12 Klassiker im Jahr · 2018 · Klassiker

6 Klassiker für 2018 | #3 | Hesse – ‘Der Steppenwolf’ | Rezension

Nein, der Blick des Steppenwolfes durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit – ach, und leider ging der Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel und Hoffnungslosigkeiten unsrer Zeit, unsrer Geistigkeit, unsrer Kultur. Er ging bis ins Herz alles Menschentums, er sprach beredt in einer einzigen Sekunde den ganzen Zweifel eines Denkers, eines vielleicht Wissenden aus an der Würde, am Sinn des Menschenlebens überhaupt.

Hermann Hesse | Der Steppenwolf | S. 16-17

Dies war – man möchte es kaum glauben – mein erstes Buch von Hermann Hesse, und es war ein Paukenschlag von einem Buch. Nachdem mir Hesse von meinem Papa, der dessen Werke sehr liebt, ans Herz gelegt worden ist, beschloss ich, mir aus dem großen Fundus von Hesse-Werken für die 6 Klassiker für 2018 den Steppenwolf als erstes vorzuknöpfen.

Dazu sei gesagt: Meine Ausgabe vom Steppenwolf enthält den eigentlichen Prosatext (also ein Vorwort des fiktiven Herausgebers eines Manuskripts, das sich ‚Der Steppenwolf‘ nennt und das dazugehörige Manuskript), als auch den Steppenwolf in Lyrik-form, dieselbe Geschichte, aber ausgedrückt mittels kleiner, aber gewaltsamer Gedichte und einem Nachwort, das einige wichtige und hilfreiche Hintergrundinfos zu Werk und Autor gibt. Ich finde es großartig, dass es einige Auflagen deutscher Klassiker gibt, die dem Leser solche Hintergrundinformationen bieten und somit den gesellschaftlichen, literarischen und besonders den zeitlich-historischen Kontext offen darlegen.

Im Mittelpunkt des Steppenwolfs stehen das sich zu etwas Neuem entwickelnde und verändernde Erleben und Fühlen des Harry Haller. Dank der Ich-Perspektive findet sich der Leser alsbald im Sog der Geschehnisse wieder, die Harrys Leben auf den Kopf stellen. Müde und resigniert vom Leben, verbringt Harry seine Zeit damit, in Kneipen über die Zerrissenheit seines Ich zu sinnieren und seinen Austritt aus dem Leben zu planen. Als er die bunte, vor Lebensenergie nur so sprudelnde Hermine kennenlernt, ändert sich alles: er lernt zu tanzen, sein Leben zu genießen – wäre da nur nicht der animalische Teil seiner Selbst, der Steppenwolf, der alles gesellschaftlich Relevante verachtet.

Steppenwolf4

Ich will ganz ehrlich sein, nachdem ich das Buch beendet hatte, wusste ich nicht so recht, wie ich das Ganze deuten sollte. Zu viele Deutungen waren möglich, zu voll war mein Kopf von all den Gedanken Harry Hallers, zu oft fragte ich mich, ob dies Hesses eigene Gedanken zu sich selbst waren und ob er sich selbst auch als Steppenwolf sah, als zerrissenes Wesen, dass der gesellschaftlichen Zwänge mit zunehmendem Alter überdrüssig wurde.

Die Zerrissenheit des Ich – das scheint die Basis dieses Buchs auszumachen. Harry Haller ist der Überzeugung, er sei zum Teil ein Steppenwolf, ein wildes, zähnefletschendes Tier, das jede gesellschaftliche Neigung oder Gepflogenheit verhöhnt, verspottet und es vorzieht, sich von anderen zu isolieren, und damit Harrys Versuche einer Eingliederung in sein Umfeld hemmungslos sabotiert. Und hier bringt Hesse einen interessanten Aspekt ins Spiel, denn Harry findet heraus, dass die Seele eines jeden Menschen aus abertausenden von Teilen besteht, und dass es nicht nur Mensch-Harry und Steppenwolf-Harry sind, die zu zweit in Harrys Brust in erbittertem Wettstreit gegeneinander toben.

