Ida schreibt

#WritingFriday [16]: “Ich vergebe dir.”

Es ist Freitag, und das bedeutet: heute wird geschrieben! Die Aufgabe, die ich mir heute im Rahmen von Elizzys Writing Friday herausgesucht habe, lautet wie folgt:

„Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Es begann damit, dass wir alles vertuschen mussten, denn niemand darf erfahren, dass…“ beginnt.“

Solche Schreibaufgaben mit spezifischem Beginn finde ich immer besonders spannend, weil man – sowohl als Leser als auch als Schreiber – zu Beginn nie wirklich weiß, wohin dieser eine Satz führen wird. Ist es eine Romanze? Ein Thriller, eine Schauergeschichte? Was es wohl diesmal geworden ist?

 



„Ich vergebe dir.“

Es begann damit, dass wir alles vertuschen mussten, denn niemand darf erfahren, dass ich schon einmal vor dem Traualtar stand, dass ich ein weißes Kleid trug und in mir Hoffnung für die Zukunft und voller Liebe zu einem Menschen aufblickte, von dem ich noch nicht wusste, dass er zu meinem Verhängnis werden sollte. Dass ich bereits ein Leben vor diesem hatte. Ein Leben im verdammten goldenen Käfig, als perfekte, kleine, Perlenkettentragende Ehefrau in einer gläsernen Villa, so transparent, und trotzdem blickte niemand hinter die Fassade. Niemand sah die unzähligen sehr deckenden Make-up-Stifte, Tuben und Döschen, die alle an meinen Hauttyp angepasst waren, um die Blutergüsse unter meiner Haut vor der Welt zu verstecken. Es ist beinahe ironisch, dass es schon damals nur ums Vertuschen der Wahrheit ging, für die selbst ich blind genug war. Ein Veilchen ziert dein Gesicht? Trag eine Sonnenbrille. Ein Büschel deiner Haare fehlt? Zaubere dir eine neue Frisur. Würgemale umschlingen einer brutalen Perlenkette gleich deinen Hals? Trag ein hübsches, modisches Seidentuch. Dein Mann schlägt dich? Halt die zweite Wange hin und hoffe, dass es dein Gesicht für die nächste Teegesellschaft mit den anderen Ehefrauen nicht zu sehr entstellt. Wenn ich zurückblicke, möchte ich mich selber anschreien: „Verlass ihn! Siehst du nicht, wie weh er dir tut?“ Kein Mensch hat verdient, so behandelt zu werden. Ich hatte lange geglaubt, dass ich ihn nicht verließ, weil ich ihn noch immer liebte. Weil er mein ein und alles war und ich mich verzweifelt daran festklammerte, wie groß und innig unsere Liebe war. Doch auch das war eine Lüge. Aber wenn man sie oft genug wiederholt, beginnt man irgendwann, daran zu glauben.

Es stimmt, ich liebte ihn. Ich liebte das, was er einmal für mich war. Ein liebevoller, junger Mann, der mit mir in meiner kleinen Wohnung Spiegeleier zubereitete und sie im Schneidersitz auf dem Boden sitzend aß, der mich auf Händen trug und mich mit unbändigem Begehren musterte und jeden Zentimeter meiner Haut berührte, ohne dabei sichtbare Spuren zu hinterlassen. Und ich verließ ihn auch deshalb nicht, weil ich das liebte, was er mir bieten konnte: Ein Leben im Wohlstand. Aber zu welchem Preis? Denn damit schloss ich mich selbst in den goldenen Käfig, machte mich abhängig von meinem zunehmend übellaunigen, cholerischen und gewalttätigen Mann. Ich hatte meine Arbeit gekündigt, hatte durch den Umzug meinen Freundeskreis zurückgelassen und war allein. Ich hatte niemanden. Wie ich es geschafft habe, aus dieser Hölle auszubrechen? Das weiß ich selbst nicht so genau. Aber einer der Gründe stand jetzt neben mir, die Stirn schweißglänzend und mit Erde verschmiert, die hübsche Hochsteckfrisur verrutscht und mit einer Entschlossenheit schaufelnd, die ich zutiefst bewunderte.

