Herzensbücher · Ida reflektiert

Herzensbücher #5 | Das Orangenmädchen

Wir alle kennen sie: die Bücher, die wir innig lieben, die wir jedem weiterempfehlen wollen, die in uns Gefühle geweckt haben, die wir selber kaum fassen können, die uns in Welten entführen, von denen wir nicht zu träumen wagen. Ja, meine Lieben, ich spreche von Büchern, die wir ins Herz geschlossen haben – den absoluten Herzensbüchern. Genau unter diesem Namen läuft seit März dieses Jahres eine neue Beitragsreihe von Janika und Sabrina. Monatlich präsentieren sie uns in liebevoller Aufmachung in weniger als 500 Wörtern ihre Herzensbücher, in der Hoffnung, dass sich diese Bücherliebe verbreitet und solche wunderbaren Bücher mehr Aufmerksamkeit bekommen – und ich schließe mich ihnen an.

Heute mit einem ganz besonderen Buch, das aus verschiedenen Gründen perfekt zur Weihnachtszeit und dem kommenden neuen Jahr mit all seinen Vorsätzen, neuen Anfängen und offenen Türen passt: Mein liebstes Buch vom Norweger Jostein Gaarder, ‚Das Orangenmädchen‘.

Orangenmädchen2

 

J O S T E I N    G A A R D E R    –    D A S    O R A N G E N M Ä D C H E N

 

„Behaupte bloß nicht, die Natur sei kein Wunder. Erzähl mir bloß nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht gesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits seinem Ende nähert. Denn dann bekommen wir eine letzte Möglichkeit, uns die Scheuklappen abzureißen, eine letzte Möglichkeit, uns diesem Wunder hinzugeben, von dem wir nun Abschied nehmen und das wir verlassen müssen.“

Jostein Gaarder | Das Orangenmädchen  |  S. 143

 

Es gibt Bücher, die kommen wie gerufen. Die sind wie ein Trostpflaster, mit dem man nicht gerechnet hat, wie Balsam für die Seele. Man beendet das Buch, schließt die Augen, spürt noch die feuchten Tränenspuren auf der Haut und kann dennoch aufatmen. Man weiß gar nicht wohin mit seinem Glück, und ist voller Dankbarkeit für dieses kleine und doch so gewaltige Buch. Genau so ging es mir mit ‚Das Orangenmädchen‘ von Jostein Gaarder. Es ist schon lange her, dass ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt und mich diese Geschichte zum allerersten Mal tief in der Seele berührte. Nun las ich es ein zweites Mal, und ich bin unendlich dankbar für jede einzelne Zeile in diesem Buch.

Georg ist fünfzehn Jahre alt und hat mit vier Jahren seinen Vater verloren. Nun schreibt er gemeinsam mit diesem Mann, den er kaum kannte, ein Buch. Wie das gehen soll? Elf Jahre nach dem Tod seines Vaters taucht ein Brief auf, den dieser seinem nunmehr großen Sohn kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Georg beschließt, den Brief zu lesen und auf die Worte seines Vaters zu antworten. Denn der erzählt ihm in diesem Brief nicht nur vom geheimnisvollen Orangenmädchen, sondern stellt Georg – und gleichzeitig dem Leser des Buches – eine bedeutende Frage, die sowohl Georg als auch der Leser für sich beantworten müssen.

„Zwischen uns liegt ein verzaubertes Tal, das du soeben auf deinem Lebensweg hinter dich gebracht hast, in dem ich dich jedoch niemals sehen durfte. Ich muss trotzdem versuchen, mich an diesen Vormittagen, die du im Kindergarten verbringst, auf das Jetzt zu konzentrieren – und auf den Moment, in dem du das hier irgendwann lesen wirst und der nur dir gehört.“ – S. 22

Dieses Buch ist ein einziger Liebesbrief: an das Orangenmädchen, an die Familie, aber vor allem ist es eine Liebeserklärung an das Leben selbst. Und das, ohne jemals kitschig zu werden. ‚Das Orangenmädchen‘ zu lesen hinterlässt ein ganz unbeschreibliches Gefühl: es ist wunderschön, erheiternd, traurig, bewegend, regt zum Nachdenken an und ist vor allem eines: erfüllend.
Jostein Gaarders Zeilen haben mich aufgebrochen und zum Ende hin wieder neu zusammengefügt. Ich habe bitterlich geweint und ein Taschentuch nach dem anderen hinter mich geschmissen, als ich bei den letzten Seiten ankam, aber es waren Tränen der Erleichterung und der Dankbarkeit, als hätte jemand einen riesigen Stein von meiner Brust genommen, von dem ich gar nicht wusste, dass er auf mir lastet.

