Ida schreibt

#WritingFriday [13]: “Madness”

Da hätte ich doch beinah den Writing Friday von der lieben Elizzy vergessen! Besser spät als nie kommt also an diesem recht grauen Vormittag ein neuer Beitrag zu folgender Schreibaufgabe:

„Du hast gerade deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis.“

Zudem ist heute nicht nur ein gewöhnlicher Freitag, sondern Freitag der dreizehnte. Aberglaube hin oder her, die Begegnung mit der schwarzen Katze meiner Eltern hatte ich gestern schon und die war nicht annähernd so gruselig wie man meinen mag. 😉 Und weil das heute auch noch der dreizehnte Beitrag zum #WritingFriday ist, gibt es heute einen Text, der ein bisschen anders ist. Mit dem Titel bin ich nicht zu hundert Prozent zufrieden – aber der Alternativtitel verrät zu viel. Viel Spaß beim Lesen!

 


 

„Madness“

Die Tür fiel ins Schloss, kraftlos abgestreifte Sneaker rumpelten über den Dielenboden. Und dann ein Seufzer, der durch den Flur zu kriechen schien, gefolgt von einem Schleifgeräusch, als ob jemand an der Tür hinabgleitet und wie ein Häuflein Elend auf dem Fußboden zusammensackt.
„Ich nehme mal an, dein erster Tag war nicht so-“, begann Sara, ehe sie sah, dass ihrer Mitbewohnerin die Tränen über die blassen Wangen liefen.
„Oh Jodie, nicht doch!“, rief sie und kniete sich ihr gegenüber. „Was ist passiert?“
Besorgt runzelte sie die Stirn und legte ihre Hand auf Jodies Knie, die ihre Augen schloss und tief einatmete. Während ihres gemeinsamen Medizinstudiums hatten sie schon einige schlaflose Nächte durchgemacht, einander im verletzlichsten Zustand gesehen, gemeinsam geweint und Erfolge gefeiert. Sara hatte vor Jodie eine Assistenzstelle in einem Krankenhaus ganz in der Nähe bekommen, während Jodie suchte und suchte und immer mehr in ein schwarzes Loch abzurutschen drohte. Sie hatte wunderbare Qualifikationen und echte Begeisterung für ihre Berufung als angehende Ärztin, aber einfach kein Glück bei der Jobsuche. Vielleicht war es auch einfacher, eine Stelle in der Inneren Medizin zu finden, so wie Sara, als in der Psychiatrie. Und dann hatte es endlich geklappt – eine psychiatrische Einrichtung hatte Jodies Bewerbung angenommen und wollte sie einstellen.
„Der erste Tag ist immer ein bisschen seltsam und anstrengend“, sagte Sara tröstend. „Das geht vorbei. Du wirst sehen, morgen läuft es bestimmt besser.“
„Sicher“, hauchte Jodie.
„Willst du darüber reden?“
„Ich weiß nicht.“ Wie in Trance wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht, stutzte kurz und runzelte leicht ärgerlich die Stirn. „Ich weiß auch gar nicht, warum ich deshalb weine. Es war einfach nur seltsam, aber noch lange kein Grund so rum zu heulen.“ Nichts desto trotz blieb sie sitzen und starrte ins Leere.
„Es war einfach so…. es hat mich an irgendetwas aus meiner Kindheit erinnert“, begann sie zögerlich. „Aber ich komme einfach nicht drauf!“ Fast schon zornig legte sie ihre Stirn in Falten und Sara konnte beinah sehen, wie es dahinter auf Hochtouren arbeitete. Nur das gelegentliche Tropfen des Wasserhahns und das Klackern der alten Heizung durchbrach die Stille, die sich wie ein Nebelschleier über die beiden gelegt hatte.
„Da war dieses Mädchen“, sagte Jodie plötzlich, wie zu sich selbst. „Ihre Eltern haben sie letzte Woche einliefern lassen. Dachten, sie dreht durch oder schnappt völlig über. Haben alle möglichen neurologischen Tests angefordert und die Kleine sitzt die ganze Zeit mit riesigen Kulleraugen auf dem Bett und spricht kein Wort. Zu niemandem.“ Sara nickte mitfühlend. Während ihrer medizinischen Ausbildung hatten sie das schon oft erlebt: Eltern, die glauben, ihre Kinder werden verrückt, weil sie in ihrem Verhalten nicht mehr wiederzuerkennen sind.
„Erst war sie völlig apathisch, so als wäre sie geschockt, dass ihre Eltern ihre Geschichte nicht glauben.“
„Geschichte?“ Saras Frage hing wie ein unheilvoller Vorbote in der Luft.
„Sie glaubt, in einer anderen Welt gewesen zu sein.“
„Und? War sie?“ Die Frage war Sara nur so herausgerutscht, und sie hielt erschrocken die Hand vor ihren Mund. „Ohman, tut mir leid, das war blöd, sowas zu fragen.“
Doch Jodie hob nachdenklich ihren Blick und sah ihre Freundin mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an, den Sara nicht deuten konnte. „Ehrlich gesagt, weiß ich das selber nicht so genau“, sagte sie schließlich.
„Wie meinst du das?“
