12 Klassiker im Jahr · 2018

6 Klassiker für 2018 | #2 | “Mutter Courage und ihre Kinder” | Rezension

„Man merkts, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden.“ – S. 9

Das zweite Buch im Rahmen der 6 Klassiker für 2018 im deutschsprachigen Bereich ist „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht. Das im Jahr 1939 veröffentlichte Drama wurde vielfach als Theaterstück aufgeführt und auch verfilmt. Es ist, wie der Untertitel des Dramas schon verheißt, eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Händlerin Anna Fierling, auch bekannt als Mutter Courage, und ihre drei Kinder, die stumme Kattrin und die beiden Söhne Eilif und Schweizerkas. Aufgebaut wie verschiedene Szenen eines Theaterstücks erlebt der Leser nun, wie Mutter Courage versucht, während des Dreißigjährigen Krieges sich und ihre Kinder am Leben zu erhalten. Mutter Courage selbst hält an ihren Prinzipien fest, und selbst als sie diese teuer zu stehen kommen, zeigt sie sich lernresistent.

Sowohl während meiner Schul- und Universitätszeit als auch in meiner Freizeit sind mir einige deutschsprachige Klassiker vor die Nase gekommen. Was ich an Klassikern liebe, ist, dass sie Missstände einer Gesellschaft aufdecken und diese auf literarische Art und Weise kundtun. Brechts Werk vom Dreißigjährigen Krieg ist hier keine Ausnahme, zeigt er doch die Ambivalenz des Krieges auf – wer profitiert davon und wer nicht, und kann man letztendlich wirklich vom Krieg profitieren oder überwiegen am Ende nicht doch die Verluste?

Ich habe allerdings ein Problem mit dem Begriff ‚Klassiker‘ in der Hinsicht, dass ziemlich lange Werke als Klassiker bezeichnet wurden (und meist noch immer werden), die besonders schwer verständlich waren oder eine immense Seitenzahl vorweisen konnten. Denn, so das Credo: wer Klassiker nicht versteht, verfügt eben nicht über die nötige Intelligenz und gehört folglich nicht zur intellektuellen Elite (aka der finanziell gut Abgesicherten, die sich solche Bücher und die Zeit zum Lesen leisten konnten). Abgesehen davon, dass viele Werke von Frauen früher nicht berücksichtigt wurden. Die Elite war männlich, und das sollte so bleiben. Ich suche mir also Klassiker heraus, als Klassiker bezeichnet werden und überprüfe dabei für mich deren geschichtliche Relevanz und deren Mehrwert für mich persönlich. Deshalb will ich noch anmerken: Nicht jeder Klassiker ist für jeden etwas.

Und genau das war für mich der Fall bei Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. Ich will ehrlich sein – es war anstrengend, mich durch diese Geschichte zu wühlen, die in mehreren Zeitsprüngen von einem Geschehen zum nächsten springt. Der Einblick in die Geschehnisse des Krieges – meist fernab der Schlachten – hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Vor allem Mutter Courage mit ihrem eisernen Willen, sowohl ihren Handel auf ihrem Karren durch den Krieg zu bringen als auch ihre Kinder. Doch auch ihr Wille hat Grenzen, und als ihre Prinzipien mit der Realität kollidiert, wieder und wieder, lernt sie nichts aus ihrem Verhalten. Trotzdem konnte ich mich nicht in die Geschichte hineinfühlen, auch wenn ich es mir bildlich als aufgeführtes Stück vorgestellt habe. Die Charaktere und ihr Handeln blieben mir fremd und diese Distanz war mein größtes Problem mit diesem Buch. Zugegeben, der Dreißigjährige Krieg ist auch eine Zeit, mit der ich auch schon im Schulunterricht verhältnismäßig wenig anfangen konnte. Die Zeittafeln, die Teil dieses Buches sind, waren dabei zwar recht hilfreich, aber ich hatte dennoch nicht das Gefühl, am Schicksal der Charaktere ausreichend interessiert zu sein, abgesehen vielleicht von Kattrin. Die Sprechweise der einzelnen Charaktere ist – wie im Drama üblich – trotzdem ziemlich gut gemacht, man hört Mutter Courage förmlich in ihrem etwas verlodderten Dialekt sprechen.
Besonders interessant fand ich die in meiner Ausgabe an den Text angefügten Zeitungsartikel zu den Uraufführungen in den Jahren 1941 und 1949. Aus ihnen spricht der ganze Zeitgeist jener Jahre vor, während und nach einem anderen – zwar kürzeren, aber ebenso verheerenden – Krieg in aller Deutlichkeit heraus.