„Ich habe von meinem Vater eine tiefe Trauer geerbt, eine Trauer darüber, dass ich diese Welt irgendwann verlassen muss. Ich habe gelernt, an ‚Abenden wie diesen‘ zu denken, ‚die ich nicht mehr leben darf‘. Aber ich habe auch einen Blick dafür geerbt, wie wunderbar das Leben ist.“ – S. 182f.

Ganz ehrlich, und auch wenn das vielleicht sehr persönlich ist, aber ‚Das Orangenmädchen‘ war in dem Moment, als ich es las, mein Silberstreif am Horizont. Und egal, was man aus der Lektüre dieses Buches mitnimmt, eines ist sicher: Jostein Gaarder versteht es, die Dinge auf den Punkt zu bringen und einem vor Augen zu führen, welch ein Glück man hat. Und wenn es nur das Glück ist, dieses Buch gelesen zu haben und sich einiger Dinge bewusst geworden zu sein. Oder, um es mit Gaarders Worten zu sagen: Lucky you!

 


Andere wunderbare Herzensbücher in diesem Monat findet ihr hier:

 



Unglaublich, aber wahr: dies ist der letzte Herzensbücher-Beitrag in diesem Jahr! Deshalb findet ihr hier gleichzeitig noch die Links zu den vier anderen Herzensbüchern, die ich euch in dieser Beitragsreihe von Janika und Sabrina vorgestellt habe. Viel Spaß beim Stöbern!

Herzensbücher #1:    Richelle Mead – Soundless
Herzensbücher #2:    J. L. Anderson – Tiger Lily
Herzensbücher #3:    Michael Ende – Die unendliche Geschichte
Herzensbücher #4:    Erika Johansen – The Queen of the Tearling

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7 thoughts on “Herzensbücher #5 | Das Orangenmädchen

  1. Liebe Ida,
    schon der erste Absatz unter dem zuerst genannten Zitat hat gereicht: Ich brauche dieses Buch! Ich liebe Bücher, die einen so sehr bewegen und etwas im Leser auslösen. Ich meine, mich bewegen viele Bücher, aber die Art, die du beschreibst, kenne ich gut und ich kenne sie nur von sehr wenigen Büchern in meinem Regal. Es ist einfach eine ganz besondere Art Buch und du hast meine volle Unterstützung – so ein Buch ist ein wahres Herzensbuch. Ich glaube, du hast mir mit diesem Buch auch die Wahl für mein Herzensbuch im Januar abgenommen 😛 Ich habe nämlich auch so ein Buch, das ich erstmal sacken lassen musste, nachdem ich es gelesen habe 🙂
    Ich habe von Jostein Gaarder bisher nur – wer hätte es gedacht! – »Sofies Welt« gelesen, das fand ich aber auch schon immer sehr spannend und interessant. Er hat meiner Meinung nach einen ganz besonderen Ausdruck. Seine Art des Erzählens wohnt eine Ruhe inne, die gleichzeitig etwas wachrüttelt.
    Alles Liebe,
    Janika

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    1. Liebe Janika,
      das freut mich ganz ungemein! Ich hatte das Gefühl, ich muss ein wenig Jostein-Gaarder-Liebe auf meinem Blog verteilen, nachdem mich das Buch so mitgenommen hat. 🙂
      Und du hast Recht, es gibt nur eine Handvoll Bücher, die einen so berühren, dass sie einem noch ganz lange danach im Kopf und im Herzen herumgehen. Und gerade deshalb freue ich mich jetzt umso mehr auf dein Januar-Herzensbuch und bereite schon mal mental meine Wunschliste auf Expansion vor! 😀
      Und jetzt stell dir mal vor: ‘Sofies Welt’ habe ich von ihm tatsächlich noch nicht gelesen, obwohl es in meinem Regal steht! Das ist mir erst neulich aufgefallen, da war ich erstmal platt. 😀 Aber der Januar kommt, und dann wird Sofies Welt gelesen, komme was wolle! Genau wie du schon geschrieben hast, ist es genau diese ruhige Dringlichkeit und Intensität, die mich an Jostein Gaarders Büchern so fasziniert und die einen auch unweigerlich dazu bringt, über bestimmte Dinge nachzudenken.

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Das hast du schön gesagt! Genau so ist es 😊 Ich habe auch eine ganze Weile an Sofies Welt gesessen, muss ich sagen. Das ist ja echt ein ganz schöner Brocken und auch thematisch war es für mich kein Buch, dass ich mal eben nebenbei gelesen habe 😌😌

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      2. Ohja, ich glaube, ich habe vor etlichen Jahren mit ‘Sofies Welt’ begonnen, bin aber nie über die ersten Seiten gekommen, wenn ich mich recht erinnere. Aber da war ich ja noch klein! 😀 Ich werde mir einfach genug Zeit einplanen, um dieses Buch angemessen aufzunehmen. 😀 ❤

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