Ida schreibt

#WritingFriday [22]: “Und dort oben geht die Welt zugrunde”

Guten Morgen, liebe Schreiberlinge! Letzte Woche habe ich ausgesetzt, aber heute früh hatte ich richtig Lust, in die Tasten zu hauen und eine Geschichte zu schreiben. Für den heutigen #WritingFriday von Elizzy habe ich mir deshalb ohne zu Zögern die folgende Aufgabe herausgesucht:

„Erzähle wie die Welt aussehen würde, wenn es überall nur noch eine Jahreszeit geben würde.“

Wie immer wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen – und schaut natürlich auch bei den anderen Teilnehmern vorbei, die ihr auf Elizzys Seite zum Writing Friday findet. ❤

 


Und dort oben geht die Welt zugrunde

Mein Name ist Summer und ich lebe unter der Erde.
Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass die Menschen früher oberhalb der Erde gelebt haben. Dass sie Straßen befuhren, über frühlingsgrüne Wiesen liefen und mit in den Nacken gelegtem Kopf den Himmel betrachteten. Dass sie eins waren mit der Natur, dass es so viele Pflanzen, Tiere und verschiedene Habitate gab, dass sie eine gewaltige Anzahl Nachschlagewerke füllte. Dass man in Büchern las, rechteckigen Dingern aus Papier, und knisternde Seiten von Hand umblätterte. Doch das ist schon lange her.

Schon bevor meine Urgroßmutter an einer schwachen Lunge starb, war unser Abstieg in das Erdenreich in vollem Gange. Die Erdoberfläche war schon lange nicht mehr wirklich bewohnbar, aber bis alle diese Tatsache einsahen, war es für viele einfach zu spät. So auch für meine Uroma. Sie starb, ihr rasselnder Atem eins mit dem Sterben der Bäume um sie herum. Mein Urgroßvater fand sie in ihrem Garten liegend, mit leblosen Augen in einen Himmel starrend, der wohl einmal blau gewesen war.

Man sagt, dass während des Zeitraums unseres Rückzuges in den Untergrund ungefähr so viele Menschen starben wie während der Massenvernichtung unter dem Naziregime. Aber dass es schon viel früher begann, das erwähnt hier keiner mehr. Einzig die Erzählungen meiner Mutter, die ich schon so oft gehört habe, dass ich sie auswendig aufsagen kann, erzählen eine andere, viel grausamere Geschichte.

Über Jahrzehnte hinweg gab es ein Aussterben der Tier- und Pflanzenwelt, und nur wenige schien das zu interessieren. Verschmutzte Gewässer, ungefilterte Luft, saurer Regen. Die Natur war am Ende. Die Jahreszeiten verschoben sich dramatisch. Meine Mutter erzählte von monatelanger anhaltender Hitzewelle, von Dürreperioden ohne einen Tropfen Regen. Von Waldbränden und verendeten Tieren, die in der sengenden Hitze nichts zu trinken fanden. Die, die diesen elendig heißen Sommer überlebten, suchten im Herbst vergeblich nach Nahrung. Die Natur war ausgelaugt, zu lange hatte man zu viel von ihr genommen und zu wenig zurückgegeben. Es soll Weihnachtsfeste gegeben haben, an denen die Welt unter einer glitzernden Schneedecke lag, und für viele war es das Schönste, was in der Winterzeit passieren konnte. Doch auch das liegt weit, weit in der Vergangenheit. Ich kann es mir nicht einmal vorstellen, was daran schön sein soll. Schnee und Eis ist mitunter der Grund, warum wir nicht mehr nach oben können.
Nie mehr, so sagen sie.

Der Bau der unterirdischen Welt, in der wir jetzt leben, hatte nach den verheerendsten Umweltkatastrophen begonnen, als immer mehr kleine Inseln im Meer verschwanden, Tsunamis die Küsten heimsuchten und Wirbelstürme immer häufiger das Hab und Gut der Menschen zerstörte. Doch auch hier war die Uneinsichtigkeit unserer Vorfahren fatal: denn als nach langer Zeit der erste Schnee fiel, war es Ende Mai. Die Welt versank, so sagt zumindest meine Mutter, unter einer dicken Decke aus Schnee, und die kalten Temperaturen, die darauf folgten, verwandelten die Schneelandschaft in eine Eislandschaft, die alles unter sich begrub und zu ersticken drohte. Wie viele starben, weil nicht genug Platz unter der Erde war. Wie viele erfroren in der Kälte, wie viele starben an den Folgen, während sie sich schon unter Tage befanden und in Sicherheit wähnten.

Seit Jahren war keiner mehr da oben. Es ist zu gefährlich, sagen sie. Seit das letzte Forscherteam vor fünf Jahren nicht von ihrer Mission zurückkehrte, harren wir hier aus, voller Angst und Entsetzen darüber, was das für uns bedeutet.

Mein Name ist Summer, und ich lebe unter der Erde. Wie lange noch, ist ungewiss.


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [21]: “Die Nacht der Nächte”

 

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6 thoughts on “#WritingFriday [22]: “Und dort oben geht die Welt zugrunde”

  1. Guten Morgen liebe Ida, welch fabelhafte Idee und düstere wie auch faszinierende Geschichte ! Ich hoffe ja sehr das es nie so weit kommt und sich unsere Erde erholt!
    hab ein tolles Wochenende!

    Liked by 1 person

    1. Danke dir, liebe Katharina!
      Und du hast recht – wenn man mal darüber nachdenkt, sind wir eigentlich schon längst mittendrin in einer Klimakrise. Bin gespannt, wie lange das noch so geht, ehe die Worte der Umweltforscher bei den Obrigkeiten auf Gehör stoßen. :/
      Oh und der Titel war ein echter Glücksgriff! Ich habe da auch ganz oft meine Probleme, etwas zu finden, was zum Text passt und gleichzeitig nicht zu viel verrät. Da freut es mich dann natürlich umso mehr, wenn es denn dann mal gelingt! 😀
      Liebste Grüße,
      Ida ❤

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