12 Klassiker im Jahr · 2018 · Klassiker

6 Klassiker für 2018 | #6 | Thomas Mann– ‘Buddenbrooks’ | Rezension

„Wir sind, meine liebe Tochter, nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach Rechts und Links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen Überlieferung folgten.“ 

Thomas Mann | Buddenbrooks | S. 146

Nun ist es soweit und ich kann euch den sechsten und letzten deutschsprachigen Klassiker in diesem Jahr vorstellen: die knapp 760-seitige Familiensaga ‚Buddenbrooks‘ von Thomas Mann, die im Jahre 1901 erstmals veröffentlicht wurde. Zu Beginn dieses Jahres hatte ich mich dazu entschlossen, im November den Wälzer von Thomas Mann in Angriff zu nehmen, nachdem ich vor einer Weile im Studium in einem Literaturarbeitsbuch die ersten Seiten aus dem Roman gelesen hatte. Die kleine Tony Buddenbrook mit ihrer Familie hatte mich in ihren Bann gezogen, und jetzt, nachdem ich es gelesen habe, bin ich noch immer fasziniert von der Komplexität der einzelnen Protagonisten und deren individuellen Schicksalen.

‚Buddenbrooks‘ erzählt vom Leben und Untergang der Familie Buddenbrook, wie auch der Untertitel des Romans, Verfall einer Familie, voraussagt. Eine hanseatische Kaufmannsfamilie, die darum bemüht ist, ihre Familie und die familieneigene Firma zu Wohlstand und Ansehen zu bringen und dies unter allen Umständen zu erhalten und all die Hindernisse, ob selbstverschuldet oder nicht, die sich den Familienmitgliedern in den Weg stellen.

Eine Familie muß einig sein, muß zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür…“  – S. 48

Auch wenn sich die Geschichte an einigen Stellen doch recht zog und ich während so mancher Textpassage das Gefühl hatte, endlich zum Ende kommen zu wollen, gab es Aspekte in ‚Buddenbrooks‘, die mich beim Lesen sehr beeindruckt haben. Neben der komplexen Ausgestaltung der Protagonisten fand ich es spannend und unterhaltsam, auf veraltete Redewendungen zu stoßen und musste zwischendurch sogar kichern, denn einen Ausdruck wie ‚Das putzt ganz ungemein‘ (= aka. das sieht schön aus) habe ich noch nie gehört und überlege tatsächlich, es ab und zu in meinen Sprachgebrauch zu übernehmen. Es klingt einfach zu ulkig! Abgesehen davon empfand ich es auch schon fast als unangenehm, während bestimmter Passagen von Hypochondrie und anderen psychischen Bedrängnissen zu lesen, so realistisch war die Darstellung. Bei solchen Themen in Büchern winde ich mich momentan ein bisschen. Das muss man wahrscheinlich selber abkönnen, aber für alle anderen sind solche Textstellen doch ganz schön anstrengend, ich musste das Buch ab und zu beiseite legen um ein wenig Luft zu schnappen.

„Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte… Ich werde leben! sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte.“ – S. 656

Der Verfall einer Familie – das ist im Buch ‚Buddenbrooks‘ tatsächlich Programm. Zu lesen, wie sich eine Familie durch ihre Entscheidungen immer mehr in die Bredouille bringt und die Idylle der wohlhabenden Kaufmannsfamilie hinter der eh schon maroden Fassade zu bröckeln beginnt, ist verstörend und interessant zugleich. Selbst wenn diese Entscheidungen für das scheinbare Wohl der Familie getroffen werden, so ist es fast schon herzzereißend, diesen Protagonisten, die man trotz ihrer Eigentümlichkeit und ihrer Ecken und Kanten gerne hat, bei ihrem unausweichlichen Gang in den Untergang zuzusehen. Ein Klassiker, der es in sich hat. 

Auch wenn ‚Buddenbrooks‘ das Buch ist, mit dem Thomas Mann ganz typisch assoziiert wird, möchte ich noch mehr von dem Autor lesen, denn sein Schreibstil mit dem versteckten Humor und der gelungenen Figurenzeichnung haben es mir angetan. Und das trotz der Länge (dank ausführlichster Beschreibungen), die mich bei diesem Buch tatsächlich ein wenig gestört hat.  Im Übrigen kann ich jedem, der überlegt, die Buddenbrooks zu lesen und den die Länge vielleicht ein wenig abschreckt, das Hörbuch, gelesen von Gert Westphal, empfehlen. Der Mann liest unfassbar gut und bringt die verschiedenen Protagonisten mit großartig gesprochenen Dialekten mehr als unterhaltsam zum Leben.

„Bald nach dem Einzug des neuen Direktors war auch unter den vortrefflichsten hygienischen und ästhetischen Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt begonnen und Alles aufs Glücklichste fertig gestellt worden. Allein es blieb die Frage, ob nicht früher, als weniger Komfort der Neuzeit und ein bißchen mehr Gutmütigkeit, Gemüt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen in diesen Räumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und segenvolleres Institut gewesen war…“ – S. 722


Autor:   Thomas Mann
Titel:     Buddenbrooks – Verfall einer Familie 
Verlag:  Fischer Taschenbuch Verlag
Jahr:      1901;    54. Aufl.: 2004
Seiten:    759
[Genre:  Roman / Familiensaga /Fiktion / Klassiker]


 

Im Rahmen der 6 Klassiker für 2018 gelesen und rezensiert:

1.   Ö d ö n    v o n    H o r v á t h    –    J u g e n d    o h n e    G o t t
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2.   B e r t o l t    B r e c h t               –     M u t t e r    C o u r a g e    u n d     i h r e    K i n d e r
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3.   H e r m a n n    H e s s e            –     D e r    S t e p p e n w o l f
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4.   S t e f a n    Z w e i g                   –     S c h a c h n o v e l l e
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5.   D a n i e l    K e h l m a n n        –    D i e    V e r m e s s u n g    d e r    W e l t
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6.   T h o m a s    M a n n                 –     B u d d e n b r o o k s


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