Herzensbücher · Ida reflektiert

Herzensbücher #6 | The Bear and the Nightingale

Wir alle kennen sie: die Bücher, die wir innig lieben, die wir jedem weiterempfehlen wollen, die in uns Gefühle geweckt haben, die wir selber kaum fassen können, die uns in Welten entführen, von denen wir nicht zu träumen wagen. Ja, meine Lieben, ich spreche von Büchern, die wir ins Herz geschlossen haben – den absoluten Herzensbüchern. Genau unter diesem Namen läuft seit März dieses Jahres eine neue Beitragsreihe von Janika und Sabrina. Monatlich präsentieren sie uns in liebevoller Aufmachung in weniger als 500 Wörtern ihre Herzensbücher, in der Hoffnung, dass sich diese Bücherliebe verbreitet und solche wunderbaren Bücher mehr Aufmerksamkeit bekommen – und ich schließe mich ihnen auch in diesem Jahr wieder an.

Die klirrend kalte Jahreszeit neigt sich dem Ende zu, und stellenweise wärmt die Wintersonne unsere Gesichter und Gemüter. Genau wie das Buch, von dem ich euch heute vorschwärmen möchte, denn ‚The Bear and the Nightingale‘ ist nicht nur der vielversprechende Auftakt einer märchenhaften Trilogie, sondern es ist auch ein Wintermärchen, wie es faszinierender und in seiner Düsternis schöner nicht sein könnte.

 

BearNightingale4

 

K A T H E R I N E    A R D E N    –    T H E    B E A R    A N D    T H E    N I G H T I N G A L E

The forest of Lesnaya Zemlya was not like the forest around Moscow. It was wilder and crueler and fairer. The vast trees whispered together overhead, and all around, Konstantin seemed to feel eyes.

Katherine Arden | The Bear and the Nightingale | p. 137

 

E s    w a r    e i n m a l   . . .    Wer mich und meinen Blog ein bisschen kennt, der weiß vielleicht schon, dass ich düstere Märchen aller Art liebe. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass mich ‚The Bear and the Nightingale‘ von Katherine Arden so in seinen Bann ziehen konnte. Es ist eine Geschichte, die auf dem großen Fundus der russischen Märchen und Folklore aufbaut, und die man am liebsten eingekuschelt und mit einer dampfenden Tasse Tee bewaffnet liest, während draußen wirbelndes Schneegestöber herrscht.

Im Norden Russlands, wo es die meiste Zeit des Jahres über bitterkalt ist und die Dorfbewohner am Rande der Wildnis den erbarmungslosen Witterungen ausgeliefert sind, da erzählt eine Amme den Kindern altbekannte Geschichten von Zauberei, magischen Kreaturen und dem Winterkönig, der den Tod bringt. Es sind Märchen voller alter Magie, und die werden von der Kirche gar nicht gern gesehen. Doch für Vasya sind diese Märchen sehr viel mehr als nur Geschichten, die man sich am Kaminfeuer erzählt. Denn sie sieht die kleinen Dämonen, die in den Stallungen oder im Ofen sitzen und sie aus glühenden Augen ansehen…

Vasya felt cold despite the steam. “Why would I choose to die?”
“It is easy to die,” replied the bannik. “Harder to live.” 

Mit dieser Geschichte hat Katherine Arden aus den schimmernden Fäden russischer Folkore ein Märchen gewoben, das mich garantiert noch lange beschäftigen wird. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und alten Erzählungen wie frische Schneewehen, und mit der Einmischung der Kirche in das Geschehen bewegt sich die Situation der Dorfbewohner immer mehr auf eine große Eskalation zu. Man schmeckt den schwelenden Konflikt förmlich auf der Zungenspitze und die Finger beginnen zu kribbeln, wenn Vasya in den Gefilden ihrer Heimat auf Kreaturen trifft, die sie nur aus  den Erzählungen ihrer Amme kennt und eigentlich gar nicht sehen dürfte.

There was a mist on the ground the next morning. The light of the rising sun turned it to fire and smoke, striped with the shadows of trees. The girl greeted Konstantin with a wary, glowing face. She was like a spirit in the haze.

