Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Walter Moers: Prinzessin Insomnia & der alptraumhafte Nachtmahr (2017)

„Wenn die Minuten durch die Jahre rufen
Erhebt sich der ewige Träumer
Über seine irdische Last
Und reist mitten hinein
Ins dunkle Herz der Nacht“

Prinzessin Insomnia | S. 5

Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich die Bücher von Walter Moers liebe und fast schon neidisch bin auf den Ideenreichtum und die unerschöpfliche Fantasie, die der Schöpfer der Zamonien-Romane an den Tag legt. Und auch dieses Buch mit seinem herrlich lavendelfarbenen Buchschnitt und unfassbar schönem, faszinierend dunkelblau changierenden Einband, musste nicht lange ungelesen auf meinem Regal stehen. Nur ein halbes Jahr hat es gedauert, ehe ich meine Wanderstiefel schnürte und erneut nach Zamonien aufbrach.

Im siebten Zamonien-Roman begegnen wir der schlaflosen Prinzessin Dylia, die gerade dabei ist, einen weiteren Rekord im Wachsein aufzustellen: 18 Tage lang hat sie nun schon kein Auge zugetan, trotz der extraweichen Kissen aus „famos flauschigem Faultierflaum“ und sämtlichen anderen Mitteln und Tinkturen, Kerzen und einschläfernder Musik, die zwar alle anderen in ohnmachtsähnlichen Schlaf versetzt – nur Dylia nicht. Da erscheint ihr unvermittelt ein Nachtmahr, der verspricht, sie mit seiner Anwesenheit langsam aber sicher in den Wahnsinn – und damit letztlich in den sicheren Tod – zu treiben. So kommt es, dass beide eine Abmachung eingehen und sie eine haarsträubende Reise durch Dylias Gehirn antreten, auf der Suche nach dem dunklen Herz der Nacht.

Wortwitz, Wortspiele, Redewendungen in Hülle und Fülle – auch dieses Moers-Buch quillt förmlich über vor sprachlichem Witz, Liebe zur Sprache und Detailverliebtheit. Es gab einige Momente, in denen ich laut auflachen musste, weil die Dialoge einfach so witzig waren.

„Hier ist es ziemlich frisch. Ich hätte einen zusätzlichen Schal mitnehmen sollen. Ich besitze Unmengen, vielleicht die schönste Schalsammlung von ganz Zamonien. Aber immer wenn man mal einen zusätzlichen Schal benötigt, dann hat man keinen dabei.“ Die Prinzessin seufzte.
„Das kenne ich!“, sagte der Gnom. „Ich habe das gleiche Problem mit Regenschirmen.“
„Tatsächlich?“
„Nein, natürlich nicht. Das war ein Witz.“ – S. 151

Dazu noch eine unerschrockene, tapfere und witzige Protagonistin, die einfach nicht in den Schlaf findet (wer kennt sie nicht, die schlaflosen Nächte, wo der Schlaf ungefähr so weit entfernt ist wie der Mond), ein kaltschnäuziger Nachtmahr, der von sich selbst behauptet:

„Ich bin der Hai, der nicht weiterzieht. Ich bin der Sturm, der dein Schicksal durcheinanderwirbelt, bis kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Ich bin der Blitz, der wieder und wieder in dieselbe Stelle einschlägt. Ich bin der Nachtmahr, der nicht mehr weggeht.“  – S. 86

… und dazu noch eine Reise quer durch das Gehirn der schlaflosen Prinzessin, bis hin zum sagenumwobenen dunklen Herz der Nacht, und schon hat man ein fantastisches Märchen, das einem sowohl vergnügliche als auch nachdenkliche Lesestunden, in denen man gar nicht aus dem Staunen herauskommt, voller Spannung miträtselt und auch ein bisschen über sich selbst nachdenkt.

