Idas Teekränzchen

Idas Teekränzchen #24 | Klassiker lesen: Warum Kontext so wichtig ist

Wer kennt sie nicht, die Listen der „Klassiker, die man unbedingt gelesen haben muss“? Letztes Jahr hatte ich beschlossen, mir für jeden Monat des Jahres 2018 einen Klassiker vorzunehmen. Jetzt stehen nur noch 2 Klassiker auf der Liste, zehn Klassiker habe ich bereits gelesen und rezensiert. Und dabei ist mir eines immer wieder aufgefallen: Ganz egal, ob man moderne Klassiker liest oder solche aus längst vergangenen Jahrhunderten, und diese dann entweder in der Schule, Uni oder in der Freizeit liest, eines steht fest: der historische Kontext ist dabei unerlässlich für das Verständnis der jeweiligen Lektüre.

Denn ein Buch existiert nicht einfach nur in einem luftleeren Raum, es lebt von vielen Aspekten: beispielsweise von den Erfahrungen, Kenntnissen und Wertvorstellungen sowohl des Lesers als auch des Autors, sowie von den literarischen, kulturellen, sozialen, historischen oder politischen Diskursen, in die das Buch unweigerlich eingebettet ist. Viele Klassiker enthalten deshalb eine Art Einführung in die Hintergründe der jeweiligen Texte. Ich finde das großartig! Man erfährt, in welchem Jahrhundert ein Werk entstanden ist und unter welchen Umständen es verfasst und veröffentlicht wurde.

War der Autor ein Mann oder gar eine Frau hinter einem männlichen Pseudonym?
Wenn letzteres, warum und wie hat sich das auf das Werk und seine Rezeption ausgewirkt?
Welche Wünsche, Ängste und Sehnsüchte prägten die Schriftsteller und ihre Mitmenschen?
Welche Gesellschaftskritik verbirgt sich in der Handlung, welche Motive sind besonders typisch für ein Genre und eine bestimmte Zeit?

Ich finde es unglaublich spannend, welche Schätze ein Klassiker beherbergen kann und wieviel man über das Leben der Schriftsteller und über die Literatur vergangener Zeiten erfahren kann, wenn man nur tief genug gräbt und sich intensiv damit auseinandersetzt.

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Natürlich kann man einen Klassiker von einer modernen Leserhaltung aus langweilig finden oder nur wenig Freude beim Lesen empfinden, weil ein bestimmter Schreibstil anstrengend ist oder langatmig, genau wie bei jedem anderen Buch auch. Man darf schließlich nicht vergessen, dass es beim Bücherlesen immer noch um subjektiven Geschmack und bestimmte, individuelle Präferenzen geht, und dass es zum Großteil privilegierte, reiche Männer waren, die damals bestimmte (meist von männlichen Autoren verfasste) Bücher als ‚Klassiker‘ betitelten, die nur der Elite zugänglich und für diese verständlich war. Zum Glück ist dies seit einigen Jahrzehnten nicht mehr der Fall und auf einem deutlichen Weg der Besserung, indem auch herausragende Werke von Frauen (z.B. Virginia Woolf) und Minderheiten (religiöse, politische, …) in den sogenannten ‚Kanon‘ der Klassiker übernommen wurden.

Fernab von Literaturkursen oder Lesezirkeln, in denen Werke stundenlang auf verschiedene Diskurse, Motive und Strukturinhalte hin durchleuchtet und kritisch betrachtet werden, entgehen einem oft viele Details, was ich sehr schade finde. Klar – man kann (und will) sicherlich nicht jedes Buch in alle seine Einzelheiten aufdröseln, aber bei manchen Büchern erweist sich ein Blick zwischen die Zeilen und hinter die Seiten oftmals als wirklich lohnenswert.

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Deshalb ist es mit Sicherheit von Vorteil, wenn man vor dem Lesen kurz reflektiert: Lese ich, um unterhalten zu werden oder lese ich literaturwissenschaftlich und analytisch – oder vielleicht sogar beides?

Dann eröffnet sich eine ganze Welt an Anspielungen auf Genremerkmale, Motive und Schreibstile und man bekommt ein ganz neues Gefühl für die Geschichten, die man liest. So sind mir erst letzte Woche bei der Lektüre von ‚Stalking Jack the Ripper‘ und den Anfängen von ‚Hunting Prince Dracula‘ von Kerri Maniscalco viele Merkmale und Motive aufgefallen, die der Gothic Fiction in vielen Werken des viktorianischen Zeitalters eigen sind (zu finden beispielsweise in den Romanen Dracula, Jekyll and Hyde, Frankenstein) – und die Umsetzung ist faszinierend!

Und da eben nicht jeder einen Literaturkurs zur Ergründung der Hintergründe von Klassikern zur Verfügung steht, empfehle ich euch, die Alternativen zu nutzen. Werft doch beim nächsten Mal vor dem Beginn eines Klassikers einen Blick in die einführenden Worte vor dem eigentlichen Text (soweit gegeben) oder informiert euch ein wenig über den Autor und die Zeit, in der das Werk entstanden ist – das Internet ist da wirklich sehr hilfreich.

Aber vor allem: habt Freude am Lesen und am Nachforschen!