In einigen Schulen gehört „Mutter Courage“ zum Unterrichtsstoff, in meiner Schullaufbahn bin ich damit nicht in Berührung gekommen. Obwohl ich mit der Geschichte gefremdelt habe, finde ich es wichtig, dass solche Texte ab und an auch auf Schulbänken zu finden sind. Sie lehren einen wieder einmal, dass es in jedem Krieg solche Menschen gibt, die davon profitieren und solche, die dafür bluten müssen. Und dass Krieg niemals, in keinem Fall, eine Lösung ist – auch nicht, um „die Menschen wieder wachzurütteln“.

 


Autor:   Bertolt Brecht
Titel:     Mutter Courage und ihre Kinder
Verlag:  Suhrkamp Basis Bibliothek
Jahr:      1939
Seiten:   184
[Genre:  Drama / Klassiker]


 

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21 thoughts on “6 Klassiker für 2018 | #2 | “Mutter Courage und ihre Kinder” | Rezension

  1. Ich erinnere mich daran, Mutter Courage gelesen zu haben, aber das ist so lange her, dass ich gar nicht mehr wirklich sagen kann, ob es mir gefallen hat. Ich gehörte in der Schule ja zu denen, die die Leselisten immer komplett gelesen haben, statt nur einen oder zwei Titel. ich hab auch noch alle meine Reklamhefte aus der Zeit. In unserem Literaturkreis hatten wir grad vier Wochen Literaturseminar mit dem Thema “Die Meistererzählungen der Deutschen Romantik”. Das hat mich ziemlich motiviert, auch mal wieder die alten sogenannten Klassiker zu lesen, weil es mir ja auch früher total viel Spaß gemacht hat. Ich denke, es ist für jeden Bücherwurm immer wieder mal gut, außerhalb seines bevorzugten Genres zu lesen. Ich tue das, zugegebenermaßen, viel zu selten. Aber ich glaube, Mutter Courage werde ich mal aussetzen. xD

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    1. Ah, dann warst du auch so jemand, der gleich die komplette Lektüre fertig hatte, bevor man sich im Unterricht überhaupt damit beschäftigt hat? 😀 Ich hab die ganzen in der Schule behandelten Klassiker auch mit einem Haps verschlungen – bis auf Kafka, mit dem verbindet mich noch heute eine starke Hass-Liebe 😀
      Das Literaturseminar klingt richtig spannend! Welche Titel habt ihr denn da so besprochen?
      Ich finde, ab und an braucht man mal einen Stups in eine andere Leserichtung. Ob einem das Genre oder das Buch an sich letztendlich taugt oder nicht sei einmal dahingestellt, aber so bekommt man dann auch mal andere Arten von Literatur vor die Nase. Und in meinem Fall war es ganz gut, weil ich das Gefühl habe, andere Genres wieder mehr schätzen zu können. Ich hatte immer so viel Gutes über “Mutter Courage und ihre Kinder” gelesen und war schon fast beschämt, dass ich als Germanistik-Studentin noch nichts von Brecht gelesen hatte – aber jetzt kann ich immerhin sagen dass es einfach nicht meinen Geschmack trifft. xD

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      1. ja, genau so eine war ich immer xD Kafka ist schon ein Sonderfall. Mit dem tue ich mich auch immer richtig schwer. aber nicht jeder Autor passt zu jedem Leser.
        beim Seminar hatten wir Brentano mit seinen “Die mehreren Wehmüller”, dann ETA Hoffmanns ‘Sandmann’, ‘Peter Schlemihls wundersame Geschichte’ von Adelbert von Chamisso und gestern als Abschluss de la Motte Fouqués ‘Undine’. Ein echt bunter Querschlag durch die Werke der Zeit und obwohl sie alle vier ähnliche Dinge kritisieren und sich gegen die Vernunft und die Klassik sehr auflehnen, sind sie doch voneinander extrem verschieden. Das fand ich total klasse und ich werd auch die restlichen Erzählungen noch lesen müssen, einfach weil mir das soviel Spaß gemacht hat.