moersinsomnia3.jpg

Dass ich zunächst Startschwierigkeiten hatte, liegt vor allem daran, dass ich beim ersten Anlauf versucht hatte, mehrere Bücher parallel zu lesen (ging herrlich schief) und letztlich auch daran, dass das Gewohnheitstier in mir höchst skeptisch um die neue Aufmachung herumgeschlichen ist, alles argwöhnisch beschnuppern und sich damit abfinden musste, dass die Illustrationen diesmal nicht vom Meister persönlich angefertigt wurden und dadurch eben nicht ‚typisch zamonisch‘ daherkam. Im Nachhinein beschämt mich das zutiefst, denn sowohl die Gestaltung im Allgemeinen als auch die hinreißenden Illustrationen von Lydia Rode sind wunderschön und unterstreicht die einzigartige und sehr persönliche Note dieses Buchs. Auch wenn die Reise für mich holprig begann, sie endete in einem Feuerwerk der Gefühle und ich hatte wieder einmal den Eindruck, als hätte die Fantasie des Autors kein Ende – ganz im Gegenteil! Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Figuren, Handlungen und zamonische Schauplätze scheinen sich in seinem Ideenfundus zu tummeln.

„Auf ewig verirrt im eigenen Gehirn“, sagte sie. „Was für eine schreckliche Vorstellung.“ – S. 136.

Der Hintergrund zur Entstehung dieser Geschichte hat mich zu Tränen gerührt und sehr nachdenklich gestimmt – zudem empfand ich eine große Dankbarkeit dafür, diese Geschichte für immer in meinem Herzen verwahren zu dürfen. Ich werde hier jedoch nichts verraten. Rätselt am besten selber ein bisschen herum und lasst euch genauso davon überraschen und letztlich auch überwältigen, wie es bei mir der Fall war.

‚Prinzessin Insomnia‘ war wieder ein abenteuerlicher Ritt durch ein Zamonien, das so klein und unscheinbar, und doch so bedeutsam und faszinierend ist: das Gehirn. Man begegnet Zwielichtzwergen, Thalamiten, sammelt gemeinsam mit Dylia Pfauenwörter und flimmt über eine tiefe Senke, in der das Unterbewusstsein vor sich hin wabert. Eine Reise, die ich so schnell nicht vergessen werde und die mich hat wünschen lassen, genauso mutig und tapfer zu sein wie die Heldin dieses Buches. Absolute Leseempfehlung!

 


Autor:   Walter Moers
Titel:      Prinzessin Insomnia und der alptraumhafte Nachtmahr.
Zusatz:   Ein somnambules Märchen aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus
dem Zamonischen übertragen von Walter Moers und illustriert von Lydia Rode

Reihe:    Zamonien #7
Verlag:  Knaus Verlag
Jahr:      2017
Seiten:    338
[Genre:  Roman / Fiktion / Fantasy / Märchen] colour: #f77e65


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12 thoughts on “Rezension | Walter Moers: Prinzessin Insomnia & der alptraumhafte Nachtmahr (2017)

  1. Hallo, Ida!
    Ah, das inspiriert mich jetzt schon fast, endlich den Käpt’n fertig zu lesen. Ich weiß nicht warum, aber ich brauche für Moers Bücher immer mehrere Anläufe und leider besonders lange. Es ist nicht so, dass sie mir nicht gefallen, der Einfallsreichtum des Manns ist enorm, aber es dauert halt immer ein bisschen.
    Das hier ist auf jeden Fall eine schöne Rezension. Man merkt, wie sehr dir das Buch gefallen hat. 🙂
    LG, m

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    1. Hi du!

      Ach, das finde ich super! 🙂 Ist ja auch kein Wunder, bei all den Details über so viele Seiten verteilt, da kann es schon mal länger dauern. Lass dich davon nicht entmutigen. 🙂
      Danke dir für deine lieben Worte – es freut mich immer sehr, wenn ich meine Begeisterung für ein Buch teilen und vielleicht sogar andere Leser zum Lesen bringen kann. ❤

      Ich wünsche dir noch einen schönen Abend – und drücke dir die Daumen, dass du beim Käpt'n gut voran kommst. ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

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  2. Liebe Ida,
    dein Fazit (den Rest habe ich nicht gelesen) klingt wirklich wundervoll und macht mich sehr neugierig ❤
    Ich sollte die Moers Bücher endlich mal lesen, vielleicht motiviert mich meine Book Bucket List ja dazu, die ich bald erstellen werde 🙂
    Auch optisch gefallen mir die Bücher von ihm super gut, die meisten stehen zur Sicherheit schon im Regal hehe.

