu allen Seiten, egal, aus welchem Fenster des Hauses ich blicke. Der Nebel der Morgenstunden hat etwas tröstliches, denn er verbirgt die Gefahr, die sich dort draußen befindet.

Da! Ich schrecke hoch. Hat sich etwas im wabernden Grau des Nebels bewegt? Hastig greife ich nach dem groben Leinenstoff, den ich neben mir abgelegt hatte. Wie unvorsichtig von mir, wie ganz und gar nachlässig, es zu vergessen! Ich fluche und binde es mir um meinen Kopf, sodass kein einziges Haar meiner rubinroten Mähne sichtbar ist. Hoffentlich hat mich mein Leichtsinn nicht verraten.

Fröstelnd ziehe ich die Weste aus Schafswolle enger um mich und durchquere den Raum, um das Feuer im Ofen zu schüren. Die Kohle glimmt noch schwach. Ich habe mich noch immer nicht an die Kälte gewöhnt. An den Wind, der an den morschen Fensterrahmen rüttelt, der fauchend durch die Ritzen fährt. Ich krieche näher an den wärmenden Ofen, das Gesicht schmerzverzerrt. Die Einsamkeit lässt mich den Schmerz manchmal vergessen. Aber an manchen Tagen macht er sich lautstark bemerkbar, so wie heute.

Mein Gesicht ganz nah am Feuer, schließe ich die Augen. Wenn ich mich nur genug darauf konzentriere, sehe ich es beinah vor mir. Kühles Blau, sich sanft wiegendes Grün, durchbrochen von goldenen Strahlen, die sich in unserem wogenden Haar verfingen und uns wie Perlen schimmern ließen. Sie fehlt mir so sehr, diese versunkene Welt, in die ich nie mehr zurückkehren darf. Wie eine Muschel ihre Perle, so muss auch ich mein Familiengeheimnis hüten. Die Menschen sind grausam und gierig, und ich habe schon genug Unheil angerichtet. Der blutverschmierte Dolch liegt unter einer der Dielen, als eine Mahnung an das, was ich nicht haben konnte und doch so sehr wollte.

Und doch… es war leicht, dieses Opfer zu bringen. Und jetzt bin ich hier, in einem abgeschiedenen Haus im Moor, wo sich niemand jemals hin verirrt, eine Einöde, in der mich keine Menschenseele vermuten würde. Hier werde ich den Rest meines sterblichen Lebens fristen, bis die Geschehnisse des letzten Jahres langsam aber sicher in Vergessenheit geraten.

Manchmal sehe ich sie in meinen Träumen, wie sie auf meine Hütte mit ihrem schiefen Dach zustürmen, bewaffnet mit Schwertern, Netzen und Harpunen. Doch noch schlimmer sind die Träume, in denen ich ihre Stimme höre, uralt und geheimnisvoll wie die tiefe See, wie sie mich an mein blutiges Versprechen erinnert und mich dazu drängt, mich selbst zu retten und meine Liebe zu verraten.

Ich wurde nicht zu Schaum auf den Wellenkronen. Ich kehrte nicht zurück zum Saum des Meeres. Zu sehr hing ich noch an dem, was wohl meine Vorstellung von Menschlichkeit war. Ich hatte Blut an meinen Händen und ein gebrochenes Herz. Die Schuld lag schwer auf meiner Seele, und für immer würden die Sohlen meiner Füße schmerzen, als liefe ich auf zerbrochenem Glas.

Eine salzige Träne rinnt mir über die Lippen. Salzig wie das Meer. Das einzige, was mir von meinem Leben als kleine Seejungfrau noch geblieben ist.


Text: Ida


Hier kommt ihr zum letzten ‘Writing Friday’-Beitrag: ‘Die Entscheidung’

16 thoughts on “Writing Friday | Gib Acht, was du dir wünschst

  1. Liebste Ida! ♥
    Ich LIEBE diese Geschichte! Wirklich und wahrhaftig, sie ist grandios. Ich gebe zu, das Gaiman’sche Herz dachte zuerst an einen Coraline-Hinweis, aber die Geschichte der Seejungfer einzubauen, richtig richtig toll. ♥

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  2. Oooh Ida, das ist aber eine bittersüße Geschichte und wieder so toll geschrieben. Ich finde wirklich, dass du so ein großes Talent für Sprache hast!
    Kennst du die Serie »Penny Dreadful«? In der zweiten Staffel befindet sich die Hauptfigur auch in einem Haus im Moor und lebt dort teilweise auch in großer Angst. Ich hatte bei deinem Text direkt diese Szenen wieder vor Augen! Nur dass die Figur in der Serie keine Seejungfrau ist 🙂
    Ein wirklich schöner Text ❤
    Alles Liebe
    Janika

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    1. Liebste Janika,

      tausend Dank! Das ist ein so großes Kompliment und ich freue mich unendlich darüber! ❤
      Die Serie kenne ich noch gar nicht! Werde mich direkt mal schlau machen, denn das klingt nach etwas, das mir auch seeeehr gefallen könnte. 😀

      Liebste Grüße und dir ein wunderschönes Wochenende!
      Ida ❤

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  3. Huiuiui, schön gruselig! In den ersten Zeilen dachte ich noch: Lustig, wie anders – wie wohlig – du die Atmosphäre gestaltet hat, als man bei der Aufgabe zunächst erwarten könnte. Und dann kam der Dolch unter den Dielen, da hat sich bei mir die Gänsehaut gebildet 🙂

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    1. Danke dir, liebe Katharina! 🙂 Ja… das Meerschaum-Ende fand ich als Kind schon immer so tragisch, aber jetzt hat das noch mal eine ganz andere Dimension angenommen. 😀

      Hab ein schönes Wochenende!
      Ida ❤

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  4. WWWOwww….das ist echt fantastisch geworden. Erst am Ende ahnt man wer sich da versteckt hält und dann die Auflösung.
    Aber der Weg dorthin – sehr gefühlvoll und düster.

    Liebe Grüsse

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