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      2. Kafka der Sonderfall.. ha, da hast du Recht! 😀 Das ist wirklich eine bunte Mischung, die ihr da behandelt habt – und das Seminar klingt richtig spannend! Wenn man danach noch alle Erzählungen lesen will, die besprochen wurden, weiß man, dass es ein gelungenes Seminar war. 😉 ‘Undine’ und ‘Sandmann’ kenne ich, aber von Brentano und Chamisso habe ich noch nichts gelesen – vielleicht sollte ich das auch mal auf meine Klassiker-Liste packen… puuh, die Liste wird wirklich lang, wenn man so drüber nachdenkt, wie viele Klassiker es gibt und wie viele man wahrscheinlich nicht verstehen wird xD

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      3. Unser Bürgerkreis-Verein bietet einen Literaturkreis einmal im Monat an. Im Frühjahr und im Herbst macht der dann vier Wochen lang (jeden Montag quasi) ein Seminar zu ausgewählten Themen. Interessant wird das, weil derjenige, der die Themen macht, promovierter Literaturwissenschaftler ist (der noch dazu absolut genial vorlesen kann und mit einer Begeisterung zu Werke geht, dass es eine wahre Freude ist). Nächstes Mal für den normalen Literaturkreis haben wir das Thema fantastische Literatur. Ich glaube, ich werde Le Guins ‘Freie Geister’ mitnehmen und vorstellen xD

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      4. Das ist ja wundervoll! Bei uns gibt es sowas leider nicht – oder aber ich habe vielleicht nicht richtig gesucht. 😀 Aber sowas würde mir auch richtig Spaß machen – gerade wenn derjenige, der die Themen bestimmt, mit solchem Feuereifer und einer Leidenschaft dabei ist, dass man gar nicht anders kann als davon angesteckt zu werden. Das erinnert mich an meinen Deutschlehrer aus der Abi-Klasse, bei ihm habe ich meine Liebe zur Literatur wiederentdeckt. Gottseidank gibt es noch solche Menschen, die einen mit ihrer Begeisterung richtiggehend wachrütteln 😀
        Jetzt wo du es sagst, ich habe erst neulich von Le Guins “Freie Geister” gehört, es aber auch noch nicht gelesen. Naja, wir wissen ja, auf welche Liste das dann landet… 😀
        Viel Spaß dir noch bei deinem Literaturkreis! 🙂

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  2. Hallo, Ida!
    Ich erinnere mich dunkel, dass wir im Deutschunterricht mal “Mutter Courage und ihre Kinder” besprochen haben, aber gelesen haben wir es nicht. Ich muss zugeben, dass ich um Brecht und Hesse eher einen Bogen mache, weil ich mit dem Schreibstil nicht so recht klar komme. Da halte ich mich lieber an Dickens und Shelley und Austen und Bronte. 🙂
    Aber wer weiß, vielleicht gebe ich den beiden Herren irgendwann noch einmal eine Chance. Geschichtlich interessiert bin ich ja schon. 🙂
    Was für Klassiker hast du denn sonst noch so geplant für dieses Jahr?
    LG, m

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    1. Hallo meine Liebe!

      Daran kann ich mich auch noch erinnern – Klassiker, die in der Schule kurz angerissen werden. Bei uns wurde das meist per Referat abgehandelt, damit relativ viele Klassiker in kürzester Zeit besprochen werden konnten. Aber das Manko ist dabei, dass man selbst nur das Buch näher kennt, das man selbst vorbereitet hat. Deshalb bleibt da leider auch eher wenig hängen 😀
      Das war mein erster Brecht, und das wird vorerst auch so bleiben xD Hesse steht noch auf meinem Plan für dieses Jahr, deshalb bin ich gespannt, wie mir sein Schreibstil gefallen wird. Und ja, ein Hoch auf Dickens und Shelley! Für die deutschen Klassiker habe ich für dieses Jahr neben Hesse mit ‘Der Steppenwolf’ noch ‘Die Schachnovelle’ von Stefan Zweig geplant, sowie ‘Die Vermessung der Welt’ von Daniel Kehlmann und ‘Buddenbrooks’ von Thomas Mann.
      Für die englischen Klassiker habe ich mir ‘The Great Gatsby’ von Fitzgerald herausgesucht, sowie ‘The Wizard of Oz’ von Frank L. Baum, ‘Uncle Tom’s Cabin’, und dann natürlich ‘Jane Eyre’ von Charlotte Bronte und ‘Oliver Twist’ von Charles Dickens.
      Ich habe mich bei meiner Auswahl allerdings bewusst gegen Jane Austen entschieden – die drei Werke, die ich von ihr gelesen habe, reichen mir wahrscheinlich für einige Jahrzehnte (Schande über mich, aber ich ertrage ihren Erzählstil nicht!). 😀