„So, das sollte genügen“, schnaufte sie schließlich und warf die Schaufel weit von sich. „Gib mir mal ein paar von den Ästen da drüben, die können wir so darüberlegen, dass es aussieht wie von der Natur gewollt.“ Als wir fertig waren, standen wir stumm und mit klopfenden Herzen in ehemals blütenweißen Morgenmänteln vor dem zugeschaufelten Erdloch, das alles in sich verschluckt hatte, was einmal war. Mit einem Mal begriff ich das ganze Ausmaß dessen, was vor mir lag. Mein ganzer Körper zitterte und ich weinte, als ich begriff, dass ich endlich frei war. Frei vom Schatten der Vergangenheit, von der Angst im Nacken. Frei von Alpträumen in der Nacht, von der Vorstellung, er könnte mich finden. Wir haben ihn zuerst gefunden, und das war sein Ende.
“Ich vergebe dir”, hatte ich gesagt, ihm ein letztes Mal in die Augen gesehen und ihm in den Kopf geschossen. Ich hatte gehört, wie sein Körper aufschlug und hatte nichts dabei empfunden, nichts außer Gerechtigkeit.

„Lass uns gehen“, flüsterte sie, als ich die letzte Träne geweint hatte. „Auch wenn es mittlerweile fast schon Mode ist, zu spät zu seiner eigenen Hochzeit zu kommen.“
„Die Visagistin wird uns zwar umbringen, aber das war es wert“, schluchzte ich mit einem Blick auf unseren verdreckten und verschwitzten Aufzug, und begann zu lachen. Sie legte den Kopf in den Nacken und fiel in mein Lachen ein, mit diesem tiefen, rauchigen Lachen, das ich so liebe, und umfasste zärtlich meinen Nacken. „Das bist du mir wert“, murmelte sie. „Das, und noch viel mehr.“

Und in diesem Moment wusste ich, dass alles gut werden würde. Dass dieser Tag der Beginn war von etwas Neuem, etwas Gutem, und dass mein altes Leben begraben war. Und ich konnte es kaum erwarten, den Rest meines Lebens mit dieser wunderbaren Frau an meiner Seite zu verbringen.


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [15]: “Das beste Mittel gegen schlaflose Nächte”

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21 thoughts on “#WritingFriday [16]: “Ich vergebe dir.”

  1. WOW!!!! Was für eine fesselnde Geschichte mit so vielen Plottwists! Ganz besonders gut hat mir die Formulierung: “als perfekte, kleine, Perlenkettentragende Ehefrau in einer gläsernen Villa” gefallen, man hat sofort ein Bild von der Rolle, die die Protagonistin in Gegenwart ihres Mannes eingenommen hat, vor Augen.
    Und ich liebe es ja, solche Geschichten, die einem in den letzten Sätzen noch mal so einen richtigen Schauer beschaffen, zu schreiben oder zu lesen.
    Ist dir super gelungen, diese Umsetzung der Schreibaufgabe 🙂
    Viele Grüße vom Marillenbär

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar! ❤
      Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. Und ich muss sagen, ich hatte selber ein bestimmtes Bild der Protagonistin im Kopf, und die obligatorische Perlenkette durfte da natürlich nicht fehlen. 😀
      Und OH MEIN GOTT JA, die Magie der letzten Sätze! Ich liebe es, wenn einem die Geschichte damit nochmal den letzten Stoß versetzt. 🙂
      Ich wünsche dir noch ein ganz tolles Wochenende!

