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Rezension | Die Stille meiner Worte

„Ich kann dich nicht festhalten, aber noch weniger kann ich dich loslassen. Wieso hast du mich halb hiergelassen und halb mitgenommen?“

Ava Reed | Die Stille meiner Worte | S. 38

Ihr kennt doch bestimmt diese Bücher, die gefühlt in aller Munde sind, auf allen Regalen stehen und von denen man nur das Beste hört. Man will diese Bücher unbedingt lesen, am liebsten sofort, und dann ist der Moment endlich da, man liest und liest und dann: die Enttäuschung. Man fragt sich: stimmt irgendetwas mit mir vielleicht nicht, dass ich dieses hochgepriesene Buch nicht so sehr lieben kann wie alle anderen? Habe ich irgendetwas übersehen?

Ja, genau so ging es mir mit „Die Stille meiner Worte“ von Ava Reed. So viele Rezensionen hatte ich gelesen, die versprachen, dass dieses Buch einem das Herz bricht, dass es herzzereißend sei und noch so viel mehr. Es wurde zum Herzensbuch gekürt und ich wollte es so sehr auch in mein Herz schließen. Denn die Idee hinter dieser Geschichte ist unglaublich toll und bewegend:

Hannah hat ihre Zwillingsschwester Izzy verloren. Seitdem spricht sie nicht mehr. Tausend Worte trägt sie im Herzen und wirbeln durch ihren Kopf, aber keines davon findet seinen Weg nach draußen. Als ihre Eltern sie in „Sankt Anna“ anmelden, einem Ort für ‚kaputte Dinge‘, beginnt sich alles zu verändern – und Hannah muss herausfinden, wer sie eigentlich in Abwesenheit ihrer engsten Freundin und Schwester ist.  

Beginnen wir doch mit den Aspekten, die ich an „Die Stille meiner Worte“ besonders mochte. Abgesehen vom stimmungsvollen Cover, das einmalig zur Geschichte passt, war ich begeistert von der Playlist, die vor der eigentlichen Geschichte abgedruckt ist. So viele der Songs, die mich durch dunkle Zeiten getragen haben, waren dort aufgelistet und ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, mir zur Einstimmung einige davon anzuhören.

Und ich muss auch sagen, die ersten 50 bis 60 Seiten der Geschichte waren unglaublich gut gemacht. Die Schilderungen zu Hannahs Alltag, den Spannungen innerhalb der Familie, der gewaltigen Trauer, die die Familienmitglieder eher auseinander zu brechen droht anstatt sie zusammenzuschweißen – das alles hat mich unglaublich berührt und ich hatte einen richtigen Klos im Hals.

„Wir alle haben etwas verloren, wahrscheinlich viel mehr als wir benennen können. Das, was uns unterscheidet, ist, dass ich zudem meinen Halt verloren habe – das, was sie noch haben. Ich bin das dritte Rad, das zu viel ist an einem Fahrrad und zu wenig hergibt für ein Auto. Ich bin das Eis in der Antarktis, der Sand in der Wüste, ich bin die Sonne in der Karibik, der Baum im Wald und das Klee im Gras – ich bin etwas, das schon da ist. Sie brauchen mich nicht.“ – S. 37

Dazu zählen auch die Briefe, die Hannah ihrer Schwester schreibt und anschließend verbrennt und einen Einblick in Hannahs Innerstes ermöglichen. Stellenweise traten mir die Tränen in die Augen, weil es so schön geschrieben war und ganz besonders deshalb, weil es sich so nachvollziehbar anfühlte. Der Schmerz war echt und tat auch beim Lesen weh.

StilleWorte1

Und gerade deshalb finde ich es so schade, dass mich der Rest des Buches dann nicht mehr wirklich berühren konnte. Das liegt zum einen daran, dass mir an bestimmten Stellen Formulierungen entgegensprangen, die sich für meinen Geschmack viel zu oft wiederholten. Als dann beispielsweise zum zehnten Mal „ein Lächeln an seinen/ihren Lippen zupfte“, musste ich das Buch tatsächlich genervt weglegen. Das ist, als würde jemand mich die ganze Zeit anstupsen oder kurz an den Haaren ziehen, während ich versuche, in der Stimmung des Buches zu bleiben. Für mich ist es wichtig, dass ich voll und ganz in der Stimmung der Geschichte aufgehen kann, und solche Sachen irritieren mich dann bis zu einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterlesen möchte.

