Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Klassiker

6 Klassiker für 2018 | #4 | Zweig – ‘Schachnovelle’ | Rezension

Alle Arten von monomanischen, in eine einzige Idee verschossenen Menschen haben mich zeitlebens angereizt, denn je mehr sich einer begrenzt, um so mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe; gerade solche scheinbar Weltabseitigen bauen in ihrer besonderen Materie sich termitenhaft eine merkwürdige und durchaus einmalige Abbreviatur der Welt.

Stefan Zweig | Schachnovelle | S. 19

Der Monatsklassiker im Juli ist im Vergleich zu den anderen Klassikern, die dieses Jahr auf meiner Liste standen, recht kurz und knackig. Gerade einmal 110 relativ groß bedruckte Seiten fasst die ‚Schachnovelle‘ von Stefan Zweig aus dem Jahr 1941 – und ist doch ein wilder Ritt durch die Psyche der dargestellten Figuren, dem man sich nicht entziehen kann. Ich habe die Novelle bereits auf meine Liste der 6 Klassiker für 2018 gesetzt, als ich im Oktober 2017 eine tolle Rezension dazu auf einem Blog gelesen habe, der zur Zeit leider pausiert ist, und es war die erste Rezension, die ich als Buchbloggerin gelesen habe.

Die Szenerie der ‚Schachnovelle‘ ist denkbar schlicht: man befindet sich auf einem Passagierdampfer auf dem Weg von New York nach Buenos Aires. Hier treffen durch eine Verkettung von Ereignissen vier Menschen aufeinander: der Schachweltmeister Mirko Czentovic, der Millionär McConnor, der österreichische Emigrant Dr. B., sowie der Ich-Erzähler, ein Psychologe, der namenlos bleibt. Und genau auf diesem Schiff kommt zu einer Show-Down-artigen Schachpartie zwischen dem Schachweltmeister und Dr. B., in der zwei Schachgenies aufeinanderprallen und man einen Einblick gewinnt in schizophren anmutende Gedankenspiele.

Hier war nichts, was mich ablenken konnte von meinen Gedanken, von meinen Wahnvorstellungen, von meinem krankhaften Rekapitulieren. Und gerade das beabsichtigten sie – ich sollte doch würgen und würgen an meinen Gedanken, bis sie mich erstickten und ich nicht anders konnte, als sie schließlich ausspeien, als auszusagen, alles auszusagen, was sie wollten, endlich das Material und die Menschen auszuliefern. – S. 61/62

Dieser Blick in die Köpfe zweier so grundverschiedener Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen im Schachspiel brillieren, ist mit einer solchen Intensität beschrieben, dass man als Leser hin- und hergerissen ist zwischen dem Drang, die Partie eigenhändig zu beenden und gleichzeitig gebannt den Verlauf des Spiels zu beobachten. Die Zerrissenheit einer Seele hat mich bereits in dem letzten Klassiker, dem ‘Steppenwolf’ von Hermann Hesse so bewegt, und auch hier ist die Spannung spürbar, die aus der erzwungenen Spaltung eines Geistes resultiert.

Aber ich hatte keine Wahl als diesen Widersinn, um nicht dem puren Irrsinn oder einem völligen geistigen Marasmus zu verfallen. Ich war durch meine fürchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß zumindest zu versuchen, um nicht erdrückt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich. – S. 78

Ich will nicht zu viel von der Geschichte verraten, deshalb sei zum Abschluss nur noch so viel gesagt: die geistige Zerrüttung ist dermaßen echt dargestellt, dass es einem als Leser fast schon fühlbares Unbehagen bereitet – eine beeindruckende schriftstellerische Leistung auf vergleichsweise wenigen Seiten.


Autor:   Stefan Zweig
Titel:     Schachnovelle
Verlag:  Fischer Verlag
Jahr:      1941
Seiten:    110
[Genre:  Novelle / Fiktion / Klassiker] 


 

Bis jetzt im Rahmen der 6 Klassiker für 2018 gelesen und rezensiert:

1.   Ö d ö n    v o n    H o r v á t h    –    J u g e n d    o h n e    G o t t
[zur Rezension]

2.   B e r t o l t    B r e c h t               –     M u t t e r    C o u r a g e    u n d     i h r e    K i n d e r
[zur Rezension]

3.   H e r m a n n    H e s s e            –     D e r    S t e p p e n w o l f
[zur Rezension]

4.   S t e f a n    Z w e i g                   –     S c h a c h n o v e l l e

Advertisements

9 thoughts on “6 Klassiker für 2018 | #4 | Zweig – ‘Schachnovelle’ | Rezension

    1. Den Dank kann ich direkt zurückgeben, das freut mich! 🙂 Ich bin schon richtig gespannt, wie es dir gefällt und hoffe, die Motivation hält während des Lesens an. 😀
      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  1. Puh, ich musste das Buch damals in der Schule lesen und fand es sterbenslangweilig. 😀
    Vielleicht war ich einfach zu jung? Man weiß es nicht.
    Und vielleicht sollte ich der Geschichte noch eine Chance geben.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Liked by 1 person

    1. So geht es ganz vielen, wenn sie Bücher als Pflichtlektüre in der Schule lesen. 😀 Ich weiß auch nicht, ob ich so davon beeindruckt gewesen wäre, wenn ich es vor Jahren im Unterricht hätte lesen müssen. :’D

      Gib dem Buch ruhig eine Chance – ganz besonders deshalb vielleicht, weil es wirklich sehr, sehr kurz ist. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  2. Hallo Ida!
    Ich mag deine Rezensionen einfach! 😀

    Wir haben uns von der Schule aus vor ungefähr drei Jahren eine recht moderne Interpretation davon im Schauspielhaus angeschaut. Es war ziemlich verstörend… Irgendwie hab ich in Erinnerung, dass wir im Vorfeld nur Textpassagen und nicht das ganze Buch gelesen haben – vielleicht ändere ich das demnächst, deine Rezi hat mich mal wieder sehr dazu motiviert, das Buch zu lesen!

    Ganz liebe Grüße,
    Lea-Sophie

    Liked by 1 person

    1. Hallo Lea-Sophie!

      Hihi, vielen Dank! Freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat. 🙂
      Ohweh, immer diese Neuinterpretationen, die einen dann relativ verstört zurücklassen… da kann ich mich auch noch an die ein oder andere Aufführung erinnern, die ich im Nachhinein lieber nicht besucht hätte. 😀
      Das Buch an sich ist, wenn man es ganz für sich wirken lässt, einfach sehr intensiv – trotz seinem geringen Seitenumfang.
      Ich glaube, da spielen ganz viele Aspekte mit rein, welchen Eindruck man von einem Buch bekommt. Und wenn man dann so eine Aufführung sieht und vielleicht vorher nur ein paar Textpassagen daraus gelesen hat, dann kann ich mir schon vorstellen, dass es verstörend wirken kann. 😀 Bin gespannt, wie du das Buch so aus der jetzigen Perspektive findest, solltest du dich daran wagen. 😉

      Liebste Grüße aus der Dachgeschoss-Sauna/Hölle/Einflugschneise für Hobbits, die einen Ring in brodelnde Glut schmeißen wollen,
      Ida ❤

      Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.