„Laut ihren Eltern ist sie kurz verschwunden, als sie gerade einen gemeinsamen Ausflug gemacht haben. Erst wollten die beiden nicht damit herausrücken, aber sie haben sich beim Picknick ziemlich gestritten. Und als die Mutter sich dann umgeschaut hat, war die kleine Ellis weg.“ Jodie seufzte und strich sich mit beiden Händen die strubbeligen Haare aus dem Gesicht. „Sie dachten erst, sie wäre fortgerannt und hätte sich versteckt. Als sie dann nach zwei Stunden immer noch nicht aufzufinden war, haben die Eltern die Polizei informiert. Sie haben den kompletten Park durchkämmt, aber nichts. Nirgends ein kleines Mädchen. Sie befürchteten schon das Schlimmste, dachten an Entführung oder dass sie vielleicht im angrenzenden See ertrunken sei. Und dann, wie aus dem Nichts, stand sie plötzlich wieder da, unweit der Stelle, an der ihre Eltern die Picknickdecke ausgebreitet hatten. Sie hatte überall Grasflecken, ihre Kleidung war schmutzig von lehmiger Erde und in ihren Locken hatten sich Blätter verfangen. Und ihr Gesicht war dreckverkrustet.“
Sara sog scharf die Luft ein. „Hat man herausbekommen, was mit ihr passiert ist?“
„Sie haben sie natürlich gefragt, wo sie war und was mit ihr geschehen war. Aber ihre Antworten waren so konfus und ergaben absolut keinen Sinn. Sie wurde also erst einmal ins Krankenhaus gebracht und untersucht. Außer ein paar blauen Flecken fehlte ihr nichts. Aber dieser glasige Blick und ihre Version der Geschichte, was mit ihr geschehen war, gaben den Ärzten zu denken. Als sie merkte, dass ihre Eltern ihr nicht glaubten, fing sie wie unter Schmerzen an zu schreien und hörte einfach nicht mehr auf. Ihre Mutter versuchte wohl, sie anzufassen und zu beruhigen, doch daraufhin begann sie so wild um sich zu schlagen, dass man sie sedieren musste. Und dann wurde sie auf unsere Station verlegt. Und seitdem starrt sie mit diesem glasigen Blick vor sich hin und spricht nicht mehr.“
Sara schüttelte den Kopf. „Denkst du, man hat ihr Drogen verabreicht?“
„Sie erwähnte zwar Zigarrenrauch, aber ganz besonders irgendein Pilz, den sie angeblich essen musste, hat die Ärzte aufhorchen lassen. Sie vermuteten erst, dass sie sich, nachdem sie von ihren Eltern fortrannte, verlaufen hatte und Hunger bekam und sich das erstbeste in den Mund stopfte, was ihr über den Weg lief. Und im Park stehen ein paar ungenießbare Pilze, die man nicht essen sollte und die in manchen Fällen Halluzinationen hervorrufen.“
„Aber hätte man dann nicht Giftstoffe in ihrem Blut finden müssen?“
„Das ist es ja gerade“, meinte Jodie und massierte sich den schmerzenden Nacken. „Sie haben nichts gefunden. Und die Wirkung müsste auch schon längst nachlassen. Und trotzdem sitzt ein kleines Mädchen mit eingefrorenem Blick und blassem Gesicht in unserer Einrichtung.“
Frustriert ließ sie den Kopf in den Nacken sinken und starrte zur Decke hoch. „Das kommt mir alles so seltsam bekannt vor, wenn ich nur wüsste…“
Plötzlich verstummte sie. Dann: „Oh Gott.“
Alarmiert richtete sich Sara im Sitzen auf. „Was? Was ist?“
„Oh mein Gott.“ Wie elektrisiert sprang Jodie auf und rannte ins gemeinsame Wohnzimmer. Als Sara nach ihr dort ankam, tigerte Jodie gerade vor dem großen Bücherregal auf und ab und murmelte: „Es muss hier irgendwo sein, ich hatte doch diese eine Ausgabe…“, ehe sie mit einem „Aha!“ nach einem Buch griff und es mit aufgeregt zitternden Fingern aufschlug.
„Alice im Wunderland?“ fragte Sara, die Jodie jetzt über die Schulter sah.
„Alice im Wunderland“, hauchte Jodie.
„Du glaubst… sie war… im Wunderland?“
„Es ist wirklich seltsam, das musst du doch zugeben!“ Aufgeregt drehte Jodie sich zu ihrer Mitbewohnerin um. „Ein kleines Mädchen, dessen Name so klingt wie der von Alice aus dem Buch, das verschwindet und völlig verdreckt wieder auftaucht, etwas von Pilzen erzählt und jetzt nur noch starr vor sich hin stiert. Ich wusste, dass mir das Ganze bekannt vorkam!“
„Aber Alice ist nur ein Märchen!“, rief Sara und blickte mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Faszination zwischen Jodie und dem Buch in ihrer Hand hin und her.
„Vielleicht leidet sie ja unter Schizophrenie und hält die Geschichte, die sie womöglich irgendwann einmal gelesen hat, für echt“, sinnierte sie.
„Möglich…“, murmelte Jodie, ehe sie etwas aus ihrer Manteltasche kramte und ins silbrige Licht des aufgehenden Mondes hielt. „Aber warum hatte sie dann das bei sich?“