In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. | S. 94

Hesse schreibt wortgewaltig und mit solcher Dringlichkeit, dass es einem selbst ganz bang wird. Ich habe mich in seine Art zu schreiben verliebt, in diese Bildhaftigkeit, die sprachliche Dichte und wie er es schafft, Emotionen, Gemütszustände und seelische Prozesse so zu beschreiben, dass man glaubt, sie selbst zu fühlen:

Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgend etwas kaputtzuschlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst (…).   | S. 44

So viele Stellen habe ich markiert, so viele Formulierungen entdeckt, die mein Herz haben höher schlagen lassen und mich teilweise derart bewegt haben, dass mir die Tränen kamen. „Der Steppenwolf“ ist kein Buch, das man schnell durchliest oder gar nebenher. Alle Sinne müssen offen und empfänglich sein für Hesses Worte, denn erst dann entfalten sie ihren ganz besonderen Zauber, der einen mitten ins Herz trifft.

 


Autor:   Hermann Hesse
Titel:     Der Steppenwolf
Verlag:  Suhrkamp Taschenbuch
Jahr:      1927
Seiten:    421
[Genre:  Roman / Klassiker]


 

Eine sehr lesenswerte Rezension zu “Der Steppenwolf” findet ihr auch bei
Ricy’s Reading Corner!


 

Bis jetzt im Rahmen der 6 Klassiker für 2018 gelesen und rezensiert:

1.   Ö d ö n    v o n    H o r v á t h    –    J u g e n d    o h n e    G o t t
[zur Rezension]

2.   B e r t o l t    B r e c h t               –     M u t t e r    C o u r a g e    u n d     i h r e    K i n d e r
[zur Rezension]

3.   H e r m a n n    H e s s e            –     D e r    S t e p p e n w o l f

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24 thoughts on “6 Klassiker für 2018 | #3 | Hesse – ‘Der Steppenwolf’ | Rezension

  1. Hallo, Ida!
    Es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe. Schullektüre. Unser Deutschprofessor war ganz begeistert. Ich glaube, ich nicht. Ich erinnere mich nur noch an Schachtelsätze, die ewig lang waren und dass es viel Konzentration gebraucht hat.
    Vielleicht sollte ich nochmal was von Hesse lesen. Ich glaube, meine Mutter hat den Steppenwolf sogar im Regal stehen. Möglicherweise versuche ich es jetzt, wo ich älter und weiser und erfahrener bin noch einmal. 😉
    Mir gefällt dein Abschlussabsatz. Mal schauen, ob ich bei einem Re-Read genauso empfinde. 😀
    LG, m

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    1. Hallo, m!

      Ich finde, das ist meistens ein Problem, wenn man Klassiker während der Schulzeit liest und das Lesen nur noch damit Schule, Aufwand und womöglich Langeweile verbindet. 😀
      Also ich muss sagen, als ich meinem Freund einen der Sätze vorgelesen habe, den ich so unfassbar schön fand, hat er nur den Kopf geschüttelt und gemeint, das wäre ihm zu viel Schnickschnack. :’D
      Und als ich es das erste Mal angefangen habe zu lesen, war ich noch nicht bereit dafür – weil ich so viel Fantasy gelesen hatte, dass ich mich erst einmal auf diesen besonderen Schreibstil einlassen musste. Aber dann war ich absolut begeistert. Ich kann aber auch verstehen, dass einem dieser Schreibstil einfach nicht gefällt.
      Ich bin aber auf jeden Fall gespannt, wie du das Buch beim zweiten Mal finden wirst! ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

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  2. Ein toller Beitrag! Du hast mir den Steppenwolf damit so schmackhaft gemacht, dass er direkt in den Einkaufswagen gewandert ist. Ich bin sehr gespannt 🙂

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  3. Hallo Ida,

    wieder mal eine ganz tolle Rezension von dir. Ich glaube, du warst ähnlich berührt davon wie ich 🙂
    Meine Rezension ist heute auch endlich online gegangen und ich habe deine direkt mal darunter verlinkt 🙂
    Ich freue mich schon auf weitere Bücher von Hesse!

