Ida schreibt

#WritingFriday [4]: “Du spieltest Cello”

Ihr Lieben! Nachdem es letzte Woche keinen WritingFriday-Beitrag von mir gab, geht es jetzt im Februar frisch und munter weiter. Wer es noch nicht kennt: Der #WritingFriday ist eine Aktion von Elizzy, an der jeder jederzeit teilnehmen darf und sich etwas Tolles zu den von ihr gestellten Aufgaben ausdenken kann. Diesen Februar sind auch wieder tolle Themen dabei, von denen ich mir für heute Folgendes ausgesucht habe:

“Ein vernachlässigtes Cello erzählt”

Sobald ich diese Aufgabe gesehen habe, musste ich an das Lied “Du spieltest Cello” von Udo Lindenberg und Clueso denken – daher auch der Titel, der – genau wie das Lied – ziemlich gut zum Text passt. 😉 Und schon lief das Lied und andere Lieder von Clueso im Hintergrund, während ich an der kleinen Geschichte schrieb. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


Du spieltest Cello

Gebannt lauscht er in die Stille. Bildet er es sich ein, oder nähern sich Schritte? Ach was, wahrscheinlich nicht. Er seufzt. Es ist schon so lange her. Ganze Jahre sind ins Land gezogen, seit sie ihn das letzte Mal zärtlich umfasst hatte, ihn voller Hingabe berührt und sich im Klang ihrer gemeinsamen Liebe verloren hatte. Wie hatte er sie geliebt! Noch immer hofft er. Noch immer ist er sich sicher, irgendwann würde sie zu ihm zurückkehren, sich doch noch, nach all der Zeit, für ihn entscheiden. Er hatte noch so viel zu erzählen, so viel Liebe zu geben, dass ihm ganz schwindlig wird in seinem schwarzen Kasten. Er kann nicht mehr an sich halten und ruft: „Das kann es nicht gewesen sein, nein, dafür war unsere gemeinsame Zeit zu schön, unsere Liebe war etwas ganz besonderes! Ich merke doch, wie sehr sie sich nach mir sehnt! So eine Liebe, die geht nicht einfach so vorbei!“
„Nun hört euch das an, jetzt wird er wieder pathetisch“, raschelt der grüne Glitzerfummel rechts von ihm. „Ich kann es auch schon nicht mehr hören“, knistert es etwas weiter links. Ordinäres Pack. Was wussten sie schon? Gewöhnlicher Unrat in Kisten und an Stangen hängend, das waren sie! Ausrangiert und ungeliebt, alle miteinander. Aber er! Er gehörte zur Elite! Was hatte man ihn gefeiert, im Rampenlicht bestaunt, beklatscht, bejubelt. Welch zarte Klänge hatten ihre weichen Hände ihm entlockt, welch gewaltigen Melodien. Er erschaudert beim Gedanken daran und unterdrückt ein weiteres, tiefes Seufzen, das sich in seiner Mitte zu bilden beginnt.

Er erinnert sich zurück an die Zeit, in der sie ihn erwählt hatte, ihn, vor allen anderen. Mit vor Stolz geschwollener Brust hatte er in seinem Koffer gelegen, während sie ihn von Auftritt zu Auftritt trug. Jeden Moment mit ihr hatte er genossen, jede Berührung in sich aufgesogen, jede Träne, jeden Wutausbruch hatte er ertragen. Denn am Ende, da spürte er ihren Stolz auf das, was sie gemeinsam geschaffen hatten: Musik, die alle bewegte, die alle berührte und Menschen vor Glück zum Weinen brachte.

Und dann trat eine neue Liebe in ihr Leben. Ein neuer Traum, ein neues Glück, und nun steht er seit einer ganzen Weile schon mit all dem anderen Kram in einer Abstellkammer. Das musste man sich einmal vorstellen, mit ausrangierten Tretern, kaputten Lampen und am schlimmsten, mit der Weihnachtsdeko, die immer so optimistisch klimpert und klingelt und wenigstens einmal im Jahr Beachtung findet, ehe sie wieder zurück muss in diese muffige Kammer.

Dann öffnet sich plötzlich die Tür. Ein Raunen geht durch den Raum. Ist das der Moment, auf den sie alle warten? Werden sie jetzt endlich wieder herausgeholt ins Licht, ins Leben? Sie steht im Türrahmen, einen Karton voller Klamotten im Arm. Goldenes Sonnenlicht umspielt sie, ganz wie früher das Rampenlicht. Für einen kurzen Moment geht sein Herz auf, fliegt ganz zu ihr und ruft sie zu sich. Sie stellt die Kiste ab, sieht sich im Raum um. Der Glitzerfummel raschelt erwartungsvoll. Langsam dreht sie sich um. Ihre dunklen Augen ruhen ganz auf ihm in seinem schwarzen Koffer. Zögernd macht sie ein paar Schritte in seine Richtung, und oh, sie ist so nah. Ihre Hand bewegt sich wie von selbst auf ihn zu, ist noch Millimeter von ihm entfernt. Sein Herz schlägt so laut, ein hohler Klang in seinem Gehäuse. „Mama, wir müssen los! Wir kommen noch zu spät zur Turnstunde!“, ruft es plötzlich von weit weg. Ihre Hand zuckt zurück, sein Herz zieht sich zusammen, sie schließt die Augen. Seufzt. Als sie den Raum verlässt, weinen zwei Herzen.


Text: Ida


 

Hier kommt ihr zu meinem letzten WritingFriday-Beitrag:

#WritingFriday [3]: “At the Edge of Freedom”

 

19 thoughts on “#WritingFriday [4]: “Du spieltest Cello”

  1. Wow, was für eine spannende Geschichte! Etwas ähnliches hatte ich zu dem Thema auch im Sinn.

    Man kann sich in deiner Geschichte so richtig in die Traurigkeit des Cellos einfühlen.

    Ich muss übrigens seit ich diesen Song von Clueso kenne und nur das Wort Cello höre oder lese an genau diesen denken. 😂

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  2. Hey,
    oh je, was für ein armes trauriges Cello. Dein Text geht einem wirklich nah und man empfindet wahres Mitleid mit dem lieben Cello.
    LG
    Janika

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  3. Liebe Ida,

    dein Text ist schon und doch total traurig. Zum Schluss hatte ich totales Mitleid mit dem armen Cello, was dort im Keller, neben dem ganzen anderen Unrat herumsteht. Aber die Hoffnung bleibt, dass sie zurückkehren wird. Immerhin schien es ja so, als hätte sie durchaus Lust, ihr Cello mal wieder aus dem Keller zu holen. 🙂 An das Lied von Lindenberg und Clueso hatte ich gar nicht gedacht, aber du hast recht, es passt ganz wunderbar dazu. Du hättest den Youtubelinke gleich mit einbinden sollen! 😀

    Alles Liebe
    Ella ❤

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    1. Hallo liebe Ella!
      Ich danke dir 🙂 Stimmt, ich hatte noch überlegt den Link einzufügen, habe es dann aber letztendlich doch vergessen. Ich schiebe es einfach mal darauf, dass es halb acht am Morgen war.. 😀
      Liebste Grüße,
      Ida

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  4. Oh Ida, was für ein schöner Text, das arme Cello! Das gefällt mir wirklich sehr und ich konnte die kurzzeitige Hoffnung richtig spüren.

    Liebe Grüße, Kerstin

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