Glitzernd und schimmernd pendelte sie zwischen ihnen hin und her, die kleine Taschenuhr, die nur einem kleinen, behandschuhten Kaninchen gehören konnte.


Text: Ida


 

Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [12]: “Unverhofft kommt oft”

30 thoughts on “#WritingFriday [13]: “Madness”

  1. Huhu,

    oh wie genial, da wäre ich ja nie drauf gekommen. Ich habe erst vermutet, dass die Erinnerung etwas mit Jodies eigner Vergangenheit zu tun hat, und habe schon gerätselt was genau jetzt kommen mag. Mit Alice im Wunderland habe ich dann aber gar nicht gerechnet.
    Eine mega süße Idee! Da bin ich doch eigentlich richtig neugierig, was Ellis so erlebt hat. Manchmal dauert eine Ewigkeit ja nur eine Sekunde und sie ist ganz schön lange verschwunden gewesen. 🙂

    Liebe Grüße
    Lee.

    Liked by 2 people

    1. Huhu Lee!

      Tausend Dank für deine lieben Worte! Und ich hatte wirklich gehofft, dass es nicht sofort allzu sehr auffällt, dass es etwas mit Alice im Wunderland zu tun hat – deshalb freut es mich umso mehr, dass es dich überrascht hat! 😀
      Und ich stelle es mir genauso vor – sie war ziemlich lange verschwunden, und vielleicht hat genau das ihr Verhalten unwiderruflich beeinflusst und sie zu einem Teil von Wunderland gemacht. Kein Wunder, dass sie nicht wirklich da zu sein scheint, wenn sie so apathisch auf ihrem Bett sitzt. Aber ich hoffe für Ellis, das sie bald wieder aus der Psychiatrie entlassen werden kann. O_O