    Und: wunderschöne Fotos!

    Liebe Grüße,
    Nicci

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    1. Hi liebe Nicci!

      Hihi, das kann ich verstehen – bei bestimmten Büchern will ich auch nur wissen, ob sie empfehlenswert sind oder nicht, aus Angst schon zu viel zu erfahren 😉

      Ich glaube ja fest daran, dass jedes Buch so seinen perfekten Zeitpunkt hat – und irgendwann kommt bestimmt der Zeitpunkt, an dem du alle Moers-Bücher verschlingen wirst und gar nicht mehr genug bekommst (so war es zumindest bei mir). 😀 Und dafür bist du ja schon super vorbereitet, wenn du sie schon im Regal stehen hast!

      Danke für das Kompliment! ❤ Ich freue mich immer wie ein Schnitzel, wenn die Bilder so werden, wie ich es mir vorgestellt habe. 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

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  3. Hallo Ida,

    was für eine wunderschöne Rezension. Deine Begeisterung ist richtig zu spüren und motiviert mich dazu auch endlich mal seine Bücher zu lesen. Die Stadt der träumenden Bücher steht schon ewig im Regal…Bisher war “der richtige Zeitpunkt” wohl einfach noch nicht da…ich spüre aber, dass er jetzt bald kommen könnte 😀

    Liebe Grüße
    Ricy

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    1. Hallo Ricy,

      ich danke dir! 🙂 Juhuuu! Ach, das freut mich, wenn ich dich dazu inspirieren konnte, eines seiner Bücher anzufangen! ❤ Ich habe damals auch mit 'Die Stadt der träumenden Bücher' angefangen – und mich direkt in Zamonien verliebt. Ich bin so gespannt, ob es dir dann auch so gehen wird. Ganz viel Spaß beim Lesen!

      Liebste Grüße,
      Ida

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  4. Als ich gerade deine Rezension gelesen habe, habe ich festgestellt, dass es dir mit dem Buch fast genauso wie mir selbst erging. Ich war begeistert von dem Wortwitz, der Abstrusität und der Beziehung zwischen den Charakteren. Auch der Illustration stand ich zuerst skeptisch gegenüber, aber sehr schnell änderte sich meine Meinung stark. Was die Startschwierigkeiten angeht: die hatten ich und auch einige meiner Freunde. Bei uns lag das jedoch an der Konfusität der ersten Kapitel (habe ich in meiner eigenen Rezension auch recht ausführlich beschrieben). Zuletzt hat mich auch das Nachwort sehr berührt.
    LG Ole

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    1. Hallo Ole,

      danke für deinen Kommentar! 🙂 Und ich dachte schon, ich wäre eine der wenigen, die so über das Buch gedacht haben. 😀 Die meisten waren im Endeffekt dann doch sehr enttäuscht, dass es kein ‘typischer Moers’ war – und genau das fand ich dann aber auch wieder spannend. Und jetzt wo ich deine Worte lese, kommt es mir erst – die ersten Kapitel musste ich auch ein zweites Mal lesen, weil ich erst in die Geschichte hineinfinden musste und das beim ersten Lesen nicht so klappen wollte. Und ja – das Nachwort! Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und Wasserhochstand in den Augen. Das hat dem Buch im Nachhinein noch einmal eine so tiefe Bedeutung gegeben, dass ich nur noch dasaß und nur noch “Oh, wow! Wow! Das ist ja… wow!” vor mich hin murmeln konnte. :’D

      Ich wünsche dir noch einen wunderbaren Rest-Sonntag!
      Ida

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