Ida schreibt

#WritingFriday [6]: “Die Schneekugel”

Wieder ist eine Woche vergangen und das Wochenende steht vor der Tür. Und weil heute Freitag ist, gibt es natürlich wieder einen Beitrag zum #WritingFriday von Elizzy und damit eine Aufgabe, die wunderbar zu dem Winterwetter passt, dass hier momentan jedes kleine Kind in unserer Umgebung (und, zugegeben, mich auch) erfreut:

„Du erklärst einem Kind aus den Tropen, was Schnee ist.“

Die kleine Geschichte hat zwischendrin eine unerwartete Wendung erhalten und ist deshalb wieder etwas länger geworden – aber wie schon im letzten Beitrag gilt: Wen die Länge nicht abschreckt, dem wünsche ich jetzt viel Spaß beim Lesen!


„Die Schneekugel“

Ich summte ein Lied aus meiner Kindheit, während ich den Inhalt meiner zwei Koffer in Schränken verstaute und mir der Schweiß im Nacken zusammenlief. Es war noch nicht einmal Mittag, aber die brütende Hitze war für mich als Nordlicht schon jetzt unerträglich. Ich hielt inne und raffte mein langes Haar zusammen, band es zu einem Zopf und fächelte mir mit einigen losen Blättern meiner Aufzeichnungen Luft zu. Die Kühle war nur von kurzer Dauer, und schon bald fühlte ich mich wieder klebrig und wie ein Sonntagsbraten im Ofen bei Ober- und Unterhitze. Kurz überlegte ich, ob eine Kurzhaarfrisur in diesen Gefilden vielleicht doch angebracht wäre, dann aber siegte meine Eitelkeit. Außerdem hatte meine Schwester damit auch kein Problem, sie flocht sogar noch jeden Morgen ein paar Blumen in ihr weißblondes Haar. Sie war auch der Grund, warum ich mich jetzt auf einer philippinischen Insel befand, statt daheim vorm prasselnden Feuer von flackernden Kerzen umringt über meinem Grimoire und anderen alten Büchern zu brüten. Aber als sie mir bei unserem wöchentlichen Skype-Anruf mitteilte, dass sie ihr zweites Kind erwartete und meine Hilfe brauchte, hatte ich im Kopf bereits die Koffer gepackt, ein Flugticket bestellt und mich wohnlich bei ihr und ihrem philippinischen Mann eingerichtet. Und nun war ich hier und schwitzte aus allen Poren. Ich musste die Klimaanlage ausfindig machen, das stand fest.