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Oh, ich habe “The Wizard of Oz” gestern Abend beendet. Es ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. 😀
        Ich mag Austen ganz gerne und möchte dieses Jahr die Bücher, die mir noch fehlen, lesen. Aber ich kann verstehen, dass das ein Stil ist, der manchen nicht zusagt. Mir geht es so mit “Moby Dick”. Es wird mich große Überwindung kosten, das Buch fertig zu lesen. 😀 Jane Eyre und Große Erwartungen stehen auch für mich dieses Jahr noch auf dem Programm. Ich bin gespannt, inwiefern unsere Meinungen dann übereinstimmen. 🙂
        LG, m

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      2. So wie es dir mit “The Wizard of Oz” ging, ging es mir mit dem ersten englischen Klassiker, den ich dieses Jahr gelesen habe – nämlich “Peter Pan” von J.M. Barrie. Das war so viel düsterer als ich gedacht hätte! 😀 Ich drücke dir die Daumen, dass du dich trotzdem irgendwie durch “Moby Dick” wühlen kannst – das Buch habe ich auch noch nicht gelesen… die Klassiker-Liste füllt sich stetig 😀
        Jane Eyre wollte ich schon vor zwei Jahren lesen… aber irgendwie hab ich es bis jetzt großartig ignoriert. Ich bin auch schon gespannt, ob wir dann bei derselben Meinung dazu herauskommen 😀 Jane Eyre ist allerdings erst für den Oktober diesen Jahres geplant… ich brauche mehr Geduld.. xD

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      3. Oh, gut dass du mich an Peter erinnerst. Da ist noch eine Rezension offen, soweit ich weiß. Ich hab mich auch sehr gewundert, als ich es gelesen habe. Der gute Herr Barrie hat ja alles antropomorphisiert, was gerade ging. XD
        Ich habe mich vor einiger Zeit mal bei der Buchkultur-Challenge angemeldet. Keine Ahnung, ob die eigentlich noch läuft, aber die Liste mit den Klassikern ist sehr praktisch. 🙂

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      4. Ooohja… ich hatte außerdem (nach all den Verfilmungen inklusive Disney) ein liebenswürdiges Märchen für Kinder erwartet. Dass es dann aber doch so bösartig und link zuging, das hat mich echt umgehauen 😀 Ich werde nie wieder irgendwelche Peter-Pan-Adaptionen durch die rosa-rote Brille sehen, das steht fest. xD
        Von der Buchkultur-Challenge höre ich zum ersten Mal – das muss ich direkt mal nachschauen. Was mich auch mal reizen würde, ist die “Rory Gilmore Reading List” … das wäre doch mal was für nächstes Jahr, wenn meine ‘Klassiker-Challenge’ abgeschlossen ist. Soweit ich weiß, sind auf der Liste auch einige Klassiker vertreten, die man gelesen haben sollte (obwohl das ja auch sehr subjektiv ist). Aber diese Buchkultur-Challenge werde ich mir direkt mal ansehen. 😀

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      5. Ich muss die Seite mal aktualisieren. Aber schau sie dir ruhig an, vielleicht gibt es noch den einen oder anderen Klassiker, der dir gefallen würde.
        Die Rory Gilmore-Reading-List klingt eigentlich auch interessant, aber…sind das nicht echt viele Bücher, die sie über die Jahre so gelesen hat? 350-400, sowas? Das krieg ich in einem Jahr sicher nicht gebacken. 😅

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      6. War eben auf deiner Seite – und ich denke, ich werde mitmachen! Das klingt wirklich richtig, richtig gut, und da sind so viele Titel dabei, die ich eh schon mal lesen wollte. Zwei Fliegen mit einer Klappe.. 😉
        Und ja, die Liste von Rory umfasst knapp 400 Bücher… für ein Jahr wird das wirklich etwas eng xDD Das ist dann doch eher so eine lebenslange Challenge 😀

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