Ida schreibt

#WritingFriday [11]: “Obdachlos und doch so frei”

Momentan liege ich mit einer bösen Erkältung im Bett – und obwohl ich von Taschentüchern, Teetassen, Medikamenten, Hustenbonbons, Kissen und Decken umgeben in meinem eigenen Saft brutzle (haha, viel Spaß dabei, dieses Bild jetzt aus eurem Kopf heraus zu bekommen! ;D), habe ich mir im Rahmen des wöchentlichen #WritingFriday von Elizzy die vierte und letzte Schreibaufgabe im März vorgeknöpft:
 

„Du lebst als Obdachloser auf der Straße. Beschreibe deinen Blick auf die Menschen, die vorbeigehen.“

Nachdem ich schon so viele wunderbare, berührende und auch inspirierende Texte von anderen kreativen Teilnehmern der Aktion  gelesen habe, interpretiere ich die Aufgabe jetzt ein wenig anders, als ich es ursprünglich vorhatte. Wie immer wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!


 

„Obdachlos und doch so frei“

Eigentlich interessiere ich mich nicht besonders für diejenigen, die in den Straßen dieser Stadt meinen Weg kreuzen. Die wenigsten nehmen mich überhaupt wahr, und genau das ist es schließlich, was ich mir am meisten erhoffe. Nicht gesehen zu werden. Niemand, der ein wachsames Auge auf mich wirft. Niemand, der mir misstrauisch hinterhersieht, wenn ich ihm begegne. Die Menschen haben für ihre Umgebung ein blindes Auge entwickelt, das mir schon oft zugutegekommen ist. Wenn sie nicht gerade auf Dinge in ihrer Hand starren, starren sie stoisch gerade aus, keine Zeit, um die Welt um sich herum so aufzusaugen wie ich. Kaum einer riecht mehr, wie verlockend es aus den Imbissbuden riecht, nach Essen, das ich mir nicht leisten kann. Selten setzt sich einer nieder, um das warme Sonnenlicht nach langen Monaten der bitteren Kälte zu genießen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Der strenge Antonio aus der Pizzeria an der Ecke, der immer schon drohend den Finger hebt, wenn er mich nur in der Näher seiner Außentische sieht. Der sieht mich jedes Mal, aber wirklich ohne Ausnahme. Der Mann ist auf Zack. Oder der stämmige Ire in einem der Nebengässchen, der manchmal heimlich seinen Gästen im Irish Pub den Rücken zudreht und mir etwas zu Trinken gibt. Besonders an heißen Tagen wird er, der wie ein Baumstamm auf Beinen aussieht, ganz besonders weich. Ich mache mir nichts aus Menschen, dass man das ja nicht falsch versteht! Aber irgendwie ist er wie ich. Immer grummelig und wortkarg, aber mit einem Herz aus Gold. Nun gut, das Herz aus Gold habe ich wahrscheinlich nicht, dazu bin ich ein bisschen zu sehr ich selbst. Ich denke, das macht die Straße aus einem, man wird gerissen und listig und ist immer auf der Hut. Ich klaube Dinge auf, die Menschen fallen lassen, ich durchwühle ungeniert Mülleimer und in der Nacht laufe ich Serenaden schmetternd über das Pflaster, das im Mondlicht glänzt und funkelt und schrecke nur dann in die Dunkelheit einsamer Nebenstraßen zurück, wenn mir jemand über den Weg laufen sollte. Ach, ich finde es schön auf der Straße. Klar, es ist furchtbar kalt im Winter und man muss schon sehr kreativ werden, wenn es um einen warmen Schlafplatz geht, aber meist habe ich Glück. Mein verstrubbelter Charme hat mir noch so manche durchlöcherte Decke eingebracht. Aber lasst euch nicht täuschen – das Leben auf der Straße ist hart. Meist, wenn der Winter vorüber ist, bemerkt man erst, wie viele seiner Kollegen der todbringenden Kälte zum Opfer gefallen sind. Als Obdachloser kehrt man abends nicht in ein warmes Heim zurück, zu einem guten Essen und einem weichen Bett. Zu jemandem, den man liebt. Ich habe schon viel geliebt und bin auch viel geliebt worden, aber letzten Endes verlassen sie einen doch alle. Niemand bleibt. Mein Leben als Obdachloser, als Streuner, als Bettler, als derjenige, der die Reste aufsammelt, die keiner mehr haben will, das ist genau das, was ich will. Außerdem kann ich nicht eingesperrt sein, das geht einfach nicht. Ich habe es probiert. Und ja, ich bin abgehauen. Es war mir egal. Eingeengt von vier Wänden, stickige Luft, keine Freiheit, das tun und lassen zu können, was einem gerade in den Sinn kommt. Manchen scheint es zu taugen, aber für mich ist das nichts. Aber das hier, das ist Freiheit. Selbst die Dunkelheit um mich herum habe ich mir zum Komplizen gemacht. Es ist schon spät, fast Mitternacht. Vereinzelt blinken bunte Lichter und im Lichtstrahl einer Straßenlaterne trudeln Motten mit flirrenden Bewegungen auf und ab. Ich blicke auf. Ein vertrauter Geruch liegt in der Luft. Ich schnuppere, wittere. Ich spitze die Ohren und lausche. Ja, tatsächlich. Ein paar Straßen weiter rattert der Karren des Metzgers vorbei. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Da muss ich hin! Schnell springe ich auf die Beine und renne fast zu meinem Ziel. An der Ecke halte ich inne. Ich will dem Metzger nicht begegnen, wenn er seine – eigentlich noch frischen – Fleischabfälle wegwirft. Sein Verlust! Das Zeug ist köstlich. Keine zehn Minuten später trete ich mit prall gefülltem Magen und so satt wie selten den Rückweg an. Ich plane, der Vogeltränke vier Straßen weiter einen Besuch abzustatten. Es werden sich um die Zeit zwar keine Vögel darin tummeln, aber für eine Katzenwäsche reicht es allemal. Das Fell hinter meinen Ohren fühlt sich schon wieder so schmutzig an. Gut gelaunt sprinte ich los. Ein frischer Wind treibt mich an und lässt meine Schnurrhaare voll freudiger Erwartung erzittern. In der Nacht gehört die Welt mir allein, schreit es in mir triumphierend, während ich auf Samtpfoten durch die Dunkelheit flitze.


