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6 Klassiker für 2018 | #5 | Kehlmann– ‘Die Vermessung der Welt’ | Rezension

In diesem Moment begriff er, daß niemand den Verstand benutzen wollte. Menschen wollten Ruhe. Sie wollten essen und schlafen, und sie wollten, daß man nett zu ihnen war. Denken wollten sie nicht.

Daniel Kehlmann | Die Vermessung der Welt |  S. 55.

 

Der vorletzte deutschsprachige Klassiker, den ich mir für dieses Jahr vorgenommen hatte, ist „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Im Gegensatz zu den meisten anderen Klassikern, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, hat dieser hier noch nicht so viele Jahre auf dem Buckel – ist er doch erst vor 13 Jahren erschienen. Nachdem mir meine bessere Hälfte wirklich sehr, sehr oft „Die Vermessung der Welt“ ans Herz gelegt hat, hatte ich mit den 6 Klassikern für 2018 nun endlich den nötigen Ansporn es zu lesen, und ich muss zugeben, dass ich im Vorfeld ziemlich gespannt darauf war. Ob diese Erwartung erfüllt oder enttäuscht wurde? Lest selbst!

„Die Vermessung der Welt“ ist eine Art fiktive Doppelbiographie der beiden Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß und beschreibt deren Leben und Wirken in verschiedenen Bereichen der Forschung. Dabei überschneiden sich beide Lebensläufe an einigen Stellen und bindet die beiden Genies auf kuriose Art und Weise aneinander, ohne dass sie selbst außerordentlich viel Kontakt miteinander haben. Während Alexander von Humboldt mit dem Naturforscher Aimé Bonpland durch exotische Länder streift, unbekannte Pflanzen sammelt, die Wirkung toxischer Substanzen am eigenen Leib erprobt oder Gipfel erklimmt, die ihm die Sinne rauben, ist auch Carl Friedrich Gauß damit beschäftigt, bestimmte Gebiete innerhalb Deutschlands zu vermessen.

Aber der Verstand, sagte Humboldt, forme die Gesetze!
Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. Der Raum biege und die Zeit dehne sich. Wer eine Gerade zeichne, immer weiter und weiter, erreiche irgendwann wieder ihren Ausgangspunkt. Er zeigte auf die niedrig im Fenster stehende Sonne. Nicht einmal die Strahlen dieses ausbrennenden Sterns kämen auf geraden Linien herab. Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas vestehe. – S. 220.

Der Lebensweg dieser trotz ihrem wissenschaftlichen Eifer und Drang nach Wissen so unterschiedlichen Männer ist herrlich beschrieben. Die Geschichte ist durchzogen von subversivem Witz, einem Humor, der sich dem Leser nicht aufdrängt und der mir den einen oder anderen Lachanfall beschert hat.
Trotz meiner anfänglichen Skepsis liest sich dieses Buch keinesfalls wie ein trockenes Geschichtsbuch, das nur Daten und Fakten sachlich abklappert. Man erhascht hier einen flüchtigen Blick in das Innere von hochbegabten und intelligenten, schnell denkenden Menschen. Man lacht Tränen, wenn man über die Ungeduld über ihre (ihrer Meinung nach) viel zu langsam denkenden Mitmenschen liest. Man erwischt sich dabei, wie man Sympathie und Verständnis für eine Figur aufbringt, die in ihrem Wesen heraus furchtbar grantig und grob mit ihrem Mitmenschen umgeht, weil sie nicht weiß, wie sie sich anders verhalten soll (und meist auch nicht weiß wohin mit ihrer Denkkraft, die kaum einer versteht). Man staunt angesichts der abenteuerlichen Reisen, der verschiedenen Kulturen und Gefahren, denen Humboldt begegnet und fühlt sich fast, als sähe man all die Gerätschaften vor sich, all die mit gesammelten Pflanzen und Gegenständen gefüllten Behälter und die Mücken, die pausenlos den Kopf umschwirren.

Diese Größen der Vergangenheit, die man nur aus Geschichtsbüchern kennt, werden auf diese Weise nahbar und wirken so viel menschlicher, als jedes in Museen hängende Porträt. Außerdem ist die Dynamik zwischen den Figuren großartig und oft einfach nur witzig zu lesen. Und das, finde ich, macht auch zum Großteil den Charme dieses Buches aus.

Damit lege ich euch diesen Roman jetzt ans Herz! Macht ihn zu eurem Klassiker für den nächsten Monat, es lohnt sich!

 


F U N    F A C T : 

Nachdem ich „Die Vermessung der Welt“ beendet hatte, bin ich auf ein Interview mit dem Autor Daniel Kehlmann gestoßen. Und was soll ich sagen? Er ist mir sympathisch! Laut ihm ist der Kern dieses Buches übrigens vor allem das Altern und das Deutsch-Sein. Ausgangspunkt für den Roman war die Tatsache, dass Gauß während eines Kongresses bei Humboldt wohnte, und da sah er es vor sich:

die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. Das war der Keim für den Roman.“  – D. Kehlmann

Das komplette Interview, aus dem dieses Zitat entnommen wurde, findet ihr hier!

