Ida schreibt

#WritingFriday [23]: “Im umgekehrten Drang der Zeit”

Guten Morgen allerseits! Ich kann es kaum glauben, dass der heutige Beitrag zum #WritingFriday von Elizzy der letzte ist, bevor wir uns auf das Dezemberspecial freuen dürfen! Eigentlich bin ich momentan nicht wirklich in Schreiblaune, aber wie es meist so ist, hatte ich beim Durchlesen der Aufgaben eine interessante Eingabe. Und da wäre es doch schade, den Moment verstreichen zu lassen… deshalb habe ich für diesen Freitag folgende Aufgabe gewählt:

„Wenn du zwischen den Fähigkeiten „Fliegen“, „Durch die Zeit reisen“, „Gedanken lesen“ und „Zaubertränke herstellen“ wählen könntest, welche würdest du haben wollen und was würdest du damit anstellen?“


 

Im umgekehrten Drang der Zeit

Die Welt ist erfüllt von Nebel und Nieselregen, der sich kalten, klammen Fingerspitzen gleich in meinen Haaren verfängt. Ein Wölkchen bildet sich vor meinem Mund, als ich versuche, ruhig auszuatmen. Vielleicht habe ich Glück, und dieser Moment, in dem ich gelandet bin, ist ein angenehmer. Oder zumindest einer, der mit mir nicht viel zu tun hat. Mein Lachen klingt hohl. Wem will ich etwas vormachen? Jeder Moment hat irgendwie mit mir zu tun.

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass es Fluch und Segen zugleich ist, durch die Zeit reisen zu können. Oder zu müssen, wie es bei mir der Fall ist. Ich muss mich dem Schönen hingeben und dem Schlimmen aussetzen, denn wenn ich dem Kribbeln in meinen Handgelenken und dem Gefühl, mein Kopf würde aus allen Nähten platzen, nicht folge – Symptome, die mir eine Zeitreise ankündigen – dann geschehen schreckliche Dinge. Ich muss es wissen. Ich habe mich oft genug dagegen gewehrt, in alte Zeiten geschleudert zu werden, an die ich keine oder zumindest andere Erinnerungen habe und Dinge wieder und wieder zu erleben, die mein Leben zu dem gemacht haben, was es ist. Und es ist nie gut für mich ausgegangen.

Aber die Alternative, dem umgekehrten Drang der Zeit zu folgen, ist nicht besser. Ich sehe Menschen, die mein Leben bereichert haben, sterben. Wieder und wieder und immer wieder. Und noch schlimmer, ich sehe sie leben. Ich sehe sie, jung und voll pulsierendem Leben. Ich sehe Momente voller Glück, die kleinen und die großen Momente, an die man sich gern erinnert und in denen man am liebsten verweilen möchte. Doch es ist alles Lug und Trug. Das Leben ist dazu da, dass Menschen kommen und gehen, dass sich Dinge ändern und man sich von Verlusten erholt. Dass man weitermacht. Man glaubt nicht, wie sehr das Herz bluten kann, wenn man wiederholt in diesen wundervollen Moment zurückgeworfen wird, wissend, dass er unwiederbringlich vorbei und der Mensch, der diesen Moment ausgemacht hat, schon lange nicht mehr ist. Man kann nicht ewig trauern, es macht einen krank.

Mich zumindest. Ich merke es an kleinen Dingen in meinem Alltag. Es beginnt mit Kopfweh und endet in Schlaflosigkeit, Unruhe, grundlosem Weinen und einer weiteren Prise Verzweiflung. Und doch lande ich immer wieder aufs Neue in solchen Momenten. Und ich will auf den Moment zurennen und weinend vor Glück und Trauer und Verzweiflung meine Arme um denjenigen schlingen, der da gerade seines Weges geht, will in den wolligen Mantel weinen, will nie wieder loslassen. Ich habe es einmal versucht, wisst ihr. Ich weiß noch, wie mir heiße Tränen die Sicht verschleierten und mir das Herz bis zum Halse schlug und förmlich aus meiner Brust herausbrechen wollte. Ich sah nichts außer dieser einen Person. Ich rannte mit wirren Haaren und wildem Schluchzen, und warf mich mit voller Wucht diesem Menschen entgegen, bereit, aufgefangen zu werden. Lautlos fiel ich durch diesen Moment hindurch und landete schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen. Ich war in einer anderen Zeit, ja, ich durfte, nein, ich musste sehen und dabei fühlen, wie mein Herz zerbarst. Doch berühren konnte ich nicht. Ich war unsichtbar für jeden anderen außer mir selbst. Niemand sah mein verweintes Gesicht, in dem einzelne wirre Strähnen klebten und das ungläubig die Szenerie vor sich betrachtete.

Viele Menschen wünschen sich, durch die Zeit reisen zu können. Wenn ich könnte, würde ich diese Fähigkeit liebend gerne abgeben, oder wenigstens gegen eine andere eintauschen.

Denn das Zeitreisen ist mein Fluch und es wird mich noch mein Leben kosten.

 


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [22]: “Und dort oben geht die Welt zugrunde”

 

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4 thoughts on “#WritingFriday [23]: “Im umgekehrten Drang der Zeit”

    1. Danke für deine lieben Worte! Ich mag es irgendwie, eine Szene oder Stimmung zu beschreiben, deren Kontext der Leser selbst ‘bestimmen’ kann, weil ich selber keinen oder nur wenig davon vorgebe. Freut mich, dass es bei dir Anklang gefunden hat! 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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