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  2. Liebe Ida,
    da hast du aber wieder einen heftigen Text geliefert… Wow. Du hast echt so ein Talent. Vor allem wie du die kleinen beschreibenden Details mit in die Handlung eingebaut hast. Das kriegt nicht jeder so schön hin.
    Und ich finde es klasse, dass du dich ans Thema der häuslichen Gewalt getraut hast.Gerade der Satz, dass sie nicht weiß, wie sie sich selbst aus dieser Beziehung befreit hat… Ich kann ein Glück behaupten, dass ich niemals soetwas erleben musste, aber ich finde es immer spannend, mich über solche Dinge zu informieren. Kennst du Goldilocks and her Wolves? Bei ihr war es auch so dass sie in einer schlechten Beziehung festhing und sich nicht von ihr lösen konnte. Erst als sie sich einen Hund holte und Angst um den Welpen hatte, konnte sie sich selbst aus der Beziehung lösen… Das ist immer so bewegend…
    Liebe Grüße
    Janika

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    1. Das sind so liebe Worte, liebste Janika! Vielen, vielen Dank dafür! ❤
      Gerade häusliche Gewalt gilt bei vielen noch als Tabu-Thema, dabei ist es so wichtig, darüber zu reden! Und mit einem einfachen "Dann verlass deinen Partner doch, wenn er oder sie dich schlägt oder anderweitig missbraucht" ist es nicht getan – da steckt noch so viel anderes dahinter, und ich bin froh, dass ich nicht in den Schuhen der Leute stecke, die so etwas durchmachen mussten oder immer noch müssen, weil sie einfach nicht aus einer toxischen Beziehung ausbrechen können. Es ist schwer, über Dinge zu schreiben, die man selber nicht erlebt hat (zum Glück in diesem Fall!), und die man unmöglich einschätzen kann. Aber in letzter Zeit habe ich sowohl in Büchern als auch in Filmen, Fernsehserien und persönlichen Berichten so viel häusliche Gewalt zu sehen bekommen, dass ich mir dachte, ich versuche mich einmal an diesem schwierigen Thema. Ich bin jedes Mal aufs Neue geschockt, wenn ich auf dieses Thema stoße. Und die Geschichte von Goldilocks und ihrem kleinen Wölfchen kannte ich noch gar nicht, aber als ich sie mir gerade durchgelesen habe, hätte ich schon wieder heulen können. Ich hoffe, jeder, der in so einer Situation ist, findet irgendwie die Kraft, auszubrechen und sich davon zu befreien.

      Liebste Grüße,
      Ida ❤

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      1. Das hast du schön gesagt. Genau so ist es!
        Ich finde es auch super, dass dieses Thema immer mehr thematisiert wird und so ggf auch mehr Verständnis entwickelt werden kann. Gerade in Bezug auf Sätze wie „dann Verlass deinen Partner doch..“, den du genannt hast.
        Und ja… bei Goldilocks kriege ich auch immer Gänsehaut. Auf Instagram hat sie auch so schöne Bilder von sich und ihren Hunden. Die sieht man mit dem Hintergrundwissen nochmal in einem ganz anderen Licht 😌

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      2. Ja… gerade das ist es auch meist: dass die meisten Opfer von Gewalt die zentnerschwere Last der Scham mit sich rumtragen, weil sie glauben, sie würden es nicht anders verdienen. Und genau deshalb ist es gut, wenn sich die Medien auf verschiedene Art und Weise damit auseinandersetzen und solchen Menschen zeigen, dass es nicht ihre Schuld ist. Und dass es einen Weg nach draußen gibt.

        AH! Ich muss sie sofort auf Instagram suchen! Die Bilder in ihrem Bericht waren schon so schön – muss folgen! 😀 Und es stimmt… wenn man die Geschichte dahinter sieht, dann bekommen ihre Bilder gleich noch mehr Tiefe. Aaah, diese elende Gänsehaut! 😀

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  3. Hey Ida,
    super Thema! Damit hatte ich zu Beginn nicht gerechnet. 🙂 Obwohl ich keine Kurzgeschichten mag, finde ich, dass dir diese wirklich sehr gelungen ist. Es ist alles dabei, was man sich bei dieser Länge bzw. Kürze wünscht: Klasse Thema, Spannung, Überraschung, Auflösung und Happy End! Yeah, volle 5 Sterne kriegst du von mir. 😀
    Mein heutiger Beitrag ist das Interview. HIER geht´s zu meinem Kühlschrank-Bericht.
    GlG und ein schönes Wochenende wünsche ich dir!
    monerl