 


Mit welchen Klassikern verbringt ihr am liebsten eure Zeit?
Seid ihr auch Feuer und Flamme für die vielfältigen Hintergründe von Büchern?


 

9 thoughts on “Idas Teekränzchen #24 | Klassiker lesen: Warum Kontext so wichtig ist

  1. Hallo Ida,

    was für ein schöner Beitrag! Ich habe nach ,,Klassiker lesen” gesucht und bin so darauf gestoßen. Ich versuche, ähnlich wie du, Klassiker immer im Kontext zu lesen. Da passiert es nicht selten, dass sich an die Beendigung des Buches eine stundenlange Recherche zu dessen Hintergründen anschließt. Oder andersherum: Der Hintergrund ist so spannend, dass ich das Werk dazu lesen möchte. Bei ,,Das fahle Pferd” ging es mir zuletzt so.

    Um den Überblick zu behalten, habe ich mir meine eigene Klassiker-Liste zusammengestellt (https://wissenstagebuch.com/150-buecher/). Ich lese gern weiter bei dir mit und bin gespannt, welche Klassiker du als nächstes besprichst.

    Viele Grüße,
    Jana

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    1. Hallo Jana,

      Vielen lieben Dank! Ach, das finde ich großartig, dass du dir beim Lesen von Klassikern die Zeit dafür nimmst, nach deren Hintergründen zu stöbern!

      Ich bin schon ganz neugierig, was auf deiner Klassiker-Leseliste alles vertreten ist – für nächstes Jahr bin ich nämlich auch wieder dabei, eine Liste zusammenzustellen. Bei mir stapeln sich die deutschsprachigen Klassiker, aber an der englischsprachigen Front sieht es noch ein bisschen mau aus. Mal sehen, was sich noch findet! 🙂

      Der nächste Klassiker, den ich besprechen werde, ist übrigens ‘Buddenbrooks’ von Thomas Mann – den lese ich gerade und hoffe, es noch rechtzeitig vor Monatsende beenden und rezensieren zu können.

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Oh, die „Buddenbrooks“ – da bin ich gespannt drauf. Ich kenne nur die mehrteilige Fernsehverfilmung, die ich als gelungen in Erinnerung habe. Thomas Mann fiel mir bis jetzt ziemlich schwer; sein Zauberberg ist meine persönliche Nemesis: https://wissenstagebuch.com/2017/10/11/meine-literarische-nemesis/. Mit sowohl Golo Mann (hier „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“) als auch mit Klaus Manns „Mephisto“ (fand ich großartig), hatte ich viel weniger Probleme. Bei Zeit und Muße wage ich noch mal einen neuen Versuch mit dem Zauberberg.

        Sag gern Bescheid, wenn du Lust hast, mal einen Klassiker gemeinsam zu lesen und dich darüber auszutauschen! In diesem Jahr haben wir eine kleine Leserunde zu Umberto Ecos „Der Name der Rose“ zusammen bekommen. Das hat über die Längen des Buches hinweggeholfen und großen Spaß gemacht.

        Viele Grüße,
        Jana

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      2. Ich habe zu der Verfilmung der Buddenbrooks lediglich den Trailer gesehen – witzigerweise habe ich auf ganz andere Art und Weise den Roman für mich entdeckt und beschlossen ihn unbedingt lesen zu müssen: in einem literaturwissenschaftlichen Arbeitsbuch an der Uni! 😀 Da hatte ich die erste Passage gelesen und war schon Feuer und Flamme. Bis jetzt liest es sich gut und ich bin gespannt, wie sich die Geschichte der Buddenbrooks weiterentwickelt.

        Sehr, sehr gerne! Eine Leserunde oder ein gemeinsames Klassikerlesen finde ich eine ganz großartige Idee! Da kommen immer so viele verschiedene Blickwinkel und Deutungsweisen zusammen, wenn man einen Klassiker in einer Gruppe (oder zu zweit) liest und diskutiert.

        Liebste Grüße,
        Ida

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      3. Das mit den Unibüchern ist mir auch schon passiert. Irgendwie kamen wir in der Rechtsgeschichte-Vorlesung auf Shakespeare und mir fiel schlagartig auf, dass ich da wirklich nicht viel wusste, da wanderten die bekanntesten Stücke erstmal auf die Leseliste.

        Super, das freut mich! Wir können gern unsere Pläne für nächstes Jahr abgleichen; bei mir ist noch alles offen, was auf der Klassikerliste noch nicht abgehakt ist. 😉

        Eine schöne Woche,
        Jana

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      4. Gerne! Ich hab zwar schon ein paar Ideen, und Shakespeare steht tatsächlich auch noch im Raum. 🙂 Ich denke, mitten im Dezember werde ich dann die Klassikerleseliste für nächstes Jahr zusammenstellen. 😉

        Dir auch eine schöne Woche!
        Ida

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  2. Danke für die anregenden Tipps und die ausführliche Erläuterung deiner Sichtweise zum Thema ‘Klassiker’. Ich stimme mit den Aussagen fast überein und bin froh, dass mich dieser Blogeintrag zum erneuten Lesen von Klassikern motivierte. Dankeschön! 🙂

    Liebe Grüße

    Yeliz Lime

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