Das Patschen nackter Kinderfüße auf blankem Holzboden riss mich aus den Gedanken und ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Nieva!“, rief ich freudig aus, ging in die Hocke und streckte die Arme nach meiner sechsjährigen Nichte aus. „Tante Maddie!“, quiekte sie erfreut. Sie war wohl die einzige kleine Seele auf der Welt, die meinen Namen derart abkürzen durfte. „Wie geht es meiner Lieblingsnichte?“, fragte ich, während ich sie liebevoll an mich drückte und ihren weißblonden Haarschopf küsste. „Mir geht’s toll! Ich freu mich so, dass du hier bist! Wollen wir am Strand nach Muscheln suchen und daraus Freundschaftsketten basteln?“ Ihre Augen glänzten voller Vorfreude.
Ich lachte. „Nun lass dich doch erstmal ansehen. Du bist deiner Mama wie aus dem Gesicht geschnitten!“ – „Das sagt Papa auch immer“, grinste die Kleine.
„Willst du mir beim Auspacken helfen?“, fragte ich und erwartete beinahe ein schmollendes Nein, doch Nieva machte sich bereits daran, meine Koffer zu durchwühlen. Sie hob ein in bunte Schals gewickeltes Kleinod aus den Tiefen des Reisekoffers und machte sich mit Eifer daran, es zu entfalten. Bald lag es ausgewickelt und glitzernd vor ihr. Staunend blickte sie zwischen mir und dem Gegenstand hin und her und fragte schließlich: „Was ist denn das?“ Ich musste schmunzeln. „Das ist eine Schneekugel.“ Nieva staunte Bauklötze. „Was macht die?“  Jetzt musste ich lachen. Das Kind einer Frau aus dem Norden, das in den Tropen aufgewachsen war, fragte mich, was eine Schneekugel ist. Ich wies sie an, die Kugel zu schütteln. Ihre Augen weiteten sich in kindlichem Entzücken, als sie den kleinen weißen Schneeflocken darin bei ihrem lustigen Tanz zusah. „Die weißen Flocken sind das, wonach dich deine Mama und dein Papa benannt haben.“
„Schnee?“
„Genau, Schnee. Weil du so schönes helles Haar hast, und nicht so dunkles wie dein Papa. Und weil deine Mama den Schnee schon als Kind sehr geliebt hat, bevor sie deinen Papa eben mehr lieb hatte und in die Tropen gezogen ist, wo es statt Schnee nur Hitze gibt“, seufzte ich, während ich fühlte, wie sich Schweißperlen meinen Rücken hinunterstürzten.
„Ich hab nie ganz verstanden, was Schnee ist“, gab Nieva einen Moment später zögerlich zu, während sie die Schneekugel wieder und wieder schüttelte und fasziniert die wirbelnden Flocken betrachtete. „Fühlt sich Schnee warm an?“
„Ganz im Gegenteil. Er ist klirrend kalt. Wenn eine Schneeflocke deine Hand berührt, ist es erst ganz kalt, ehe sie wegen der Wärme deiner Haut zu schmelzen beginnt.“
Mir kam eine Idee und ich war ein wenig aufgeregt. Eigentlich sollte ich es nicht tun, aber wozu hatte man Kräfte, wenn man sie nicht benutzte? Ich kniete mich neben Nieva auf den Boden. „Was hältst du davon, wenn ich es dir zeige?“
„Das kannst du? Hast du Schnee dabei?“, fragte sie und reckte ihren kleinen Hals, wie um einen Blick darauf in meiner Tasche zu erhaschen. Ich schmunzelte. „Nicht ganz. Hier, halt meine Hand und schließ die Augen.“ Dann legte ich meine Hand auf die Schneekugel und konzentrierte mich auf das Knirschen von Schnee unter meinen Füßen, auf die Stille einer Schneelandschaft und die prickelnde Kälte von Schneeflocken auf der Zunge. Als ich die Augen wieder öffnete, hörte ich einen überraschten und freudigen Ausruf und war selbst ein wenig erstaunt, dass es so einwandfrei funktioniert hatte. Wir waren umringt von schneebedeckten Tannen, und vom Himmel fiel sachte der Schnee auf unsere Nasenspitzen. „Wie… was? Das ist ja irre!“ Nieva stieß einen Freudenschrei aus und versenkte ihre Hände im kalten Weiß. „Au! Der beißt ja!“, stellte sie nach einer Weile fest und befreite ihre Hände. Ich rubbelte sie mit einem einfachen Wärmezauber wieder warm. „Das ist eher liebevolles Kneifen, solange man es nicht übertreibt“, zwinkerte ich ihr zu. „Tante Maddie, das ist wunderschön“, hauchte Nieva, als sie ihren Blick über die in der Sonne glitzernde Schneepracht gleiten ließ. Wir waren in der Schneekugel, nur dass hier gerade die Schneeflocken ohne Unterlass vom Himmel fielen. Das Glitzern in Nievas Augen sagte mir, dass es Zeit wurde, ihr zu zeigen, wie man bei uns im Schnee spielte, wie eine Schneeballschlacht funktionierte und wie man einen Schneemann baute.
Als wir nach einer halben Stunde ausgelassenem Toben im Schnee beschlossen, wieder in Nievas tropisches Zuhause zurückzukehren, war Nieva voller Begeisterung für dieses ihr zuvor unbekannte weiße Winterwunderland, aber auch ein wenig müde und erschöpft von der ungewohnten Kälte. Ich nahm sie in den Arm, schloss die Augen, murmelte ein paar lateinische Wörter vor mich hin und kurz darauf empfing uns die flirrende Hitze meines Gästezimmers. Nieva schlug die Augen auf, und nur noch die geröteten Wangen und kühle Nasenspitze deuteten auf unseren kleinen Ausflug in die Tiefen der Schneekugel hin. „Tante Maddie“, lachte Nieva plötzlich. „Sieh doch nur!“ Sie deutete auf die Schneekugel. Und richtig, da stand er noch, der von uns gebaute, etwas schiefe Schneemann. Und rundherum die Fußspuren eines großen und eines kleinen Menschen.
Nieva stand auf und reichte mir die Hand. „Und jetzt“, sagte sie stolz und auch ein bisschen aufgeregt, „zeige ich dir meine Welt.“


Text: Ida


 

Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [5]: “Was ist Liebe für dich?”

9 thoughts on “#WritingFriday [6]: “Die Schneekugel”

  1. Liebe Ida, das ist eine wundervolle und im wahrsten Sinne des Wortes eine zauberhafte Geschichte! Es gefällt mir unglaublich gut wie du das Thema umgesetzt hast und dein Schreibstil ist sehr fesselnd!
    Wünsche dir ein schönes Wochenende ❤

    Liked by 1 person

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