 


Autor:   Daniel Kehlmann
Titel:     Die Vermessung der Welt 
Verlag:  Rowohlt Taschenbuch Verlag
Jahr:      2005
Seiten:    302
[Genre:  Roman / Historische Fiktion / Klassiker]


 

Bis jetzt im Rahmen der 6 Klassiker für 2018 gelesen und rezensiert:

1.   Ö d ö n    v o n    H o r v á t h    –    J u g e n d    o h n e    G o t t
[zur Rezension]

2.   B e r t o l t    B r e c h t               –     M u t t e r    C o u r a g e    u n d     i h r e    K i n d e r
[zur Rezension]

3.   H e r m a n n    H e s s e            –     D e r    S t e p p e n w o l f
[zur Rezension]

4.   S t e f a n    Z w e i g                   –     S c h a c h n o v e l l e
[zur Rezension]

5.   D a n i e l    K e h l m a n n        –    D i e    V e r m e s s u n g    d e r    W e l t

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11 thoughts on “6 Klassiker für 2018 | #5 | Kehlmann– ‘Die Vermessung der Welt’ | Rezension

  1. Liebe Ida!
    Die Vermessung der Welt will auch noch von mir gelesen werden, jetzt umso mehr, da du sie so herrlich beschreibst! Wenn du mehr von Daniel Kehlmann lesen möchtest, kann ich dir “Du hättest gehen sollen” noch empfehlen. Eine kleine Geistergeschichte, die mich wirklich begeistert hat!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Liked by 1 person

    1. Liebe Gabriela,

      vielen Dank für den Tipp! Das war tatsächlich mein erstes Buch von ihm – und ich freue mich, dass dein Interesse geweckt ist. Da freut sich mein kleines Klassiker-Herz. 😀 Ich habe schon ein wenig mit ein paar von Kehlmanns anderen Werke geliebäugelt, aber “Du hättest gehen sollen” kannte ich noch gar nicht! Und gerade weil es eine Geistergeschichte ist und Halloween ja immer näher rückt, werde ich mir das direkt auf die Wunschliste packen. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  2. Liebe Ida,
    was für eine schöne Buchvorstellung! Ich habe »Die Vermessung der Welt« während meines Studiums gelesen und habe ein paar Schwierigkeiten mit dem Einstieg gehabt. Aber wie es dann so ist, wurde es von Seite zu Seite immer besser! Wie schön, dass dir das Buch auch so gut gefällt ❤
    Alles Liebe,
    Janika

    Liked by 1 person

    1. Liebe Janika,
      hihi, vielen Dank! 🙂 Ich war durch meinen Liebsten ein bisschen vorbereitet auf den Inhalt, vielleicht ist mir deshalb der Einstieg relativ leicht gefallen. Ich freu mich auch riesig, dass das Buch bei so vielen Anklang findet- und ganz ehrlich, bei dem unschlagbaren Humor ist fast nichts anderes zu erwarten. 😀
      Liebste Grüße,
      Ida ❤

      Liked by 1 person

  3. Hallo Ida!
    Das Buch hab ich dieses Jahr auch gelesen und finde, es hat auch total was von den Romanen von Jules Vernes…? Vielleicht auch nur, weil die Themengebiete sich in der selben Epoche ansiedeln (wenn mein durchaus seeeehr löchriges Geschichtshirn sich jetzt nicht ganz stark täuscht)
    Ich will ja auch immer noch, seit dem ich die Vermessung der Welt gelesen hab, “Tyll” von Daniel Kehlmann lesen, auch weil es ständig auf allen Buchblogs und in allen Rezensionen vorgestellt wird und ich es circa 667 Mal im Weihnachtsbuchhandel eingepackt hab 🙂
    Aber mich schrecken so historische Settings irgendwie immer ab, obwohl ich weiß, wie gut mir die Vermessung der Welt gefallen hat.
    Naja, vielleicht dann ja demnächst mal!
    Viele Grüße und noch einen schönen Abend
    Der Marillenbär

    Liked by 1 person

    1. Hallo meine Liebe!
      Hach ja, und da fällt mir glatt auf, dass ich mindestens eines von Jules Vernes Büchern auf meine Klassikerliste für nächstes Jahr packen muss – ich habe bis jetzt noch kein einziges gelesen! Schande über mich! 😀
      Und “Tyll” sagt mir so auf Anhieb auch nichts – aber ich finde es klasse, dass sich meine Wunschliste auf diese Weise fast von selbst erweitert. ❤ Ich muss mir dann mal durchlesen, worum es in diesem Buch geht, damit ich schnell entscheiden kann, ob es in nächster Zukunft bei mir einziehen darf.
      Ich versteh ich da ganz gut mit den historischen Settings – das muss ziemlich gut gemacht sein, damit es mir gefällt, und trotzdem schreckt man jedes Mal ein wenig davor zurück, selbst wenn man weiß, dass der Autor das wirklich gut kann. 😀
      Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende! ❤
      Liebste Grüße,
      Ida

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