Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Romane

Rezension | Lucinda Riley: “Der Engelsbaum” (1995)

Cheska berührte einen der dünnen Äste. „Jonny ist hier?“
„Ja, Schatz. Menschen, die wir lieben, verlassen uns nie ganz.“
„Der Engelsbaum“, murmelte Cheska. „Er ist da, Mummy, er ist da. Siehst du ihn zwischen den Ästen?“ Und zum ersten Mal seit zwei Wochen trat ein Lächeln auf Cheskas Gesicht. – S. 122

Neulich war ich wieder auf der Suche nach einem Buch und habe wieder einige Zeit vor meinem Stapel ungelesener Bücher verbracht. Und aus einer Mischung von kürzlich dazugekommenen und lange im Regal ausharrenden Büchern habe ich mir schließlich „Der Engelsbaum“ von Lucinda Riley herausgesucht. Dieses Buch hat vor knapp 2 Jahren als Geschenk von meinem Bruder an mich seinen Weg zu mir gefunden und hat seither auf Erlösung gewartet. Dass es dort schon so lange liegt, lag eindeutig nicht am Klappentext, der hat mir sofort zugesagt:

„Viele Jahre sind vergangen, seit Greta Marchmont das Herrenhaus verließ, in dem sie einst eine Heimat gefunden hatte. Nun kehrt sie zurück nach Marchmont Hall in den verschneiten Bergen von Wales. Doch sie hat keinerlei Erinnerung an ihre Vergangenheit, denn seit einem tragischen Unfall leidet sie an Amnesie. Bei einem Spaziergang macht sie aber eine verstörende Entdeckung. Sie stößt auf ein Grab im Wald, und die Inschrift verrät ihr, dass hier ein kleiner Junge begraben ist – ihr eigener Sohn! Greta ist entschlossen herauszufinden, was sich in ihrem früheren Leben ereignet hat. Dabei kommt jedoch eine Wahrheit ans Licht, die so schockierend ist, dass Greta allen Mut braucht, um ihr ins Gesicht zu blicken – damit sie schließlich wahren Frieden finden kann…“

Warum ich es dann nicht schon früher aus dem Regal gezogen habe, wenn es mich doch schon so interessierte? Weil ich ein ziemliches Cover-Opfer bin und ich voreilig vom Äußeren des Buches auf das Innere geschlossen habe. Dieses Problem hat sich auch gleich beim Beginn der Geschichte gezeigt, als ich mehr als voreingenommen in die Geschichte einstieg. Das Cover selber ist mir persönlich viel zu kitschig und hat, wie ich finde, nicht viel mit dem Inhalt gemein. Außer dem Schnee vielleicht. Aber das war es dann auch schon. Aber eine mit dem Rücken zum Leser in ein goldenes Kleid gewandete, blond gelockte Frau, die an einer schlossartigen Brüstung steht und schmachtend in die verschneite Ferne blickt, während sich Magnolienblüten über den oberen Teil des Covers ergießen – das ist die Art von Coverbild, die mich absolut nicht anspricht. Also hat sich in meinem Hirn direkt ein Schalter umgelegt und meine ganze Lesehaltung war darauf aus, dieses Buch nicht zu mögen.

Das hat vielleicht während der ersten 30 Seiten funktioniert, auf denen der Dialog der Charaktere zugegebenermaßen recht hölzern und konstruiert wirkte, aber danach nahm die Geschichte solche Fahrt auf, dass ich teilweise ohne es zu merken bis zwei Uhr nachts durchgelesen habe, weil die Geschichte so spannend war!

Die Geschichte ist so aufgebaut, dass man zunächst – wie die Protagonistin Greta – als Fremde nach Marchmont kommt und sowohl das Anwesen als auch die anderen Charaktere mit den Augen einer Fremden betrachtet. Dadurch, dass es in der Geschichte dann bestimmte Wendepunkte gibt, an denen etwas für das Geschehen entscheidendes geschieht, auf die dann direkt in die Vergangenheit zurückgeblendet wird, lernt man nach und nach die Charaktere besser kennen, und sieht auch Greta selbst in einem anderen Licht.

Engelsbaum3

Ich finde, sowohl der Titel als auch die äußerliche Gestaltung des Buches gaukeln mir als Leser etwas völlig anderes vor als das, womit die Geschichte letztendlich aufwarten kann. Es ist eine zuweilen sehr düstere Geschichte, durchzogen von wirklich gruseligen und auch sehr erschütternden Momenten, mit denen ich so gar nicht gerechnet hatte. Von einer Mutter, die ihr Kind zu früh zum Star macht und nur durch ihr Kind lebt bis zu psychischen Störungen, emotionale Ausbeutung, Rücksichtslosigkeit und eine Liebe, die aus Stolz zurückgehalten wird… diese über mehrere Generationen gestreckte Erzählung beginnt metaphorisch bei den Blättern eines Baumes und arbeitet sich immer tiefer hinein in das Wurzelwerk vom Scheitern und vom Versuch, sich aus den Fängen des Schicksals zu befreien.
Ob das eventuell die Bedeutung des Titels sein kann? Denn auch damit hatte ich so meine Probleme – mir hat sich der Titel in Bezug zum Geschehen nicht wirklich erschlossen, zumal der Engelsbaum lediglich ein einziges Mal im Buch Erwähnung findet. Das ist jetzt natürlich Jammern auf hohem Niveau, mich persönlich stören aber genau solche Kleinigkeiten: Wenn Titel und Cover nicht wirklich das widerspiegeln, worum es im Buch geht.