    Liebe Grüße
    Ricy

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    1. Hallo liebe Ricy!

      Dankeschön! 🙂 Ja, das war ich in der Tat. Es ging mir auf so eine ganz besondere Art und Weise nahe, die ich nur ganz schwer beschreiben kann – und das schreibe ich mitunter auch dem Schreibstil Hesses zu. 🙂
      Ich habe auch schon mein nächstes Hesse-Werk geplant! Weißt du schon, welches du dir als nächstes vornehmen willst? 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Ich habe mir schon ‘Heumond’ von ihm rausgesucht. 🙂 Aber Narziß und Goldmund ist auch so ein Buch, das sich direkt danach einreiht! 😀

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  4. Hi, Ida!
    Wow, das war eine richtig tolle und interessante Buchbesprechung! Ich habe inzwischen schon so oft versucht, mich an Klassiker heran zu wagen und bin immer wieder gescheitert.. Aber auf den Steppenwolf hast du mich jetzt wirklich neugierig gemacht! Und die Zitate, die du angeführt hast, sind wirklich wundervoll! *-*
    Beste Grüße, Isa. xxx

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    1. Hi Isa!
      Danke dir 🙂 Das freut mich riesig! Ich bin gespannt, ob dir der Steppenwolf gefällt, wenn du ihm eine Chance geben solltest. Auch wenn man sich wirklich erst einmal an seinen Schreibstil gewöhnen muss – ist man erstmal richtig drin in der Materie, ist es ein echtes Leseerlebnis. ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

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  5. Liebe Ida,

    “Der Steppenwolf” liegt seit Jahren auf meinem SuB. Und, obwohl ich Hesse liebe, traue ich mich nicht an das Buch ran. Kann gar nicht so richtig sagen warum. Danke, dass du mir das Buch wieder in Erinnerung gerufen hast! Dieses Jahr wollte ich monatlich einen Klassiker lesen. Vielleicht lese ich dieses hier im Juli. Ich nehme es mir mal ganz fest vor! 😀

    GlG vom monerl

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    1. Hi monerl,

      ich kann dich da gut verstehen – es gibt so Bücher, da braucht man erst den einen oder anderen Stupser, ehe man sich an sie rantraut. 🙂
      Ich drück dir die Daumen, dass du deinen Vorsatz umsetzen kannst! Es ist wirklich ein ganz besonderes Buch ❤

      Liebste Grüße,
      Ida

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  6. Ich habe das Buch “Der Steppenwolf” von Hesse gelesen. Zwar ich das Buch auf meiner Muttersprache gelesen habe, fand ich super kompliziert aber gleichzeitig faszinierend. Irgendwann würde ich es nochmal lesen. Ich erinnere mich aber noch, wie das Buch mich hypnotisiert und wie viel Mühe ich gegeben, die Situation des Manns zu verstehen.
    Letztes sah ich auch den Film vom Steppenwolf. Man kann allerdings so ein kompliziertes Buch nicht verfilmen. Die seltsamen Gedanken und Gefühle vom Charakter in seinem Tagebuch kann man nicht eine Szene implementieren, denke ich. Deswegen fand ich es schrecklich. Das Buch muss aber gelesen werden.
    Liebe Grüße.
    Yusuf.

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    1. Hallo lieber Yusuf,

      da hast du Recht – so ist es, wie ich finde, mit vielen Büchern, die verfilmt werden. Obwohl ich noch keine Verfilmung vom Steppenwolf gesehen habe, aber laut deiner Beschreibung scheint es sich auch nicht wirklich zu lohnen. 😀
      Und ich fand auch, dass dieses Buch faszinierend und kompliziert sogleich ist – und ich schließe es auch nicht aus, dass ich es irgendwann noch einmal lese. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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