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    1. Huhu! ❤

      Danke dir für den lieben Kommentar! So schön, dass dir die Kurzgeschichte gefallen hat – vor allem deshalb, weil es sonst nicht die Richtung ist, die du gerne liest. 😉 Das freut mich ganz arg!
      Dann stürze ich mich mal direkt auf das Zwiegespräch mit deinem Kühlschrank – bin schon gespannt, was der so alles zu erzählen hat! 😀

      Liebste Grüße und dir natürlich auch ein ganz tolles Wochenende!
      Ida

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  4. WOW! Das ist ja mal ein Ende, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte. 😁 Ich finde du hast echt Potential, vor allem, weil du so detailgetreu schreiben kannst. Das ist echt ein Talent!😱

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  5. Ein wirklich toller Schreibstil. Das bringt schon eine Gänsehaut. Was manche Frauen ertragen müssen und lassen. Vor allem aus materialistischen Gründen. Sehr gut geschrieben und ein tolles Ende.

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  6. Hallo Ida,
    eine wunderbare Kurzgeschichte. Sehr gut zu lesen, schon zu Beginn, man fühlt so mit der Ich-Erzählerin mit. Dann die erste Überraschung – nun ist eine Frau an ihrer Seite – und dann gleich die zweite … mit dem kleinen Grusel und ein gelungener Abschlußsatz. Und das alles wirkt so komplett organisch und macht einfach Spaß zu lesen. Ich freu mich jede Woche schon auf deine Geschichte!
    LG, Daniela
    Hier mein Beitrag

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    1. Ach, das ist so lieb von dir, liebe Daniela! 🙂
      Es freut mich ganz arg, dass meine Geschichten solche Reaktion hervorrufen. Es macht mir auch einfach solchen Spaß, mir etwas zu Elizzys Aufgaben auszudenken – und für die eine oder andere Überraschung zu sorgen. ;D Das mit dem Plottwist kam lustigerweise auch ganz automatisch während des Schreibens – es hat sich (wie du schon sagtest) passend und organisch angefühlt. Ich bin froh, dass ich wenigstens in meiner Geschichte einem Opfer von häuslicher Gewalt zu ihrem Frieden und einer von Angst befreiten Zukunft verhelfen konnte.

      Hab ein großartiges Wochenende!
      Ida ❤

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  7. Hallo Ida,
    wow, dein Text ist ja richtig, richtig gut. Spannender Anfang, tolle Wendungen, und mit dem Ende hätte ich nun gar nicht gerechnet. Dann kann ich für die namenlose Frau, das namenlose gefällt mir übrigens auch sehr, nur hoffen, dass die Leiche da schön unbemerkt verottet.

    Ich habe mich heute für 3 berühmte Bücher in einem Satz entschieden Mein Beitrag

    Gruß Isbel

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    1. Hi Isbel!

      Ah, vielen Dank! 🙂 Ich drücke alle Daumen die ich habe, damit es nicht doch noch ans Tageslicht kommt, was da vergraben wurde.. 😉 Und dass die Protagonistin keinen Namen hat, ist eigentlich eher unabsichtlich passiert – aber ich finde, gerade das unterstreicht ganz schön, dass der Name jeder Frau, die unter häuslicher Gewalt gelitten hat (oder immernoch darunter leidet) an ihrer Stelle stehen könnte.
      Ich freue mich schon darauf, deinen Beitrag zu lesen! 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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  8. Liebe Ida, du hast da einen wundervollen und sehr starken Text geschrieben! Ich bewundere dein Talent sehr und lese immer wieder gerne bei dir mit! Danke für diese Geschichte!

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    1. Danke, liebe Anna! 🙂 Das stimmt, es ist ziemlich drastisch – und offenbar der einzige Schritt, den sie unternehmen kann. Ziemlich gruselig, wenn man sich es einmal genau überlegt. :’D

      Liebste Grüße,
      Ida

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