Es ist eine Geschichte über Mut und Stärke, über den Glauben an die Kräfte einer Welt, die nicht allen sichtbar ist, gehüllt in einen wunderbar bildhaften und fast schon poetischen Erzählstil. Aber es ist auch eine Geschichte über das anders sein, über Fanatismus, über Angst und Eifersucht, über Intrigen und Ungerechtigkeit und die tiefe, tiefe Einsamkeit einer verschneiten Landschaft im russischen Norden.

Wer düsteren Märchen sein Herz geschenkt hat, der wird sich auch in diesem wunderbaren Herzensbuch verlieren und atemlos, mit von der Kälte geröteten Wangen und Schneeflocken im Haar aus der Geschichte wieder auftauchen.

 


 

Andere wunderbare Herzensbücher in diesem Monat findet ihr hier:

 

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12 thoughts on “Herzensbücher #6 | The Bear and the Nightingale

  1. Liebe Ida,
    und wieder wandert eine Empfehlung von dir auf meine Wunschliste! »The Bear and the Nightingale« klingt wirklich hervorragend und nach einer ganz besonderen Geschichte … Das ganze Setting, die düstere Atmosphäre und dann noch russische Folklore. Das ist für mich persönlich ja auch absolutes Neuland. Kein Wunder, dass das Buch für dich ein absolutes Herzensbuch ist ❤
    Alles Liebe
    Janika

    Liked by 1 person

    1. Liebe Janika,

      das freut mich riesig! Ich habe es erst letzte Woche ausgelesen und würde am liebsten sofort weiterlesen. Es hat einfach perfekt zu den kalten Wintertemperaturen gepasst 🙂 Und zuvor habe ich einen kleinen Einblick in die russische Märchenwelt bekommen, und dann war das natürlich wie Weihnachten für mich. 😀 Dieses Genre solltest du wirklich mal ausprobieren, es ist einfach schön. ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  2. Liebe Ida!
    Dieses Buch hab ich schon einige Male ins Auge gefasst und bin nun umso mehr drauf und dran, es endlich an mich zu reißen! Diese düstere Märchenwelt Russlands, die du da beschreibst, klingt außerordentlich ansprechend für mich. Du siehst mich nun Zettel und Stift zücken und mir das Buch notieren. 🙂

    Alles liebe!
    Gabriela

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    1. Juhuuu liebe Gabriela, da führe ich direkt mal ein kleines Freudentänzchen auf! 😀 Finde ich super, dass nicht nur meine Liste ständig wächst, wenn ich deinen Blog besuche, sondern dass es dir gerade auch ein bisschen so geht. 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  3. Liebe Ida,

    ich freue mich, dass du auch in diesem Jahr wieder mit dabei bist. Auf ein weiteres schönes Jahr voller Herzensbücher!
    Ich habe dein Herzensbuch schon sooft gesehen und ich muss wirklich sagen, dass ich mich von der ersten Minute an in das Cover verliebt habe. Ich finde es einfach wunderschön! Leider kann ich persönlich mit Märchen nichts anfangen, weswegen das Buch es auch nicht in mein Bücherregal geschafft hat. Nach deiner Buchvorstellung kann ich aber sehr gut nachvollziehen, wieso es zu einem Herzensbuch von dir geworden ist und dass es einen Ehrenplatz in deinem Regal erhalten hat!

    Herzliche Grüße & ein schönes Wochenende
    Sabrina

    Liked by 1 person

    1. Liebe Sabrina,

      ich freue mich auch schon so darauf, dank eurer Herzensbücher-Beiträge ganz viele großartige Bücher zu entdecken! ❤

      Da ging es mir wirklich wie dir – das Cover allein ist schon ein Traum, und eine Zeitlang war Instagram voll damit. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen, gerade weil ich Märchen so mag. 😀 Aber ich kann verstehen, warum es dich nicht vollständig überzeugen konnte – wenn man Märchen nicht wirklich etwas abgewinnen kann, dann quält man sich vielleicht nur durch die Geschichte. Und das wäre dann einfach nur schade. 😀

      Hab ein wunderbares Wochenende!

      Liebste Grüße,
      Ida

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