Allerdings handelt es sich hier aber auch um eines der ersten Bücher Lucinda Rileys aus dem Jahr 1995, und bei diesem Buch wurden offenbar nicht nur der Titel des Buches (von ‚Not Quite an Angel‘ zu ‚The Angel Tree‘), sondern auch das Ende von der Autorin überarbeitet und damit verändert. Ich habe auf jeden Fall vor, noch mehr von Lucinda Riley zu lesen – immerhin stehen noch drei Bücher von ihr auf meinem Regal der ungelesenen Bücher und das hier war meine erste Begegnung mit ihr – die schon einmal sehr vielversprechend war.

Wenn man sich darauf einlässt, ist dieses Buch ein wirklich guter Zeitvertreib. Von Spannung über Horror, Psychothriller und Romantik ist in diesem Roman wirklich alles vertreten. Die Plottwists, Rückblenden und sich beinah überschlagenden Ereignisse machen dieses Buch zu einer rasanten Fahrt, die nur von Cover und Titel ein wenig gebremst werden.


Welche Erfahrung habt ihr mit Lucinda Riley gemacht?
Und falls ihr „Der Engelsbaum“ gelesen habt würde es mich sehr interessieren, welche eure Vermutung zur Bedeutung des Titels ist – das lässt mich einfach noch nicht los. 😉


Autor:   Lucinda Riley
Titel:     Der Engelsbaum [OT: Not Quite an Angel / The Angel Tree]
Verlag:  Goldmann Verlag
Jahr:      1995; überarbeitete Auflage / Neuauflage des Verlags 2014
Seiten:    614
[Genre:   Historischer Roman]


 

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8 thoughts on “Rezension | Lucinda Riley: “Der Engelsbaum” (1995)

  1. Ich mag Lucinda Riley, habe viele tolle Bücher von ihr gelesen, Der Engelsbaum allerdings war mit weitem Abstand das Buch, das mir am wenigsten gefallen hat. Ich fand es viel zu düster für das, was Titel, Klappentext und die sonstigen Bücher der Autorin versprechen, darum habe ich dieses Buch nur mit Widerwillen zu Ende gelesen und seitdem irgendwie auch meine Freude an der Autorin ein wenig verloren…

    Liked by 1 person

    1. Das ist ja interessant – dann war bei dir also genau die umgekehrte Reaktion der Fall, was den Zusammenprall von Gesamteindruck und tatsächlichem Inhalt angeht. Ich habe mich eher darüber gefreut, dass die Geschichte solche düsteren Züge angenommen hat. Aber das liegt vielleicht auch einfach daran, dass ich momentan keine große Lust auf romantische Bücher habe – spätestens im Sommer ändert sich das bestimmt, und dann verschlinge ich alle Riley-Bücher, die noch auf meinem Regal stehen! 😀

      Und wie gesagt, ‘Der Engelsbaum’ war Rileys erstes Buch und ich habe schon von vielen begeisterten Leser gehört, die davon berichten, wie sehr sich ihre Art Geschichten zu erzählen verbessert hat. Vielleicht findest du mit einem anderen, neueren Buch der Autorin die Liebe zu ihren Romanen wieder. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Ja, ich habe eben irgendwie etwas anderes erwartet und dann hat es einfach nicht mehr gepasst mit mir und diesem Buch 😀
        Momentan bin ich auch nicht so der Fan romantischer Romane, vielleicht habe ich auch deswegen schon so lange nichts mehr von ihr gelesen, mal sehen, vielleicht wird es diesen Sommer wieder 🙂

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  2. Hey Ida,

    was für ein interessantes Buch. Obwohl ich dich völlig verstehen kann … ich bin auch ein Coveropfer. Ich sag nur – Plötzlich Fee. Ewig nicht angerührt, weil mir das Cover und der Klappentext einfach etwas völlig anderes vorgegaukelt haben, als tatsächlich im Buch enthalten war. Von daher, verstehe ich dein Problem hier total. Dennoch klingt es interessant. Ich selbst habe noch kein Buch der Autorin gelesen, aber ich bin gespannt, welche Bücher du noch von ihr vorstellen wirst.

    Liebe Grüße
    Ella ❤

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    1. Hallo liebe Ella! ❤

      Puuh.. da bin ich ja erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die sich auch mal vom Cover beeinflussen lässt. 😉 Und von 'Plötzlich Fee' hab ich auch schon gehört – und auch da hat mich das Cover ein bisschen 'abgeschreckt', auch wenn das Buch es wahrscheinlich überhaupt nicht verdient hat. 😀
      Ich bin auch schon gespannt auf die anderen Lucinda Riley-Bücher, die noch so in meinem Regal stehen. Immerhin habe ich hier die Empfehlung von meiner besten Freundin – also kann es eigentlich nur gut werden 😉

      Liebste Grüße,
      Ida

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      1. Moin Ida,

        nein, das bist du mit Sicherheit nicht und ich denke, das es noch viel mehr Lesemenschen so geht. Wir Menschen sind in vielerlei Hinsicht halt sehr visuell geprägt. ^^

        Liebe Grüße
        Ella ❤

        Liked by 1 person

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