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [10]: “Du”

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9 thoughts on “#WritingFriday [11]: “Obdachlos und doch so frei”

  1. Liebe Ida,

    was für ein bemerkenswerter Text. Und vor allem: Was für eine tolle Idee? Dieser Blickwinkel ist ganz anders als die anderen Beiträge zu diesem Thema und er gefällt mir richtig, richtig gut!
    Ich liebe deinen liebevollen Schreibstil.

    Hab ein tolles Osterwochenende!
    Janika

    Liked by 1 person

    1. Liebe Janika,

      Ich freue mich einfach schon immer so auf deine Kommentare! 🙂 Danke dafür ❤ Hätte ich die Aufgabe vor ein paar Wochen schon genommen, wäre garantiert eine andere Geschichte dabei herausgekommen 😀 Aber durch die anderen wunderbaren Geschichten habe ich mich zu etwas anderem inspirieren lassen, was man hoffentlich nicht sofort bemerkt, sobald man zu lesen beginnt 😉 Außerdem hab ich den kleinen Streuner echt ins Herz geschlossen 😀

      Genieß' dieses wunderbar verlängerte Oster-Wochenende! 🙂
      Ida

      Liked by 1 person

  2. Hallo, Ida!
    Was für ein toller Text! ❤
    Da dachte ich mir noch, oh, mal was anderes. Jemand der das Obdachlosenleben als Freiheit sieht. Gefällt mir. Und dann: TWIST! Mich hast du auf jeden Fall überrascht. Ich werde es gleich nochmal lesen, um zu schauen, ob ich es früher erraten hätte können. 😀
    LG, m

    Liked by 1 person

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