      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 2 people

      1. Früher habe ich mir immer gewünscht in eine andere Welt zu verschwinden, ich glaube aber es ist gar nicht soooo lustig wie man sich das immer vorstellt. Wie an Ellis unschwer zu erkennen ^^
        Ich hoffe auch das sie bald wieder aus der Psychiatrie heraus kommt 🙂

        Liked by 1 person

      1. Ne – ich denke der Pilz war perfekt – denn man überlegt erstmal – hm …könnte das eine Anspielung sein…war wirklich die richtige Wahl. 🙂

        Liked by 2 people

    1. Vielen Dank liebe Daniela! 🙂 Dann ist also mein diabolischer Plan ein Märchen in die Aufgabe zu integrieren voll aufgegangen! 😀 Und es ist wirklich etwas unheimlich geworden… 😉
      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

      1. Haha – schuldig im Sinne der Anklage! 😀
        Deine Geschichte werde ich mir als mein heutiges Abendprogramm vornehmen! Auch wenn ich heute selber nichts geschrieben habe, will ich doch wenigstens eure tollen, kreativen Texte durchstöbern. Darauf freue ich mich schließlich immer schon ❤
        Oh, und vielen lieben Dank für die Nominierung! Den Sunshine Blogger Award habe ich bereits im Februar gemacht (https://idasbookshelf.wordpress.com/2018/02/19/lesemarathon-13-sunshine-blogger-award/) – aber vielleicht nehme ich mir demnächst einmal die Zeit, um auch deine Fragen zu beantworten. 🙂
        Liebste Grüße,
        Ida

        Like

  2. Liebe Ida,
    da ist dir wieder eine absolut großartige Geschichte gelungen. Als du den Namen “Ellis” erwähnt hast, musste ich tatsächlich an “Alice im Wunderland” denken. Wirklich klasse, wie du diese Erzählung in deine Geschichte eingeflochten hast. Ich bin begeistert. 🙂
    Liebe Grüße,
    Anna

    Liked by 2 people

    1. Oh ich danke dir, liebe Anna! ❤
      Der Name kam mir in den Sinn, weil ich vor einiger Zeit Grey's Anatomy gesehen hatte und eine der Nebenfiguren diesen Namen trägt. Die Schreibweise hatte ich so noch nie gesehen und dachte eben auch gleich an Alice – also die perfekte Tarnung für meine Alice in der Psychiatrie. 😉 Ich freue mich so sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat! 🙂
      Liebste Grüße,
      Ida

      Liked by 1 person

  3. Liebe Ida,
    Sehr spannende Geschichte! Ich hattet zunächst die Vermutung, dass Jodie selbst verrückt ist und ihre Mitbewohnerin dies anhand ihrer Erzählung erkennt, das hätte auch einen guten Thriller-Twist gegeben:-)
    Aber irgendwann bahnte sich das Wunderland dann ja an, eine sehr lustige Idee!
    Jetzt hast du mich die letzten Wochen echt motivert, ich glaube, ab Mail werde ich den Writing Friday auch mitmachen 🙂
    Viele Grüße

    Liked by 2 people

    1. Vielen Dank! 🙂 Ich hatte sogar erst überlegt, es in diese Thriller-Richtung gehen zu lassen und es so enden zu lassen, dass Jodie selbst Patientin in der Psychiatrie wird, in der sie gearbeitet hat. Aber dann kam mir die Alice-Idee, und die Geschichte hat sich gefügt. 😀 Ich liebe ja solche Geschichten mit düsteren Märchen-abwandlungen – also musste ich es natürlich auch mal selber ausprobieren.
      Au ja – wenn du mitmachst, freue ich mich schon auf deine Beiträge im Mai! ❤
      Liebste Grüße,
      Ida

      Like

  4. Wirklich eine richtig tolle Geschichte. Was für eine kreative Idee es mit Alice im Wunderland zu verbinden! Wirklich toll. Ich werde mich nun definitiv noch ein wenig weiter auf deinem Blog umschauen. Weiter so!

    LG Svenja von Bücherfieber

    Hier kommst du zu meinem Beitrag

    Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.