Trotzdem habe ich es natürlich wieder aufgenommen, schließlich wollte ich wissen, ob sich Hannah ihren Dämonen stellt und wie die Geschichte ausgehen wird. Innerhalb von zwei Tagen war das Buch ausgelesen, und ich war schwer enttäuscht. Die Charaktere, teilweise sogar Hannah, blieben mir irgendwie fremd. Es war, als könnte ich sie nur vage sehen und als würde es mich nur am Rande interessieren, was denn jetzt eigentlich aus ihnen geworden ist. Vielleicht wie Leute, die man auf einer Party kennengelernt hat und von denen man einige Jahre später noch einmal etwas hört. Das ist eines der Dinge, die ich bei Büchern einfach nicht missen kann – Charaktere, die mich faszinieren, mit denen ich mitfiebern kann und bei denen es mich brennend interessiert, was mit ihnen im Verlauf der Geschichte geschieht. Und das Gefühl hat mir bei „Die Stille meiner Worte“ einfach gefehlt.

Trotzdem ist es kein schlechtes Buch, es konnte mich nur nicht so berühren, wie ich es mir gewünscht hätte. Denn das Thema ist schmerzhaft und es ist wichtig – ich denke, da draußen sind so viele Leute, die mit survivers guilt, dem Schuldgefühl der Überlebenden, zu kämpfen haben. Die mit der Trauer leben, mit dem fehlenden Puzzleteil, das vorher einen so großen Teil ihres Lebens ausgemacht hat. Dann kann die Geschichte von Hannah helfen und den Mut geben, nach vorne zu blicken und zeigt, dass es ok ist. Dass es ok ist, sein Leben zu leben und zu genießen, auch wenn der andere nicht mehr da ist.

„Da ist plötzlich mehr als sonst. Mehr als Angst, Schuld und Trauer – und ich fühle mich schlecht deswegen. Ich darf nicht zulassen, dass es sich einnistet. Ich muss dagegen ankämpfen. Gegen das Gefühl, das, was es mit mir macht, gegen das Wort mit all seinen acht Buchstaben. Hoffnung.“ – S. 192

 


Autorin:   Ava Reed
Titel:         Die Stille meiner Worte
Verlag:     Ueberreuter Verlag
Jahr der Veröffentlichung:  2018
Seiten:      317

9 thoughts on “Rezension | Die Stille meiner Worte

  1. Hey,

    danke für den tollen Beitrag. Ich habe das Buch auch noch ungelesen hier und bin leider noch nicht dazu gekommen, wobei ich für eine solche Thematik auch immer in Stimmung sein muss. Jedenfalls war es echt ne lange Zeit in aller Munde, und der Hype macht es einem echt schwer, weil die Erwartungen immer größer werden. Ich hoffe dennoch, dass es mich berühren wird. : )

    Liebste Grüße, Stella

    Liked by 1 person

    1. Liebe Stella,

      ich hoffe auch ganz arg, dass es dir gefallen und dich berühren wird! ❤ Gerade durch diesen Hype hatte ich richtig hohe Erwartungen an das Buch… vielleicht hat es mir das ein bisschen kaputt gemacht. 😦 Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen, wenn du in der Stimmung für 'Die Stille meiner Worte' bist – denn da hast du absolut recht, man muss in der richtigen Stimmung dafür sein. 🙂

      Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
      Ida

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  2. Liebe Ida,

    vielen Dank für diese schöne und ehrliche Rezension.
    Mir geht es so wie dir, ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Buch in aller Munde ist – zumindest in meiner, und wie ich sehe auch in deiner, Bloggerblase. Ich hatte bisher auch nur gutes über dieses Buch gehört und dachte mir: Na, gib dir einen Ruck, lies es, so schlimm wird es schon nicht sein. Du musst wissen: Ich mag keine Trauerromane oder generell Bücher, die sich mit dem Tod, dem Verlust geliebter Menschen o. Ä. beschäftigen. Wenn es in der Handlung vorkommt, nagut, aber bitte nicht als Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte. Nunja. Gerade nachdem ich es letztens bei den Herzensbücher wieder erblickt hatte, dachte ich: Na, los jetzt. Aber deine Rezension lässt mich einerseits wieder ein wenig zurückschrecken und in meine Haltung zurückfallen, gleichzeitig macht sie mich aber auch neugierig. Ich finde es unglaublich spannend, wie unterschiedlich dieses Buch aufgenommen wird und schätze, ich muss mir hier einfach eine eigene Meinung bilden.

    Noch einmal, danke für diese Rezension! Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende!

    Herzliche Grüße
    Sabrina

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    1. Liebe Sabrina,

      ich danke dir für deinen Kommentar! Ich muss auch zugeben, ich war ein wenig nervös, bevor ich diese Rezension veröffentlicht habe. Gerade weil so viele Bloggerinnen, deren Meinung ich sehr schätze, dieses Buch so sehr geliebt haben, war es schwer für mich, das Gegenteil zugeben zu müssen.
      Ich hoffe, du entscheidest dich dafür, das Buch zu lesen! Vielleicht gefällt es dir ja sogar super, wie so vielen anderen auch. 🙂

      Übrigens ist mir genau dieser Punkt, den du angesprochen hast, auch aufgestoßen: Trauer, Verlust und Schmerz ist Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman, und manchmal ist es so viel geworden, dass ich diese beschriebenen Gefühle gar nicht mehr wahrnehmen oder ernst nehmen konnte. Das war dann fast zu viel des Guten. Das klingt so komisch, wenn ich das ausschreibe, aber ich hoffe du verstehst, was ich meine. 😀

      Auf jeden Fall bin ich gespannt, ob du dann doch zum Buch greifen wirst – und wie es dir dann letztendlich gefällt. 🙂 Vielleicht hilft es ja schon, wenn es eine Zeit lang nicht mehr in aller Munde ist… 😀

      Liebste Grüße und dir ein wundervolles Wochenende!

      Ida ❤

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  3. Liebe Ida,
    nun bin ich endlich dazu gekommen, deine Rezension zu lesen. Einerseits finde ich es sehr schade, dass dir das Buch nicht so zusagen konnte und dass es dir nicht so gut gefallen hat wie mir, andererseits verstehe ich dich auch. Für mich sind die Figuren auch sehr wichtig. Ich möchte sie verstehen, sie vor mir sehen können und eine Bindung zu ihnen aufbauen.
    Du sagst, dass dir die Charaktere fremd blieben und du sie nur vage sehen könntest. Ich finde, diese Aussage zeigt ganz hervorragend wie unterschiedlich Leser Geschichten wahrnehmen. Denn nur wenn ich an »Die Stille meiner Worte« zurückdenke, fallen mir hundert verschiedene Bilder und Szenen ein. Bei mir hat sich die Geschichte mitsamt Charakteren schon beinahe ins Hirn gebrannt, wenn man so will 😀
    Ich hoffe, dein nächstes Buch kann dich mehr überzeugen ❤
    Alles Liebe und einen tollen Start in die neue Woche!
    Janika

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    1. Liebe Janika,

      da kann ich dir nur zustimmen! ❤ Ich fand es selber ja auch so unglaublich schade, weil ich mich fast schon angestrengt habe, es zu mögen. :'D Und wie gesagt, schlecht finde ich es ja deshalb nicht. Und es ist einfach umso schöner, dass es dich und so viele andere Leser berühren konnte. Ich drücke derweil mal die Daumen, dass mir das nächste Buch von Ava mehr zusagt. 🙂
      Und dein Kommentar zeigt wieder einmal, dass eine Buchdiskussion (trotz Meinungsverschiedenheiten) freundlich und respektvoll ablaufen kann, und ich finde das unglaublich schön. :') Danke dir nochmal für deine ehrlichen Worte!

      Liebste Grüße und eine schöne restliche Woche!
      Ida

      Liked by 1 person

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